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Fotos (4): Caritas Socialis / www.cs.or.at
 
Palliative Care 9. Februar 2010

Bis zuletzt nicht allein

Serie über Palliative Care in fünf Teilen.

Cicely Saunders war Krankenschwester und Sozialarbeiterin. Nach Begegnungen mit unheilbar kranken Menschen begann sie ein Medizinstudium. Im Londoner „St. Christopher´s Hospice“ legte sie 1967 den Grundstein für ein multidimensionales Schmerzkonzept. Cicely Saunders gilt seither als Pionierin der Hospizbewegung. Ihr „multidimensionales“ oder „interdisziplinäres“ oder „kommunikationsspezifisches“ Denken ist auch heute noch aktuell.

 

„Der medizinische Zugang ist nur ein Teil in der letzten Lebensphase. Ebenso wie die Pflege, die Sozialarbeit, Angebote wie Physio- und Ergotherapie, psychosoziale und spirituelle Begleitung“, zählt Dr. Annette Henry, Palliativmedizinerin am Wiener „CS-Hospiz Rennweg“ der Caritas Socialis, die wesentlichen Standbeine der heutigen Versorgung auf.„Gerade in den letzten zehn Jahren hat sich vieles im Umgang mit dem Sterben verändert. Trotzdem bleibt der Tod auch unter Kollegen oft ein Tabu: Es wird viel zu wenig darüber gesprochen, auch im interkollegialen Dialog.“

Zum schweren Umgang mit dem Sterben kommt noch eine andere Problematik hinzu, die nämlich, alles alleine schaffen zu wollen. Aber: Wer kann das schon? „Einige Ärzte – sowohl im intra- als auch extramuralen Bereich – haben das Gefühl oder die Einstellung, die Begleitung der letzten Lebensphase in jedem noch so komplexen Fall alleine bewältigen zu müssen“, beschreibt Gabi Hauser, DGKS und Regionalbeauftragte der Tiroler Hospiz Gemeinschaft, ihre Erfahrungen. Bei ihr oder einem Palliativ- bzw. Hospizteam melden sich manche erst dann, wenn eine Betreuungssituation eskaliert – „dann gibt es aber bei weitem nicht mehr die Möglichkeiten, die bei einer früh beginnenden Kooperation gegeben wären“, betont Hauser.

Allgemeine Palliative Care

„Etwa 10 Prozent der Menschen brauchen eine Begleitung mit spezialisierter Palliative Care“, schätzt Dr. Ines Eberl, Fachärztin für Anästhesie und Palliativärztin und Leiterin von vier mobilen Palliativteams in Salzburg. Für die anderen 90 Prozent gibt es aus ihrer Sicht so etwas wie eine „Allgemeine Palliative Care“: „Der Großteil der Patienten wird in der letzten Lebensphase ausschließlich – und dies meist sehr gut – vom Hausarzt in Kooperation mit niedergelassenen Fachärzten, Spitalsärzten oder den Fachpflegekräften im Spital sowie in Heimen betreut.“

Auch hier gibt es viele Fragen: Wann macht eine Überweisung ins Spital noch Sinn? In welcher Situation ist eine Wiederbelebung nicht mehr angezeigt? Hier ist ein Grundwissen über Themen wie „Therapiebegrenzung“ oder „Bekämpfung von häufigen Symptomen“ wie Übelkeit und Atembeschwerden gefragt. Wesentlich ist auch die Haltung zum Patienten, die am besten mit Low Tech High beschrieben werden kann. „Themen wie Kommunikation, Überbringen schlechter Nachrichten oder das gemeinsame Finden von Lösungen bei auch ethisch schwierigen Situationen kommen in der Ausbildung von Ärzten und Fachpflegekräften nach wie vor viel zu kurz“, so Eberl.

Sie beobachtet auch immer wieder einen negativen „Ping-Pong-Effekt“: „Leider kommt es nach wie vor oft dazu, dass Patienten ins Spital überwiesen werden, wenn sich der niedergelassene Arzt mit der Betreuung überfordert fühlt. Doch auch dort sind schnell die Grenzen erreicht, und das Krankenhaus entlässt den Patienten wieder. Das kann einige Male hin und her gehen. Letztlich verstirbt der Mensch etwa während des Transportes oder kurz nach Ankunft in der Klinik, obwohl er gerne zu Hause geblieben und dort gestorben wäre.“ Das verursacht sehr hohe Kosten auch im diagnostischen Feld etwa durch Labor- und Röntgenuntersuchungen, die keine wirklich neuen Informationen bringen. Auch die Folgekosten werden häufig unterschätzt. Pflegende Angehörige können teuer werden, wenn die entsprechende Unterstützung fehlt und Burn out oder Suizidgefährdung folgen. Daher ist es entscheidend, die ergänzende Unterstützung von mobilen Palliativ- und Hospizteams rechtzeitig in Anspruch zu nehmen, und sei es nur über eine telefonischer Konsultation.

Ähnlich sieht das auch Dr. Johann Baumgartner, Leiter der Koordination Palliativbetreuung Steiermark: „Nicht bei jedem Menschen ist es automatisch nötig, Experten aus den Feldern der Palliative Care oder Hospizarbeit hinzuzuziehen.“ Wichtig bleibe seiner Meinung nach die Grundhaltung der individuellen Begleitung bis zuletzt, die nicht um jeden Preis alle erdenklichen Varianten und Möglichkeiten der kurativen Medizin ausnutzt – weil das gar keinen Sinn mehr mache.

Hospiz und Palliative Care
Etwa 70 Prozent der Österreicher versterben in einem institutionellen Kontext, also im Spital oder Alters- und Pflegeheim, obwohl der Großteil den Wunsch hat, zu Hause zu sterben. Gerade deshalb ist die Rolle der niedergelassenen Ärzten bei der Begleitung von Menschen in der letzten Lebensphase wesentlich.
Daten aus der Steiermark zeigen deutlich, dass stationäre Strukturen im Umfeld der Palliative Care zwar wichtig sind, aber eine Konzentration auf mobile Teams auch aus ökonomischer Sicht richtig wäre. Die Hospiz- und Palliative-Care-Versorgung ist leider nach wie vor stark von Spenden abhängig.

Hier daher das Spendenkonto des Dachverbands Hospiz Österreich:
31.003.902.130, Erste Bank, BLZ 20.111.

Von Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher , Ärzte Woche 6 /2010

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