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osteoporose 19. Jänner 2006

Volkskrankheit Osteoporose: die Situation spitzt sich zu

Prävalenz und Inzidenz osteoporotischer Frakturen in Österreich steigen stetig an.
Von Prof. Dr. Kurt Weber, Graz*

Osteoporose zählt heutzutage bereits zu den so genannten Volkskrankheiten. Die Weltgesundheitsorganisation führt Osteoporose unter den zehn häufigsten Erkrankungen weltweit. Durch die prognostizierten demographischen Veränderungen – der Anteil der über 60-Jährigen an der Gesamtbevölkerung der Europäischen Union wird sich bis 2050 verdoppeln, der Anteil der über 80-Jährigen etwa verdreifachen – wird Osteoporose eine der wesentlichsten Herausforderungen für die Gesundheitssysteme der Europäischen Union werden. Eine der Voraussetzungen für die Bewältigung dieser immanenten osteoporosebezogenen Probleme sind exakte epidemiologische Daten zum Krankheitsbild, die als Ausgangspunkt der zu entwickelnden Strategien dienen.

EVOS und EPOS

Österreich ist in der glücklichen Lage, über exakte Zahlen zur Prävalenz und Inzidenz osteoporotischer Frakturen zu verfügen. Diese Zahlen stammen aus zwei großen prospektiven Forschungsprogrammen der EU, der European Vertebral Osteoporosis Study (EVOS) und der European Prospective Osteoporosis Study (EPOS). Diese epidemiologischen Studien wurden im Rahmen des Biomedical Health Research Program in den Jahren 1988 bis 1990 geplant. In initial 32 osteologischen Zentren wurden EU-weit 14.000 Männer und Frauen randomisiert aus Melderegistern eingeladen, an diesem epidemiologischen Forschungsprogramm teilzunehmen. Diese Probanden waren bei Studienbeginn im Jahr 1990 zwischen 50 und 75 Jahre alt. Initial wurden zur Erfassung der Prävalenz osteoporotischer Frakturen standardisierte Röntgenaufnahmen der BWS und LWS angefertigt, osteoporosebezogene Fragebögen ausgefüllt, Osteodensitometrien mittels DEXA und Blutabnahmen durchgeführt. EPOS ist die prospektive Fortsetzung von EVOS: Die Teilnehmner werden alle drei Jahre zu Folgeuntersuchungen (Wirbelsäulenröntgen, Densitometrien, Fragebögen, Blutabnahmen) in die Zentren eingeladen. Somit liegen durch dieses weltweit einzigartige Patientenkollektiv prospektive Daten über 14 Jahre vor. Die digitalisierte Beurteilung der Röntgenaufnahmen erfolgt zentral in Berlin durch die Arbeitsgruppe von Prof. Felsenberg. Die Auswertung der Daten erfolgt durch die ARC Epidemiology Research Unit in Manchester (Prof. Silman) und durch die Bone Research Group des Institute of Public Health der Universität Cambridge (Prof. Reeve). Für Österreich werden diese Untersuchungen von meiner Arbeitsgruppe an der Abteilung für Endokrinologie/ Nuklearmedizin der Medizinischen Universitätsklinik Graz durchgeführt.

Prävalenz osteoporotischer Frakturen

Wirbelkörperfrakturen: Die in EVOS verwendete Definition einer prävalenten Wirbelkörperfraktur basiert auf einer Höhenminderung der vorderen, mittleren oder hinteren Wirbelkörperhöhe von mindestens 25 Prozent. EU-weit liegt die Prävalenz osteoporotischer Wirbelkörperfrakturen bei Männern und Frauen bei etwa 12 Prozent (range 6 bis 21 Prozent bei Frauen, 8 bis 20 Prozent bei Männern), es fand sich somit kein Unterschied zwischen Männern und Frauen. Nach Altersgruppen haben zwischen 50 und 54 Jahren vier bis acht Prozent der Bevölkerung bereits mindestens eine Wirbelkörperdeformität, die die genannten Kriterien einer Wirbelkörperfraktur erfüllt. Diese Zahlen steigen auf 22 bis 24 Prozent in der Altersgruppe über 75 Jahre. Die Beeinträchtigung des Gesundheitsstatus des Betroffenen durch Rückenschmerzen und Bewegungseinschränkungen korreliert bei Männern und Frauen signifikant mit Schwere und Anzahl der Wirbelköperdeformitäten. Damit konnte bewiesen werden, wie groß die gesundheitspolitische Relevanz dieser Veränderungen ist.
Schenkelhalsfrakturen: Die Prävalenz ist durch die Kodierungssysteme ICD 9 und ICD 10 erfassbar: Im Jahr 2000 gab es in Österreich etwa 12.000 vermutlich osteoporosebedingte Schenkelhalsfrakturen, die Geschlechtsrelation zwischen Männern und Frauen liegt zwischen 1:2 bis 1:3. Als Folge einer Schenkelhalsfraktur versterben etwa 20 Prozent der Betroffenen an postoperativen Komplikationen (Pneumonie, PAE, etc.) und 30 Prozent bleiben behindert oder betreuungs-/ pflegebedürftig. Nur 50 Prozent der Schenkelhalsfrakturpatienten erreichen nach der Fraktur wieder den Grad an Mobilität, den sie vor der Fraktur hatten. Dies zeigt die enorme Auswirkung einer Schenkelhalsfraktur auf Lebensqualität und Lebenserwartung älterer Menschen.

Inzidenz osteoporotischer Frakturen

Die European Prospective Osteoporosis Study lieferte erstmals exakte Daten zur Inzidenz typischer osteoporotischer Frakturen:
Wirbelkörperfrakturen: Die Inzidenz wurde mittels standardisierter Röntgenbilder ermittelt. Als Definition einer inzidenten Wirbelkörperfraktur wurden das Erfüllen der Kriterien einer prävalenten Fraktur (25 Prozent Höhenminderung einer der drei Wirbelkörperhöhen) und eine Höhenabnahme von 20 Prozent im Vergleich zum Ausgangsröntgenbild gewählt. Danach liegt die Inzidenz neu aufgetretener Wirbelkörperfrakturen bei über 50 Jahre alten Personen für Männer bei 5,7 und für Frauen bei 10,7 jeweils pro 1.000 Patientenjahre.
Schenkelhalsfrakturen: Die Inzidenz ist naturgemäß wesentlich einfacher mittels Fragebogen zu erfassen. Diese liegt für Männer bei 0,8 und für Frauen bei 1,2 jeweils pro 1.000 Patientenjahre.
Unterarmfrakturen: Die Inzidenz wurde ebenfalls mittels Fragebogen erfasst, sie beträgt für Männer 1,7 und für Frauen 7,3 pro 1.000 Patientenjahre.
Osteoporotische Frakturen und Stürze: Erstaunlich ist die wesentlich größere Differenz zwischen Männern und Frauen hinsichtlich der Inzidenz der Unterarmfrakturen gegenüber jener von Wirbelkörper- und Schenkelhalsfrakturen. Unterarmfrakturen sind typische Sturzfrakturen. Deshalb liegt der Verdacht nahe, dass die größere Anzahl von osteoporotischen Frakturen bei Frauen auch durch eine höhere Sturzinzidenz erklärbar sein könnte. Die Sturzhäufigkeit wird in EVOS und EPOS mittels Fragebogen erfasst und zeigt, dass Frauen in den verschiedenen Altersgruppen um bis zu 50 Prozent häufiger stürzen als altersgleiche Männer (Tabelle). 30 Prozent der über 50-jährigen Menschen stürzen mindestens einmal jährlich, dies bedeutet 17 Millionen Sturzopfer in der EU pro Jahr. Die Zahl der Stürze nimmt exponentiell mit dem Alter zu. Sechs Prozent aller Stürze führen zu Frakturen. Dies zeigt die Bedeutung einer Sturzprophylaxe als unverzichtbaren Bestandteil einer effektiven Osteoporosetherapie.

Enorme Kosten

Die absolute Zahl der Schenkelhalsfrakturen wird in Österreich von etwa 12.000 im Jahr 2000 auf geschätzte 25.000 im Jahr 2040 ansteigen. Die Zahl der Wirbelkörperfrakturen wird bis zum Jahr 2050 auf etwa 910.000 anwachsen. Die damit verbundenen Kosten werden gewaltig sein: Derzeit kostet die stationäre Versorgung einer Schenkelhalsfraktur um die 12.000 Euro, dies ergibt bei 12.000 Frakturpatienten bereits jetzt Kosten von 144 Millionen Euro. Rechnet man dazu noch die poststationär anfallenden Kosten, so verdreifacht sich dieser Betrag. Die im Jahr 2040 zu erwartenden 25.000 Schenkelhalsfrakturen werden nach derzeitigen Kalkulationen somit Kosten von 900 Millionen Euro jährlich verursachen. Die durch Wirbelkörperfrakturen bedingten Kosten für Schmerztherapien, Physiotherapien, Krankenstände, krankheitsbedingt verminderte Arbeitsleistung etc. sind kaum abschätzbar. Osteoporose wird durch den zunehmenden Anteil älterer Menschen an der Gesamtbevölkerung zu einem der größten medizinischen Probleme der Zukunft. Osteoporotische Frakturen werden neben dem menschlichen Leid überproportional hohe Kosten im Gesundheitssystem verursachen. Ärzte und Politiker sind aufgerufen, rechtzeitig Präventionsstrategien und Adaptierungen der gesundheitspolitischen Strategien zu entwickeln, um den Problemen der Volkskrankheit Osteoporose begegnen zu können.

 

Kontakt: * Prof. Dr. Kurt Weber, Medizinische Universitätsklinik Graz, Leiter der „Aktion gesunde Knochen“, E-Mail:

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