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Orthopädie 30. Juni 2005

Osteoporose: Immobilität als zusätzliche Gefahr

Im Rahmen einer längerdauernden Immobilität bei geriatrischen Patienten kommt es nachweislich zu einem deutlichen Knochenmasseverlust. Durch ein optimales Therapiemanagement können Komplikationen im Behandlungsverlauf rechtzeitig erkannt und eine Verminderung der Lebensqualität vermieden werden.

Postoperativ, nach traumatologisch bedingten Schenkelhalsoperationen oder nach Sturzereignissen, die eine längerdauernde Immobilität bedingen, kommt es nachweislich zu
einem deutlichen Knochenmasseverlust. Calcitonin ist ein ausgezeichnetes Medikament zur Prävention des akuten Knochenmasseverlustes bei immobilisierten Patienten. Zudem senkt es das erhöhte vertebrale Frakturrisiko.

Fallbericht aus der Praxis

Dr. Peter Peichl, Oberarzt an der Abteilung für Rheumatologie und Osteologie des Kaiser Franz Josef-Spital, Wien, zeigt am typischen Beispiel einer geriatrischen Osteoporose-Patienten nach Sturz, wie durch optimales Therapiemanagement "pit falls" und Komplikationen im Behandlungsverlauf rechtzeitig erkennbar sind und Einbußen der Lebensqualität vermieden werden können:
Eine 82jährige Patientin mit bekannter Osteoporose erlitt im Rahmen eines Sturzes eine schmerzhafte Contusio coxae sin. und eine frische Fraktur in Höhe des zweiten Lendenwirbelkörpers.
Außerdem wurde eine ältere Keilwirbelbildung in der Höhe des achten Brustwirbelkörpers sowie eine chronische Dorsolumbalgie diagnostiziert. An internistischen Erkrankungen waren eine arterielle Hypertonie, koronare Herzerkrankung sowie vor zwei Jahren ein blutendes Magenulkus bekannt.
Die Patientin war klinisch in einem altersentsprechend guten Allgemeinzustand und bis zu diesem Sturzereignis völlig mobil und selbständig. Die Knochendichtemessung mittels DEXA ergab an der Lendenwirbelsäule einen T-Score von Minus 4,0, der Z-Score betrug Minus 2,6. Die DEXA-Messung der Schenkelhalsregion rechts ergab eine T-Score von Minus 2,0 der Z-Score war Minus 1,6.
Routineblutwerte ergaben eine Normokalzämie und Normophosphatämie, Leberparameter im Normbereich und unauffällige Werte für das Blutbild. Es zeigte sich lediglich ein leicht erhöhtes Kreatinin und eine minimal eingeschränkte Nierenfunktion. Der Harbefund sprach für eine Hyperkalzurie und eine Hypophosphaturie.

Typische blutchemische Konstellation

Die alkalische Phosphatase war leicht erhöht und die knochenspezifischen Blutparameter wie Osteokalcin leicht erniedrigt. Die Deoxypyridinoline im Harn waren im Normbereich, die Serumcrosslaps hingegen deutlich erhöht; Das PTH (Parathormon) war im Sinne eines sekundären Hyperparathyreotismus erhöht bei zugleich deutlich erniedrigtem 25 Hydroxy-Vitamin D.
Diese blutchemische Konstellation gilt als typisch für ältere OsteoporosepatientInnen mit Vitamin D-Mangel. Um eine ausreichende Normokalzämie zu gewährleisten ist sekundär das Parathormon leicht erhöht. Zur Bereitstellung eines ausreichenden Calciumpools für das Blut sind als Zeichen einer erhöhten osteoklastären Aktivität die alkalische Phosphatase und die Serumcrosslaps deutlich erhöht. Ein erniedrigtes Osteocalcin spricht für eine geringe Umbaurate im Knochen selbst.
Zur Beurteilung der unmittelbaren geriatrischen Ausgangssituation und des Rehabilitationspotenzials wurden objektivierende geriatrische Untersuchungen durchgeführt.
Der Barthel Index und das Screening nach Lachs zeigten eine Hilfsbedürftigkeit in allen Qualitäten, der Tinnetti-Test zeigte eine ausgeprägte Sturzgefährdung. Die Schmerzbeurteilung mittels VAS war ebenfalls deutlich erhöht.

Neue und spezifisch osteologische Therapie

Als neue und spezifisch osteologische Therapie erhielt die Patientin anfangs Maxikalz ®1000 mg 1-0-0, Rocaltrol 0,25 µg Kps. 2-0-0 und Calcitonin 100 IE Nasalspray zweimal täglich morgens und abends verabreicht.
Gleichzeitig wurden bei der Patientin eine aktivierende Pflege, physikalische Remobilisation und Ergotherapie mit Anleitung zum Selbsthilfetraining durchgeführt.
Im Rahmen des vierwöchigen Aufenthaltes am Akutgeriatrischen Department konnte die Patientin ihre anfänglich ausgeprägte Immobilität und Abhängigkeit von fremder Hilfe bis zur fast vollständigen Selbstständigkeit deutlich verbessern.

Laborwerte rückläufig oder im Normalbereich

Nach sechs Monaten erfolgte eine biochemische Kontrolle der anfänglich beschriebenen Laborwerte, die allesamt deutlich rückläufig bzw. wieder im Normalbereich waren.
Neben einer spezifischen antiresorptiven Therapie mit Calcitonin war bei dieser Patientin auch eine entsprechende Substitutionstherapie mit Kalzium und Vitamin D notwendig. Nach sechs Monaten konnte die Substitution auf ein Kalzium Vitamin D Kombinationspräparat umgestellt werden.
Die Patientin erhielt nach der sechsmonatigen Kontrolle Calcitonin täglich für die Dauer eines halben Jahres in einer Dosierung von zweimal einen Hub pro Tag weiter verordnet.
Auf Grund der Polymorbidität und der gastrointestinalen Vorerkrankung im Besonderen als auch der leicht eingeschränkten Nierenfunktion war Calcitonin in diesem Fall das optimale Therapieprinzip.
Dies galt auch in Anbetracht möglicher Nebenwirkungen wie sie beispielsweise unter Bisphopshonaten her bekannt sind. Eine orale oder intravenöse Bisphosphonattherapie stellt auf Grund der gastrointestinalen Vorerkrankungund der leicht eingeschränkten Nierenfunktion unserer Patientin eine relative Kontraindikation dar.

Quelle: OA Dr. Peter Peichl, 2. Medizinische Abteilung mit Rheumatologie und Osteologie, Kaiser Franz Josef Spital, Wien

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