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Hormontherapie als Thema beim Menopause-Andropause-AntiAging-Kongress im Dezember in Wien.

Prof. em. Dr. Martin Birkhäuser, Ehrenpräsident der Europäischen Menopause- und Andropause-Gesellschaft und ehemaliger Präsident der Schweizerischen Menopausengesellschaft

Prof. Dr. Christian Egarter, Leiter der Klinischen Abteilung für Gynäkologische Endokrinologie und Reproduktionsmedizin, Medi- zinische Universität Wien

 

Globaler Konsensus zur Hormontherapie

Die derzeit herrschende Verunsicherung bezüglich der menopausalen Hormontherapie (MHT) sollte nun beendet sein. Führende Fachgesellschaften aus aller Welt haben sich auf gemeinsame Empfehlungen geeinigt.

Starke Diskrepanzen zwischen den Empfehlungen regionaler und nationaler Menopausegesellschaften bezüglich der MHT haben die Ärzteschaft in der Vergangenheit verunsichert und dazu geführt, dass Frauen oft prinzipiell von einer Hormontherapie abgeraten wurde.

Da sich nun im Vorjahr abzeichnete, dass neue Studienerkenntnisse und Aktualisierungen die Unterschiede zwischen den Empfehlungen immer mehr schrumpfen ließen, beschloss die International Menopause Society (IMS) unter der Präsidentschaft von Tobie de Villiers, alle führenden regionalen Menopausegesellschaften zum Round Table einzuladen, um einen Konsensus zu Kernempfehlungen zu erarbeiten.

Unter Mitarbeit der American Society for Reproductive Medicine (ASRM), der Asia Pacific Menopause Federation (APMF), der European Menopause and Andropause Society (EMAS) und anderer Gesellschaften wurden nun ein Konsensus sowie auch aktualisierte Empfehlungen der IMS publiziert.

Die Kernaussagen

Wallungen: MHT ist in jeder Altersgruppe die wirksamste Behandlung vasomotorischer Symptome, die mit der Menopause assoziiert sind. Insbesondere in den ersten zehn Jahren nach der Menopause und für Frauen unter 60 Jahren überwiegen die Vorteile offenbar die Risiken.

Osteoporose: Für Frauen unter 60 mit erhöhtem Osteoporoserisiko ist MHT zur Prävention osteoporosebedingter Frakturen effektiv und geeignet.

Herz: Kombinierte Hormontherapie kann bei Frauen unter 60 Jahren und in den ersten zehn Jahren postmenopausal die Gesamtmortalität verringern. Reine Östrogentherapie in der Standarddosis verringert ebenfalls die Mortalität und reduziert zusätzlich koronare Herzkrankheiten.

Vaginale Trockenheit: Für Frauen, die lediglich unter vaginaler Trockenheit leiden, wird eine niedrig dosierte lokale Östrogentherapie empfohlen.

Ovarialinsuffizienz: Frauen mit vorzeitiger Ovarialinsuffizienz wird eine systemische MHT zumindest bis zum durchschnittlichen Menopausealter empfohlen.

Thromboembolie: Unter oraler MHT steigt das Risiko für venöse Thromboembolien und ischämischen Insult, doch ist das absolute Risiko unter 60 Jahren niedrig. Bei transdermaler MHT scheint das Risiko geringer oder bei niedriger Dosierung nicht mehr nachweisbar zu sein..

Brustkrebs: Das erhöhte MHT-assoziierte Brustkrebsrisiko bei Frauen über 50 Jahren ist gering und primär auf die Gestagenkomponente der kombinierten MHT zurückzuführen. Es ist außerdem abhängig von der Anwendungsdauer und sinkt nach Behandlungsende. Frauen, die bereits an einem Mamakarzinom erkrankt sind oder waren, wird aber aus Sicherheitsgründen von einer MHT abgeraten.

• Die Entscheidung zur MHT, sowie auch über Dosis und Dauer, muss immer individuell getroffen werden. Alter, Zeitspanne seit der Menopause und Risiken bezüglich Thromboembolie, Insult, ischämischer Herzerkrankung und Mammakarzinom sind zu berücksichtigen. Bioidentische Hormonpräparate in Individualrezeptur werden nicht empfohlen.

Die Autoren betonen, dass diese Kernempfehlungen – im Hinblick auf die weltweite Varianz von Erkrankungen einerseits und behördlichen Beschränkungen andererseits – die Empfehlungen nationaler und regionaler Gesellschaften nicht ersetzen wollen. Das Dokument diene lediglich dazu, hervorzuheben, welche Empfehlungen derzeit international übereinstimmend akzeptiert werden.

Quelle: Villiers et al.: Climacteric 2013; 16: 203–204 und 316–337

Prof. em. Dr. Martin Birkhäuser: „Geringere Sterblichkeit“

Neue Studienerkenntnisse haben gezeigt, dass eine richtig eingesetzte Hormontherapie das Herzinfarktrisiko nicht nur nicht steigert, sondern sogar senkt. Entscheidend ist, dass die Hormontherapie im richtigen Zeitfenster, also innerhalb von zehn Jahren nach der letzten Menstruation oder vor dem 60. Lebensjahr begonnen wird. Innerhalb dieses Zeitfensters übersteigt für das kardiovaskuläre System der Nutzen der Hormontherapie das Risiko; dennoch soll eine Hormontherapie zur Zeit noch nicht allein zur kardiovaskulären Prävention eingesetzt werden.

Für das Brustkrebsrisiko ist die heutige Datenlage ähnlich: In der WHI-Studie stieg das Risiko unter alleiniger Östrogentherapie bis zur maximalen Beobachtungszeit von 11,8 Jahren nicht an. Auch unter kombinierter Östrogen/Gestagen-Therapie erhöhte sich in der WHI-Studie bis zum Ende der Beobachtungszeit von sechs bis sieben Jahren das Brustkrebsrisiko nicht. Bei längerer kombinierter Östrogen-Gestagengabe scheint das Risiko vom verwendeten Gestagen abzuhängen. Somit ist bei kombinierter MHT – in Hinblick auf das Brustkrebsrisiko – die sorgfältige Auswahl des richtigen Gestagens wesentlich.

Die gesamte Sterblichkeit darf als „hartes Kriterium“ für Nutzen und Risiken einer bestimmten Behandlung eingestuft werden. Hinsichtlich einer menopausalen Hormontherapie kommen alle großen Studien – die beiden randomisierten kontrollierten Studien, die amerikanische Women’s Health Initiative (WHI)-Studie und die Danish Osteoporosis Prevention Study (DOPS), ebenso wie die große über mehr als 20 Jahre durchgeführte Nurses‘ Health Study – zum gleichen Ergebnis: Innerhalb des sogenannten „günstigen Fensters“ (MHT-Beginn vor dem Alter von 60 Jahren oder innert der ersten zehn Jahre nach der Menopause) ist die Sterblichkeit innerhalb der MHT-Gruppen geringer als in den Kontrollgruppen mit Placebo. (M. Birkhäuser)

Prof. Dr. Christian Egarter: „Evidenz statt Emotion“

Mehr als zehn Jahre nach Publikation der Resultate der WHI-Studie und der Million Women Study schwingt das Pendel weg von durchaus negativen Gesamteinschätzungen hin in eine sehr stark Evidenz-basierte Richtung, die den Einsatz der MHT insbesondere unmittelbar nach Eintritt in die Menopause auch vom Sicherheitsprofil her völlig neu bewertet.

Im Rahmen dieser umfassenden Auswertung aller verfügbaren Studienergebnisse sollten folgende Aspekte in Zukunft forciert werden:

• Bezüglich der Gesundheitsinstitutionen und -regulatoren sollte eine intensivierte Diskussion darüber erfolgen, die MHT im Lichte der günstigeren rezenten Daten insbesondere bei Frauen unter 60 neu zu positionieren.

• Die Verschreiber sollten auf die doch unterschiedliche bzw. positivere Einschätzung der MHT bezüglich mancher Aspekte hingewiesen und das Vertrauen hinsichtlich Verbesserung klimakterischer Beschwerden und generell der Gesundheit von Frauen entsprechend gestärkt werden.

• Mit Blick auf die Medien wird gefordert, die neuen Daten zu kommunizieren und zu versuchen, klimakterische Aspekte wieder mehr zu thematisieren.

• Auch die pharmazeutische Industrie sollte vermehrt eingebunden werden, negative kommerzielle Entscheidungen bezüglich MHT überdenken, und ermutigt werden, wieder mehr in die Entwicklung und Erforschung von neuen therapeutischen Optionen wie beispielsweise Kombinationen mit Selektiven Estrogenrezeptor-Modulatoren zu investieren.

• Nicht zuletzt sollten menopausale Frauen mehr Informationen über ihre spezifischen Probleme und Behandlungsmöglichkeiten erhalten, um sie in die Lage zu versetzen, ihre Gesundheit und Lebensqualität individuell zu steigern.

Als gynäkologischer Endokrinologe kann man diese Initiative nur begrüßen, da auf diesem Gebiet in der Vergangenheit oft mit viel Emotion und wenig Evidenz agiert wurde. (C. Egarter)

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