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Foto: Archiv
Prof. Dr. Michael Weissel Universitätsklinik für Innere Medizin III, MedUni Wien
 
Endokrinologie 17. August 2010

„Von der Idee her sind wir die Muttergesellschaft.“

Die Lehre von den Hormonen – die Endokrinologie – spielt in viele andere Fachrichtungen hinein. Ihre medizinische Gesellschaft kämpft um Anerkennung.

Die Österreichische Gesellschaft für Endokrinologie und Stoffwechsel setzt viel daran, ihre Bedeutung im Medizinbetrieb zu unterstreichen. Deshalb hatte sie heuer erstmals seit Langem ihre Jahrestagung nicht mehr gemeinsam mit der Österreichischen Gesellschaft zur Erforschung des Knochens und Mineralstoffwechsels durchgeführt, sondern alleine.

 

Über die Ziele der Gesellschaft für Endokrinologie und Stoffwechsel sprach die Ärzte Woche mit deren Präsidenten Prof. Dr. Michael Weissel.

 

Die Endokrinologie umfasst einen großen Bereich der Medizin. Andererseits ist die Österreichische Gesellschaft für Endokrinologie eher klein. Warum ist das so?

Weissel: Es ist ganz richtig, dass wir eine kleine Gesellschaft sind, obwohl wir vom Fach her die Muttergesellschaft sind. Es ist die Diabetesgesellschaft sicher viermal so groß wie unsere, es ist die Osteoporosegesellschaft wohl drei- bis viermal so groß, aber trotzdem sind wir, von der Idee des Fachs her, die Muttergesellschaft. Weil die Lehre der Hormone natürlich auch den Diabetes mellitus umfasst und, wie man seit einigen Jahrzehnten weiß, die Osteoporose. Tatsache ist, wir sind auch die jüngste Gesellschaft. Vom Fach her wären die Adipositas-, die Diabetes-, die Osteoporose- und sogar die Hochdruckgesellschaft unsere Tochtergesellschaften. Tatsache ist aber, dass diese Tochtergebiete der Endokrinologie aufgrund des hohen Patientenanfalls sich so spezialisiert haben, dass sie die Anteile der Endokrinologie außer Acht gelassen haben und sich selbst relativ frisch und neu gegründet haben.

 

Die Endokrinologie hat eine Reihe auch eher seltener Erkrankungen zum Thema. Welche Schwerpunkte will die Gesellschaft setzen?

WEISSEL: Fachlich z. B. die Schilddrüse. Die Schilddrüse ist großteils in der Hand der Nuklearmediziner. Man kommt ohne Nuklearmedizin bei der Schilddrüse nicht aus – aber, umgekehrt, kommt diese auch nicht ohne uns aus. Weil theoretisch die Lehre der Hormone das Entscheidende für die Schilddrüse ist. Also haben wir bei unserer letzten Jahrestagung im Mai dieses Jahres ein Minisymposium gemacht zur Jodprophylaxe. Wo wir sehr überraschende Daten von der Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Alois Gessl, Endokrinologe am Wiener AKH, vorgestellt bekamen. Ich muss vorausschicken, Österreich ist laut WHO eines der Länder, in denen es keinen Jodmangel mehr gibt. Wir waren früher ein großes Jodmangelgebiet, nun nicht mehr, weil die gesetzliche Jodsalzprophylaxe mit 15 mg Kaliumjodid pro Kilogramm Vollsalz ausreichend ist. Gessl hat mit einer neuen Bestimmungsmethode Schwangere der Diabetesambulanz in der endokrinen Abteilung untersucht. Zu unserer großen Überraschung hat er festgestellt, dass sehr wohl noch ein Jodmangel besteht, das sind sehr spannende Daten. Man weiß nicht ganz, warum das ist, eventuell aufgrund des Migrantenanteils, es ist nicht ganz verständlich. Die Fallzahl von 150 bis 200 ist noch zu klein, man muss das auf größerer Basis machen. Allerdings kann man das mit der neuen Technik nicht so schön screenen wie mit den herkömmlichen Methoden. Diese könnten aber durch diese Untersuchung ein wenig in Frage gestellt werden. Eventuell müsste man retrospektiv die alten Daten in Frage stellen, weil man nicht wirklich weiß, ob die alte Methode wirklich die Jodaufnahme widergespiegelt hat.

Beim Jahreskongress hat auch Prof. Dr. Paul Ladenson von der Johns Hopkins Universität in Baltimore gesprochen. Ein Highlight?

Weissel: Ja, der berühmte amerikanische Endokrinologe Prof. Ladenson hat über neue therapeutische bzw. diagnostische Möglichkeiten beim metastasierenden Schilddrüsenkarzinom gesprochen. Die Patienten erhalten ja hoch dosiertes Schilddrüsenhormon, damit die Hypophyse keinen Reiz erhält, Hormone auszuschütten, die die Tumorzellen zum Wachstum anregen könnten. Wenn wegen einer Metastasierung eine neuerliche Radiojodbehandlung nötig wird, muss die Hormongabe abgesetzt werden, weil ansonsten nicht ausreichend radioaktives Jod aufgenommen wird. Das TSH steigt wieder hinauf. Das ist für den Patienten sehr belastend. Er wird aufgrund der Unterfunktion sehr müde und berufsunfähig. Das kann man jetzt vermeiden. Rekombinantes TSH kann den Patienten hingegen unter gleichzeitiger Schilddrüsenhormongabe gegeben werden. Man hat die volle Diagnostik und therapeutische Möglichkeit unter Substitution und Einnahme. Ladenson war einer der Ersten mit klinischen Daten dazu.

Welche Ziele verfolgen Sie als Präsident der Endokrinologie-Gesellschaft für die Zukunft?

WEISSEL: Das Ziel haben Sie indirekt bereits mit der ersten Frage angesprochen. Wir wollen uns bekannter und attraktiver machen. Das Problem der Endokrinologie ist, dass sie großteils ein ambulantes Fach ist. Rein ambulante Fächer sind aber machtlos. Deshalb gibt es in Innsbruck noch keinen Lehrstuhl für Endokrinologie. So ist eine unserer wichtigsten Aufgaben, uns bekannt zu machen, und dazu dienen auch unsere Jahrestagungen, wobei wir dieses Mal Wert darauf gelegt haben, die Jahrestagung allein zu machen. Unser Bestreben ist eben, unsere Eigenständigkeit zu zeigen. Das hat funktioniert, der Kongress war ein voller Erfolg.

 

Das Gespräch führte Inge Smolek.

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