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Innere Medizin 15. Juni 2010

Harte Knochen: Neue Leitlinien zur Osteoporose präsentiert

Die Leitlinie „Osteoporose“ der Initiative Arznei & Vernunft geht in die dritte Auflage. Neu ist die Einigung auf die deutsche Bezeichnung „Knochenbruchkrankheit“ – eine Referenz an die zentrale Problematik der Osteoporose. Erstmals geht die österreichische Leitlinie auch auf die Erkrankung bei Kindern und Jugendlichen ein. Die Leitlinien stehen sowohl als kompaktes Positionspapier als auch in einer Langversion zur Verfügung. Die Empfehlungen orientieren sich an internationalen Kriterien der wissenschaftlichen Evidenz.

 

Die österreichische Initiative Arznei & Vernunft ist eine europaweit einzigartige Einrichtung: Sozialversicherung und Pharmaindustrie sowie die Ärzte- und Apothekerkammer ermöglichen als gleichberechtigte Partner die Erstellung von Leitlinien für gesellschaftlich bedeutende Krankheiten. Die Expertenarbeit wird unentgeltlich von unabhängigen Fachleuten durchgeführt und basiert auf aktuellen wissenschaftlichen Kriterien unter Bedachtnahme ökonomischer Gesichtspunkte. „So gelingt es, trotz oftmals gegensätzlicher Interessen gemeinsame Leitlinien herauszugeben. Diese Kooperation erfährt international hohe Anerkennung“, betonte der Leiter der Expertengruppe für Osteoporose, Prof. Dr. Klaus Klaushofer, Hanusch Krankenhaus Wien, anlässlich der Pressekonferenz zur Präsentation der Leitlinien.

Hohes Frakturrisiko

Besonderen Wert legt Klaushofer auf die neu vereinbarte Bezeichnung „Knochenbruchkrankheit“: „Dieser Ausdruck vermittelt, worum es geht. Im Vorfeld ist uns aufgefallen, dass andere Definitionen besonders auf die verminderte Knochendichte fokussieren und damit das Problem unfreiwillig verharmlosen. Osteoporose bedeutet aber auch verminderte Knochenqualität und vor allem hohes Frakturrisiko. Die neue, dem internationalen Gebrauch angenäherte Diktion soll zu dieser Bewusstseinsbildung beitragen.“

Prof. Dr. Harald Dobnig von der MedUni Graz präsentierte aktuelle Zahlen zur Osteoporose: „Das Lebenszeitrisiko für eine osteoporoseassoziierte Fraktur beträgt in Österreich für Frauen 46,4 Prozent und für Männer 22,4 Prozent. Wir wissen, dass beispielsweise jede Wirbelkörperfraktur die Wahrscheinlichkeit einer weiteren erhöht. Diese Daten gewinnen an Brisanz, wenn man bedenkt, dass Frakturen per se ein Bio-Indikator für die Sterblichkeit sind.“ Auch die Kostenrechnung erscheint bedrohlich, wenn Dobnig die Zahlen eines Nachbarlandes berichtet: „In Deutschland verursacht die Osteoporose jährliche Folgekosten von 4,5 Milliarden Euro und liegt damit hinter Krebserkrankungen, ischämischen Herz-Kreislaufereignissen und Diabetes mellitus auf Platz 4 der größten Rechnungsposten.“ Bei der Abschätzung des individuellen Frakturrisikos kann seit kurzem die WHO behilflich sein: Der von ihr Frax-Risiko-Kalkulator ermöglicht eine Online-Berechnung des Fünf- beziehungsweise Zehnjahresrisikos mittels einfacher klinischer Angaben.

Die Versorgung optimieren

„Die hüftgelenksnahen Frakturen des Femur nehmen kontinuierlich an Häufigkeit zu. Tiroler Daten zeigen zwischen 2001 und 2008 eine Zunahme der Schenkelhalsfraktur von 52 Prozent“, sagte Prof. Michael Blauth, Universitätsklinik für Unfallchirurgie, Innsbruck. „Die Unfallchirurgie besetzt zunehmend eine Schlüsselposition in der Sekundärprophylaxe. Es konnte gezeigt werden, dass lediglich zehn Prozent aller Patienten mit Osteoporose-assoziierter Fraktur anschließend suffizient therapiert werden. Ein gewissenhaftes Co-Management unter Einbindung aller beteiligten Fachrichtungen, vor allem der (Akut-)Geriatrie, der Anästhesie und der Physikalischen Medizin, kann diesen Anteil enorm steigern. Nach Einrichtung des Tiroler Zentrums für Altersfrakturen werden über 80 Prozent aller Betroffenen mit einer spezifischen Osteoporose-Therapie entlassen.“

Osteoporose bei Kindern

„Es gibt auch bei Kindern Formen der Osteoporose“, erinnerte Prof. Dr. Wolfgang Höger, Birmingham Children’s Hospital, UK, an einen vielfach übersehenen Aspekt der Erkrankung. „Kinder sind keine kleinen Erwachsenen. Die Umbauvorgänge im kindlichen Skelett unterscheiden sich entwicklungsbedingt vom physiologischen Knochenumbau beim Erwachsenen. Beim Kind bedarf die Diagnosestellung neben einer verminderten Knochendichte auch dem Nachweis von Frakturen. Bei der Interpretation von Knochendichtemessungen ist Vorsicht geboten: Neben den Referenzwerten für das Alter muss stets auch eine Größenkorrektur erfolgen. Die Abklärung kindlicher Knochenerkrankungen sollte durch einen erfahrenen Kinderendokrinologen erfolgen.“

Primäre Formen wie die Glasknochenkrankheit sind selten, in Österreich sind wenige hundert Familien betroffen. Häufiger treten Störungen des Knochenstoffwechsels sekundär als Komplikationen von Darmerkrankungen oder Neoplasien auf. Höger: „Manchmal ist gerade die Therapie einer anderen Krankheit die Ursache kindlicher Osteoporose. Die Rachitis hingegen konnte dank der – nicht überall in Europa gebräuchlichen – Vitamin-D-Substitution in der Schwangerschaft und im ersten Lebensjahr deutlich zurückgedrängt werden. Bei Einwandererkindern vor allem dunkler Hautfarbe oder verschleierten Jugendlichen muss aber nach wie vor mit Mangelsymptomen gerechnet werden.“

Das Risiko senken

Die Empfehlungen zum Lebensstil weichen in der Osteoporoseprophylaxe nicht sehr von den allgemeinen Empfehlungen ab: Ausgewogene Ernährung mit regelmäßigem Genuss von Milchprodukten, Bewegung mit Maß und Ziel sowie eine ausreichende Vitamin-D-Versorgung gehören dazu. Eine gute Nachricht zuletzt: Mit Tai Chi konnte das Frakturrisiko in einer rezenten Untersuchung um 37 Prozent gesenkt werden.

 

Quelle: Pressekonferenz Arznei & Vernunft, 31. 5. 2010, Wien

 

Von Dr. Alexander Lindemeier, Ärzte Woche 24 /2010

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