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Die weibliche Physiologie ist viel komplexer als die des Mannes – sie verhält sich so wie eine hochkomplexe Präzisionsuhr zu einem Wecker.
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Prof. DDr. Johannes Huber Klinik für Gynäkologie und Geburtshife, MedUni Wien

 
Gynäkologie und Geburtshilfe 17. November 2009

„Wie ein Wecker zu einer Präzisionsuhr“

Männer und Frauen unterscheiden sich grundlegend, der „kleine“ Unterschied hat auch großen Einfluss auf das Altern. Welche Möglichkeiten hat die Medizin der Zukunft?

Die Entdeckung der „Schätze der Natur“ als zukünftiges medizinisches Hoffnungsgebiet ist eines der Themen, die beim Kongress „Menopause – Andropause – Anti-Aging“ zur Diskussion stehen werden. Im Vorfeld der jährlichen Tagung sprach die Ärzte Woche mit dem Mitveranstalter Prof. DDr. Johannes Huber, Leiter der klinischen Abteilung für Gynäkologische Endokrinologie und Reproduktionsmedizin an der Wiener Universitätsklinik für Gynäkologie und Geburtshilfe.

Huber – Hormonspezialist, Gynäkologe und Theologe – betont, dass er prinzipiell nichts gegen alte Mütter hat, sehr wohl aber etwas gegen Trends zur Spezialisierung. Er warnt davor, in neuen Therapieformen Allheilmittel zu sehen, und erklärt, dass der Mann viel einfacher tickt als die Frau – jedenfalls hinsichtlich der endokrinen Situation.

Herr Prof. Huber, Sie sind Mitveranstalter des jährlichen Kongresses Menopause – Andropause – Anti-Aging. Sie selbst bevorzugen allerdings den Ausdruck „Better Aging“. Warum?

HUBER: Genau genommen ist es mir am liebsten, wenn man in diesem Zusammenhang von Altersprävention spricht, weil die präventive Medizin meines Erachtens einen immer größeren Stellenwert bekommen wird. Wir leben in einer Population, in der die Zahl der über 85-Jährigen rapid zunimmt, was enorme Auswirkungen auf die Gesellschaft hat. Die Kosten für medizinische Versorgung, Pflege und die finanziellen Aufwändungen für die Pensionen sind ein ausuferndes Problem, das kaum in den Griff zu kriegen ist.

Welche Lösungen schlagen Sie vor?

HUBER: Ein möglicher Weg besteht darin, alles zu tun, dass die alten Leute nicht unbedingt Bypass-Operationen benötigen oder mit Osteoporose im Rollstuhl sitzen, dass die altersinduzierte Wahrscheinlichkeit, an Krebs zu erkranken, reduziert und das Megaproblem Neurodegeneration in den Griff gebracht wird. Je besser der Gesundheitsstatus, desto geringer die Kosten – und desto länger können die Leute auch erwerbstätig sein und aktiv am Leben teilnehmen.

Ist das Altern eine Art Krankheit?

HUBER: Nein, das Altern ist ein natürlicher Vorgang, er bringt jedoch viele Probleme mit sich. Unsere Aufgabe ist es, diese Probleme zu verringern, um die Leute gesünder zu erhalten und in weiterer Folge schließlich auch die Lebensspanne zu vergrößern. Es geht aber nicht darum, mit allen Mitteln das Leben um ein paar Monate zu verlängern, Ziel ist es vielmehr, die Menschen länger fit zu halten und die Lebensqualität zu steigern.

Das zieht allerdings auch eine Änderung der Lebensplanung nach sich: Nicht nur, dass sich das Durchschnittsalter erhöht, in dem Frauen Kinder bekommen, heute gibt es Frauen, die erst mit 60 Jahren Mutter werden. Wie stehen Sie dazu?

HUBER: Ideologisch habe ich damit keine Probleme, persönlich halte ich allerdings nicht viel davon, weil ich meine Zweifel habe, dass eine über 70-Jährige mit einem pubertierenden Teenager zurande kommt. Aber auch hier gilt: Wenn es uns gelingt, in Zukunft die körperliche und geistige Fitness im Alter entsprechend zu verbessern, steht dem nichts im Wege.

Welche Möglichkeiten sehen Sie, dieses Ziel zu erreichen?

HUBER: Ganz wichtig ist die Eigeninitiative, die auch propagiert werden sollte. Mein Credo ist die goldene 14-Stunden-Regel: Das heißt, dass man seine Kalorienaufnahme zurückschraubt und von Zeit zu Zeit 14 Stunden zwischen zwei Mahlzeiten, wenn möglich über Nacht, vergehen lässt – das sogenannte Dinner-Cancelling. Außerdem soll man sich auf die Schätze, die die Natur bietet, besinnen: Viele natürliche Produkte haben äußerst wertvolle Bestandteile, ich erinnere nur an den grünen Tee mit dem Inhaltstoff Epigallocatechingallat. Diese Möglichkeiten sind noch lange nicht gänzlich erforscht; sie sind nicht nur ein wichtiges Thema dieses Kongresses, sie werden uns Mediziner auch in Zukunft verstärkt beschäftigen.

Welche medizinischen Fachgebiete werden in diesem Zusammenhang an Bedeutung gewinnen?

HUBER: Immer wichtiger wird die frühzeitige Diagnose, vor allem von Krankheiten, für die genetisch bedingt ein erhöhtes Risiko besteht, wie beispielsweise die altersbedingte Makuladegeneration. Wenn man das frühzeitig erkennt, kann man rechtzeitig vorbeugen und die Folgen deutlich lindern: Verzicht auf Rauchen, Schutz vor übermäßigem UV-Licht, Einsatz von Luteinen und dergleichen mehr. Die Kooperation verschiedener medizinischer Fachgebiete muss forciert werden. In diesem Zusammenhang wende ich mich gegen aufkeimende Trends zur Spezialisierung, wie wir es zur Zeit am Beispiel Knochen sehen: Osteoporose ist eine Krankheit, die nachweislich zu 90 Prozent Frauen betrifft. Und dann finden Knochen-Symposien statt, bei denen die Gynäkologie und die Frauenheilkunde nicht vertreten sind.

Inwieweit wirkt sich Ihr zweites Fachgebiet, die Theologie, auf Ihre Einstellung als Arzt aus?

HUBER: Ich sehe es als Bereicherung. Die Zukunft des Gesundheitswesens betrifft ja die gesamte Gesellschaft: die Forschung, die Medizin, die Politik und letztlich den Steuerzahler – und damit uns alle. Eine erweiterte Sichtweise, über das jeweilige Spezialgebiet hinaus, ist daher wichtig und notwendig.

Thema neue Therapieansätze: Ein heftig umstrittenes Thema ist die embryonale Stammzellforschung und -therapie. Was ist Ihre Meinung dazu?

HUBER: In diesem Gebiet liegt fraglos ein großes Potenzial, allerdings warne ich davor, bei der Bevölkerung zu hohe Erwartungen zu wecken – was leider immer wieder passiert. Es ist falsch, zu glauben, dass, wenn wir heute mit embryonalen Stammzellen arbeiten, wir morgen Krebs und Parkinson heilen können. Es ist richtig und nötig, dass geforscht wird, aber ich wende mich entschieden gegen Heilversprechungen. Und damit meine ich nicht nur die Massenmedien: In diesem Zusammenhang müssen auch wir Mediziner vorsichtiger agieren. Forschung an embryonalen Stammzellen ist außerdem nicht der einzige Weg: Was man jetzt schon aus Studien weiß, ist der Umstand, dass durch Sport oder Hirntraining die adulten Stammzellen mobilisiert werden.

Noch ein Blick in die Zukunft, diesmal in Bezug auf die Andrologie und das Thema Andropause. Kommt analog zum Frauenarzt der Männerarzt?

HUBER: Die Männermedizin wird sicher an Bedeutung gewinnen, aber insgesamt bleibt unser Hauptaugenmerk auf der Frauenmedizin. Ganz einfach, weil die weibliche Physiologie viel differenzierter – und damit auch störungsanfälliger – hinsichtlich der endokrinen Situation ist. Auch Männer leiden in einem gewissen Alter verstärkt unter Burnout, Wallungen oder Depressionen. Doch insgesamt verhält der Mann sich zur Frau wie ein Wecker zu einer hochkomplexen Präzisionsuhr.

Das Gespräch führte Mag. Ingo Schlager

Mag. Ingo Schlager, Ärzte Woche 47 /2009

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