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Gynäkologie und Geburtshilfe 17. November 2009

Auf die Dosis kommt es an

Die positive Wirkung von Isoflavonen kann aufgrund des heutigen Wissensstandes bestätigt werden. Sie sind als Bestandteil einer ausgewogenen Ernährung empfehlenswert. Bei hoch dosierten Nahrungsergänzungsmitteln ist aber eine kontrollierte Einnahme von Phytoöstrogenen wünschenswert, da ihre möglichen Effekte konzentrationsabhängig sind.

Menopausale Beschwerden wie Hitzewallungen, Stimmungsschwankungen und verminderte Knochendichte betreffen viele Frauen in den Wechseljahren. Die Hormonersatztherapie – die Gabe von synthetischem Östrogen und Progesteron als Therapieform – birgt gewisse Risiken wie etwa erhöhtes Vorkommen bestimmter Krebsarten oder gesteigertes Schlaganfallrisiko. Daher ist die Nachfrage nach einer natürlichen Alternative in den letzten Jahren gestiegen und scheint in Form von Isoflavonen gefunden worden zu sein.

 

Isoflavone werden als sogenannte Phytoöstrogene bezeichnet, weil sie aufgrund ihrer strukturellen Ähnlichkeit mit dem Östrogen 17ß-Östradiol auch ähnlich wirken können. Sie haben allerdings eine um 10- bis 1.000-fach niedrigere Effektivität (siehe Tabelle 1).

Das Vorkommen der Isoflavone beschränkt sich auf einige wenige Pflanzen, die zur Familie der Legumino-sen gehören. Sehr hohe Konzentrationen kommen in Soja und Rotklee vor, wobei die Verteilung der unterschiedlichen Isoflavone typisch für die Pflanze ist. Soja enthält hauptsächlich Genistein, Daidzein und Glycitein, wobei in Rotklee fast ausschließlich Biochanin A und Formononetin vorkommen. In der Pflanze liegen Isoflavone als Glukoside vor, die im Magen-Darm-Trakt gespalten werden, sodass das freie Isoflavon die Darmwand passieren kann. Weiters werden Isoflavone durch die Darmflora abgebaut. Eines dieser Metabolisierungsprodukte ist Equol, welches im Tierversuch erstaunliche Wirkung in der Osteoporoseprävention gezeigt hat. Allerdings ist aufgrund der großen Diversität der Darmflora nur zirka ein Drittel der Bevölkerung in der Lage, Equol zu produzieren.

Sojaeiweiß idealer Ersatz für tierisches Eiweiß

Epidemiologische Studien haben gezeigt, dass die Inzidenz kardiovaskulärer Erkrankungen und gewisser Krebsarten in Ländern, in denen vie-le Phytoöstrogene konsumiert werden, geringer ist als in anderen Ländern. Diese Beobachtungen wurden auf den hohen Sojakonsum in die-sen, vor allem asiatischen Ländern zurückgeführt. Produkte auf Sojabasis wie Tofu enthalten viel Eiweiß, aber kaum Fett. Sojaeiweiß eignet sich ausgezeichnet als Ersatz für tierisches Eiweiß, da es alle essentiel-len Aminosäuren enthält. Der Konsum von Sojaprodukten trägt daher zu einer Verbesserung der Cholesterin- und Triglyzerinwerte bei. Allerdings ist dieser Effekt unabhängig davon, ob das konsumierte Sojaprotein Isoflavone enthält oder nicht.

Betrachtet man nun isolierte Isoflavone, so gibt es einige Studien, die eine positive Beeinflussung der kognitiven Fähigkeiten aufzeigen. Weiters wird auch die Linderung etwaiger menopausaler Beschwerden wie Hitzewallungen und Stimmungsschwankungen auf isolierte Isoflavone zurückgeführt. Da diese Symptome aber sehr subjektiv wahrgenommen werden, konnte in vielen Studien kein Nachweis eines signifikanten Zusammenhangs zwischen Isoflavonkonsum und menopausalen Beschwerden erbracht werden. Es konnte allerdings im Tierversuch gezeigt werden, dass sich Isoflavone bzw. deren Metabolite positiv auf die Knochendichte auswirken.

Dosisabhängige Wirkung

Der plötzliche Abfall des Serumöstrogenspiegels, der zu menopausalen Beschwerden führt, soll beim Konsum von Isoflavonen durch den oben erwähnten östrogenen Effekt aufgrund struktureller Ähnlichkeit mit 17ß-Östradiol abgepuffert werden. Gerade wegen dieses östrogenen Effekts stehen Isoflavone aber auch im Kreuzfeuer der Kritik. Bestimmte Krebsarten wie manche Brustkarzinome werden durch die Präsenz von östrogenen Substanzen im Wachstum angeregt. Dieser Ef-fekt ist aber dosisabhängig. Bei niedrigen Konzentrationen regt zum Beispiel Genistein das Wachstum einer Östrogenrezeptor-positiven MCF-7-Brustkrebszelllinie an. Bei hohen Konzentrationen lösen Isoflavone aber das Absterben der Zellen aus. Daher ergibt sich also eine glockenförmige Dosis-Wirkungsbeziehung.

Bei Östrogenrezeptor-unabhängigen Krebszelllinien wurde in In-vitro-Versuchen gezeigt, dass durch die Zugabe von Isoflavonen ins Medium unterschiedliche Vorgänge in der Zelle ausgelöst werden. Die Induktion von Apoptose (programmierter Zelltod), das Einsetzen eines Zellzykluses Arrests und damit ein Wachstumsstopp konnten beobachtet werden. Weiters beeinflussen Isoflavone einen sich bildenden Tumor, da sie Faktoren wie Metalloproteinasen inhibieren, die für die Angiogenese und Invasivität notwendig sind. Isoflavone können aber auch die Behandlung von Tumoren positiv beeinflussen. Radio- und chemosensitive Effekte konnten genauso beobachtet werden wie die Inhibierung sogenannter „Multi-Drug-Resistenzen“, wobei die Zelle Wirkstoffe aktiv aus der Zelle hinauspumpt und somit eine Behandlung erschwert wird.

Da in der westlichen Welt der Konsum von Sojaprodukten zwar im Zunehmen, aber dennoch nicht „en vogue“ ist, wird gerne auf hoch dosierte Nahrungsergänzungsmittel ausgewichen. Da alle möglichen Effekte der Isoflavone konzentrationsabhängig sind, ist eine kontrollierte Einnahme von Phytoöstrogenen wünschenswert. Ein Vergleich von kommerziell erhältlichen Nahrungsergänzungsmitteln auf Soja- oder Rotkleebasis hat gezeigt, dass erstens die empfohlene Tagesdosis je Produkt von 20 bis 150 mg Isoflavonen schwankt und die spezifizierten Inhaltsstoffe in vielen Produkten bei weitem nicht im Produkt wiedergefunden werden können.

Empfehlenswert oder Gesundheitsrisiko?

Ist der Konsum von Isoflavonen nun empfehlenswert oder stellt deren Einnahme ein Gesundheitsrisi-ko dar? Aufgrund des heutigen Wissensstandes ist eine positive Wir- kung von Isoflavon-hältigen Produkten gegeben. Sojaprodukte als Bestandteil einer ausgewogenen Ernährung sind durchaus zu empfehlen. Liegt keine genetische Prädisposition zu hormonabhängigen Krebsarten vor, kann auch auf Nahrungsergänzungsmittel auf Soja- oder Rotkleebasis ausgewichen werden. Bei gehäuftem Auftreten von Mamma- oder Ovarkarzinomen innerhalb der Familie sollte die Entscheidung über die Einnahme von hoch dosierten Präparaten aber gemeinsam mit einem Arzt getroffen werden.

 

DI Evelyne Reiter ist am

Department of Biotechnology,

University of Natural Resources and Applied Life Sciences, in Wien tätig.

Transaktivierungseigenschaften der Isoflavone und verschiedener Metabolite am Östrogenrezeptor a im Vergleich zu 17b-Östradiol
Tabelle:
Transaktivierungseigenschaften
SubstanzÖstrogenrezeptoragonist
17ß-Östradiol 100 %
Biochanin A 0,4 %
Formononetin 0,3 %
Genistein 0,8 %
Daidzein 0,04 %
Dihydrobiochanin A 0,2 %
Dihydroformononetin 0,3 %
Dihydrogenistein < 0,06 %
Dihydrodaidzein < 0,0003
Equol 1,5 %
Angolensin 1 %
Desmethylangolensin 0,3 %
3’-Hydroxygenistein Kein Agonist
6-Hydroxydaidzein Kein Agonist
6-Hydroxydesmethylangolensin Kein Agonist
p-Ethylphenol Kein Agonist

Von DI Evelyne Reiter, Ärzte Woche 47 /2009

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