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Komplementärmedizin 23. September 2009

„Sie ist keine Alternative“

Die Orthomolekulare Medizin ist ein fester Bestandteil der klassischen Medizin.

Mithilfe von Vitaminen und Mikronährstoffen könne das biochemische Ungleichgewicht im Körper ausgeglichen und somit organische Erkrankung hintan gehalten werden. Freilich immer gemeinsam mit der Schulmedizin, betonen die Freunde der Orthomolekularen Medizin (OM), die sich in Österreich immer besser organisieren.

Anhänger der OM verstehen nicht, warum ihnen oft der Wind hart entgegenweht, da sie ihre Methode nicht in Konkurrenz mit der Schulmedizin sehen. Sie stelle eher eine begleitende Maßnahme dar, im Kontext mit einer gesunden Ernährung und Lebensführung. Anlässlich des bevorstehenden 1. Österreichischen OM-Tags sprach die Ärzte Woche mit Dr. Rainer Schroth, Vorsitzender der Österreichischen Gesellschaft für Orthomolekulare Medizin (ÖGOM).

 

Worauf basiert die Orthomolekulare Medizin?

Schroth: Das Therapieprinzip der Orthomolekularen Medizin beruht auf der Erkenntnis, dass der menschliche Körper für ein gesundes und reibungsloses Funktionieren bestimmte Mengen verschiedener Substanzen, unter anderem Vitamine, Mineralstoffe, Spurenelemente und essentielle Fettsäuren, benötigt. Sind Funktionen gestört, so kann man dies durch die Zufuhr dieser Substanzen wieder beheben. Ein Mangel kann die Entstehung von Krankheiten begünstigen. Die OM beschäftigt sich nicht nur mit dem Ausgleich von Defiziten, sondern wirkt durch die Zufuhr von Substanzen in therapeutischen Dosen als Arznei.

 

Namhafte Mediziner behaupten, dass bei ausgewogener Ernährung Defizite gar nicht auftreten können. Wie gehen Sie mit dieser Aussage um?

Schroth: Wer weiß und wo steht, wie „evidenced“ diese sogenannte ausgewogene Ernährung ist? Diese Formulierung ist zu schwammig. Ein Blick in den Österreichischen Ernährungsbericht 2008 zeigt, welch gravierenden Mängel bestehen, die kaum bis überhaupt nicht von den Zuständigen wahrgenommen werden. Defizite in allen Altersgruppen bestehen für Folsäure, Vitamin D und Calcium. Als Risikonährstoffe bei Schulkindern werden Jod, Vitamin A, Vitamin B1, Vitamin B2, Vitamin B6, Eisen und Kalium angeführt. Das so wichtige Spurenelement Selen wurde in diesem Bericht gar nicht berücksichtigt. Wenn jemand in Anbetracht dieser Fakten immer noch mit der „ausgewogenen Ernährung“ argumentiert, so heißt das nur, dass eine Wissensauffrischung gut täte.

 

Warum sollten sich Ärztinnen und Ärzte mit OM beschäftigen?

Schroth: Arzt zu sein ist ein erstrebenswertes Ziel, doch die Bedingungen, unter denen wir heute arbeiten müssen, werden zunehmend schwieriger. Unsere medizinischen Kompetenzen werden in einer Art und Weise unterwandert, dass wir uns auf dem Gebiet der Mikronährstoffe, sprich Vitamine, Spurenelemente und so weiter, mit Energetikern, Heilmasseuren, Fitnesstrainern und anderen selbsternannten Heilern auseinandersetzen müssen. Doch Jammern nützt nichts, wenn man sich selbst zu wenig dieser Thematik annimmt. Einem Jammerer kann man nicht helfen! Vorteile von OM-Arzneien sind das seltene Auftreten von Nebenwirkungen und die sehr gute Compliance.

Die Anwendung orthomolekularer Arzneien zur Prävention und Therapie erfordert allerdings eine gründliche Anamnese und Untersuchung, eine klare Diagnostik und sehr häufig auch Blutanalysen für die anschließende Therapie. Maßnahmen, die ausschließlich in die Hand von Ärzten gehören. Derzeit müssen wir uns diese Kompetenz allerdings erst wieder erarbeiten. Dazu haben wir die ÖGOM, als reine Ärztegesellschaft, gegründet und bilden seit fast zehn Jahren Ärzte in dieser Richtung aus. Seit über einem Jahr hat auch die Österreichische Ärztekammer ein Diplom in OM eingerichtet, das man durch den Besuch unserer Seminare erwerben kann.

 

Ist die Orthomolekulare Medizin eine alternative Therapieform?

Schroth: Die OM ist keine alternative Therapieform. Sie ist Bestandteil der klassischen Medizin. Denken Sie an orthomolekulare Substanzen, die sich zunehmend in der klassischen Medizin etablieren! Dazu zählen Omega-3-Fettsäuren zur Risikoreduktion des plötzlichen Herztodes oder Niacin, das in Kombination mit Statinen das Risiko bei koronarer Herzkrankheit statistisch signifikant stärker reduziert, als es Statine alleine können. Oder der Einsatz von Selen bei Schilddrüsenerkrankungen. Schließlich sind mehrere Dejodasen selenabhängig. Oder die Bedeutung von Vitamin B6: Der Aminosäurestoffwechsel ist ja wesentlich auf dieses Vitamin angewiesen. Fehlt es, mangelt es nicht nur an Neurotransmittern, auch Histamin wird B6-abhängig abgebaut. Der Einfluss des Vitamin D auf Immunsystem und Infektanfälligkeit wird praktisch leider nicht genutzt. Das Vitamin wird meist auf seine Wirkung im Zusammenhang mit Osteoporose reduziert und hierbei nicht individuell dosiert, sodass manche Präparate kaum den erwünschten Vorteil haben. Ähnliches gilt für bestimmte Calcium-Verbindungen, die bei gleichzeitiger Gabe von Protonenpumpenhemmern nur bescheidenste Wirkungen aufweisen. Ein weiteres Beispiel ist das Multitalent Zink, das an über 300 verschiedenen enzymatischen Vorgängen beteiligt und nicht nur für die Haut essenziell ist.

 

Machen also in erster Linie die Mikronährstoffe die OM aus?

Schroth: Zur Palette der OM zählen Vitamine, Spurenelemente, Mineralien, Fettsäuren, Aminosäuren, Enzyme, Hormone und andere Nährstoffe. Viele dieser OM-Arzneien werden auch intravenös verabreicht. OM-Substanzen werden auch bei degenerativen rheumatischen Krankheiten, in der Sportmedizin, bei hohem Blutdruck, erhöhtem Cholesterin, in der Migräneprophylaxe, bei Erschöpfungszuständen mit Leistungsminderung und vielem mehr eingesetzt.

 

Aus Ihrer Sicht ist die OM also nichts anderes als ein normaler Bestandteil der klassischen Medizin, nur wird sie nicht ausreichend gelehrt und zum Teil auch nicht angewendet?

Schroth: Genau so ist es. Vielfach herrscht noch die Meinung vor, dass die unter den sogenannten DACH-Werten angeführten Mengenangaben ausreichend wären. Diese reichen, um Skorbut, Pellagra oder Rachitis zu verhindern. Doch diese Krankheiten sind, zumindest in unseren Regionen, eher eine Rarität. Für die tägliche Praxis sind die DACH-Werte bzw. -Empfehlungen allerdings weder Richtwert noch Hilfe. Es geht der OM nicht um die Beseitigung von Mangelkrankheiten, die kaum mehr existieren, sondern um Prävention und Therapie von akuten und chronischen Krankheiten, alleine oder in Begleitung zur Schulmedizin.

 

Freie Radikale, Radikalfänger und oxidativer Stress sind Schlagworte, welche im Zusammenhang mit OM immer wieder fallen. Was leistet die OM auf diesem Gebiet wirklich?

Schroth: Dass ein Zuviel an freien Radikalen, der so genannte oxidative Stress, schädlich und bei zahlreichen akuten und chronischen Krankheiten eine wesentliche Rolle spielt, ist heute unbestritten. Mit Gewalt alle freien Radikale „umzubringen“, ist freilich genauso schädlich, denn ohne sie könnten wir nicht überleben. Die OM bemüht sich, diese Balance zwischen „nicht zu viel Feind“, aber doch „genug Freund“ zu finden. Nicht nur Vitamin E, Vitamin C, b-Carotin sind Radikalfänger, sondern auch die Harnsäure, einige Medikamente und zahlreiche andere Substanzen. Diese und andere spannende Inhalte werden im Rahmen der Seminare am 17. Oktober von erfahrenen Ärzten aus Österreich, Deutschland und der Schweiz vermittelt – unter anderem auch vom „Selenpapst“ Prof. Gerhard Schrauzer, der aus Kalifornien angereist kommt.

 

Das Gespräch führte Dr. Monika Steinmassl-Wirrer

 

 

Interessierte können sich per Mail ( ) oder unter der Telefonnummer +43(0)1 503 46 76 anmelden.

 Linktipp: www.oegom.at

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