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Prof. Dr. Peter Pietschmann Zentrum für Physiologie und Pathophysiologie, Universitätsklinik AKH Wien

Frailty 

 
Pflege 8. September 2009

Frailty, mehr als Gebrechlichkeit

Pathophysiologie eines multifaktoriellen geriatrischen Syndroms.

Frailty, ein multifaktorielles geriatrisches Syndrom, ist durch Schwäche, Abnahme von Gewicht und Muskelmasse sowie Gangunsicherheit gekennzeichnet. Die Plenary Session Geriatrie steht im Zeichen von Frailty. Die Ärzte Woche sprach mit Prof. Peter Pietschmann, Zentrum für Physiologie und Pathophysiologie, MedUni Wien, über Grundlagen und Pathophysiologie des Syndroms.

 

„Frailty kann und soll eigentlich nicht übersetzt werden. Umschreibungen wie Hinfälligkeit oder Gebrechlichkeit bezeichnen zwar wichtige Aspekte von Frailty, treffen die Entität in Wahrheit aber nicht“, leitete Pietschmann das Gespräch ein. „Der Geriater Prof. Thomas Frühwald skizzierte Frailty als ‚multidimensionales Syndrom mit progredientem Verlust diverser Funktionen und einem fortschreitenden Morbiditäts- und Mortalitätsrisiko‘. Die von Linda Fried 2001 herausgegebenen Kriterien helfen Frailty für wissenschaftliche Studien zu definieren. Zu ihnen zählen Nachlassen der Gehgeschwindigkeit, Reduktion der Muskelkraft (Sarkopenie), Gewichtsverlust, verminderte körperliche Belastbarkeit und rasche Erschöpfung. Gangunsicherheit und Gleichgewichtsstörungen runden das klinische Bild von Frailty ab, zu dessen Diagnose mindestens drei der genannten Kriterien erfüllt sein müssen. Darüber ist die Vorstufe Pre-Frailty beschrieben, wenn nur ein oder zwei Kriterien zutreffen.“

Die Objektivierung der Frailty-Kriterien ist wenig aufwändig und erfordert in erster Linie etwas Zeit und Geduld mit dem geriatrischen Patienten. Gehzeit und Ausdauer sind ebenso einfach standardisiert erhebbar wie die Bestimmung der Muskelkraft über die Vermessung der Griffstärke. Der Minnesota Leisure Time Activity Questionnaire kann eine reduzierte körperliche Aktivität erfassen.

Die wie das Syndrom selbst junge Literatur gibt für Frailty eine Prävalenz von drei bis sieben Prozent in der Altersgruppe der 65- bis 75-Jährigen an. Bei den über 90-Jährigen sind hingegen mehr als 30 Prozent betroffen. „Nicht jeder geschwächte ältere Mensch ist frail, zu den Differentialdiagnosen zählen klar umschriebene Entitäten wie Herzinsuffizienz, Morbus Parkinson oder die Rheumatoide Arthritis. Wir wissen heute, dass Frauen und Menschen aus sozial schwachen Schichten eher gefährdet sind, Frailty zu entwickeln“, fasste Pietschmann zusammen. „Frailty bleibt aber stets ein multifaktorieller Prozess, der nicht einer einzelnen Ursache zuzuschreiben ist. Häufig lässt sich der sogenannte Frailty circle (siehe Grafik 1), ein Teufelskreis aus Mangelernährung, Sarkopenie, Inaktivität und Appetitverlust, identifizieren, der das Krankheitsgeschehen immer weiter vorantreibt. Am Ende dieser Kaskade stehen Stürze, Hospitalisation und Tod.“

Osteoporose und Sarkopenie

Zwei Krankheitsbilder nehmen eine zentrale Position in der Pathogenese von Frailty ein: Osteoporose und Sarkopenie. Sie teilen gemeinsame Risikofaktoren wie Mangelernährung und Immobilität sowie einen Mangel an Östrogenen und Testosteron. „Darüber hinaus konnte ein Anstieg der pro-entzündlichen Zytokine TNF-alpha und Interleukin-6 mit Osteoporose und Sarkopenie in Verbindung gebracht werden. Demgegenüber wurde ein Rückgang des Wachstumsfaktors IGF-1 (Insulin-like Growth Factor-1) nachgewiesen“, erklärte Pietschmann und wies auf eine weitere, wenig bekannte Gemeinsamkeit der beiden Entitäten hin: „Ein Vitamin-D-Mangel betrifft nicht nur den Knochen, sondern wirkt sich auch negativ auf die Muskulatur aus. Ein Ausgleich der bei geriatrischen Patienten erschreckend verbreiteten Vitamin-D-Defizienz stärkt den Knochen, kann aber auch Stürze reduzieren. Zur Prophylaxe und Therapie der Frailty besteht noch ein sehr großer Forschungsbedarf.“ Neben einer Vitamin-D-Substitution könnten Krafttraining und eine Ernährungsintervention diskutiert werden. Pietschmann: „Molekulare Therapieansätze existieren derzeit nur im Laborversuch. Während zur Blockade inflammatorischer Zytokine bei Frailty noch keine ausreichenden Daten vorliegen, legen präklinische Ergebnisse Myostatin, einen Inhibitor des Muskelwachstums, als potenzielles Target für die medikamentöse Therapie der Sarkopenie nahe.“

Von Dr. Alexander Lindemeier, Ärzte Woche 38 /2009

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