zur Navigation zum Inhalt
© 4designersart / fotolia.com
Die Identifizierung der der TSC zugrunde liegenden Störung des mTOR-Signalwegs eröffnet neue therapeutische Ansatzpunkte.
 
Allgemeinmedizin 5. März 2013

Seltene Erkrankungen bei Kindern

Tuberöse Sklerose – eine genetisch bedingte Erkrankung mit vielen Gesichtern.

6.000 bis 8.000 seltene Erkrankungen sind derzeit bekannt, im Schnitt werden fünf neue pro Woche in der wissenschaftlichen Literatur beschrieben. Auf eine dieser seltenen Erkrankungen ging Prof. Dr. Martha Feucht, Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde im AKH Wien, im Rahmen eines Workshops ein – die Tuberöse Sklerose.

Seltene Krankheiten sind chronische, oft lebensbedrohliche und meist unheilbare Erkrankungen, die nicht mehr als 5 von 10.000 Menschen in der EU betreffen, in den meisten Fällen allerdings sogar weniger als 1 von 100.000. Europaweit sind das zwischen 27 und 36 Millionen Menschen, in Österreich sind rund 400.000 Personen betroffen.

80 Prozent der seltenen Krankheiten sind genetisch bedingt. Bis zur richtigen Diagnosestellung vergehen im Durchschnitt jedoch etwa sieben Jahre. Das liegt auch daran, dass beispielsweise ein praktischer Arzt höchstens einmal im Jahr mit einer dieser Erkrankungen zu tun hat. Lediglich zu 1.000 der heute bekannten seltenen Krankheiten gibt es auch nur ein Minimum an wissenschaftlichen Erkenntnissen – meist sind dies die „häufigeren“ unter den seltenen Krankheiten.

Tuberöse Sklerose – ein komplexes Krankheitsbild

Die tuberöse Sklerose ist eine komplexe Erkrankung, die viele verschiedene Beschwerden hervorrufen kann, weshalb inzwischen die Bezeichnung „Tuberöse Sklerose Komplex“ bzw. die Abkürzung TSC (engl. Tuberous Sclerosis Complex) verbreitet ist. Typische Krankheitszeichen sind Gewebswucherungen und -fehlbildungen an nahezu allen Organen. Besonders häufig betroffen sind die Haut, das Gehirn, die Nieren sowie Zähne und Zahnfleisch.

Meist beginnt die Erkrankung im frühen Kindesalter. Häufige und schwerwiegende Symptome sind dann epileptische Anfälle sowie Störungen der geistigen Entwicklung. In welchem Ausmaß die unterschiedlichen Veränderungen allerdings bei einem einzelnen Patienten auftauchen, variiert sehr stark – ebenso, wie der Grad der gesundheitlichen Beeinträchtigung. Hinzu kommt, dass TSC eine seltene Erkrankung ist, von der in Österreich geschätzte 1.000 Menschen betroffen sind.

Ursache für die TSC sind Mutationen im Erbgut. Von diesen Veränderungen können zwei verschiedene Gene betroffen sein, TSC1 und TSC2. Sie enthalten Bauanweisungen für zwei Eiweißkörper, die gemeinsam einen hemmenden Einfluss auf das Regulator-Protein mTOR ausüben. Dieses Protein ist unter anderem für die Zellteilung und das Zellwachstum verantwortlich. Wenn in einer Körperzelle Mutationen am TSC1- oder TSC2-Gen auftreten, ist die Bildung der hemmenden Eiweißkörper gestört. Die betroffene Zelle teilt sich häufiger, und es bilden sich Hamartome – Tumore, die aus mehreren Gewebearten bestehen und meist gutartig bleiben, also keine Metastasen bilden.

Verschiedene Organe können betroffen sein

Die Genmutationen können in fast allen Organen auftreten. Daher können TSC-Patienten ganz unterschiedliche Symptome aufweisen:

  • Angiomyolipome (AML) in den Nieren (Prävalenz 80%).
  • Lymphangioleiomyomatose (LAM) als pulmonale Erscheinung (Prävalenz 40%).
  • Subependymale Knötchen (SEN) im Gehirn, die bereits bei Neugeborenen vorliegen können (Prävalenz 80%) und sich zu Subependymalen Riesenzellastrozytomen (SEGA) entwickeln können (Prävalenz 20%).
  • Neurologische Manifestationen wie Krampfanfälle, kognitive Einschränkungen, Verhaltensauffälligkeiten oder Autismus werden in über 50 Prozent meist bereits im Kindesalter diagnostiziert.
  • Dermatologische Symptome wie Angiofibrome im Nasen-/Wangenbereich treten im Laufe der Pubertät besonders stark hervor (Prävalenz 80%).

Aufgrund der Bandbreite und der unterschiedlich starken Ausprägung der Beschwerden sowie ihres altersabhängigen Auftretens ist die Diagnostik von TSC deutlich erschwert. Sie wird anhand typischer Merkmale diagnostiziert, die sich bei körperlichen und bildgebenden Untersuchungen zeigen. Mutationen des Erbmaterials können durch genetische Tests nachgewiesen werden.

Gar nicht so selten kommt es aber vor, dass die Erkrankung erst im Jugend- oder Erwachsenenalter diagnostiziert wird. Diese Patienten haben oft schon eine – unter Umständen jahrelange – Odyssee von Arzt zu Arzt und eine endlose Reihe von Untersuchungen hinter sich. Da die Erkrankung selten ist und viele unterschiedliche Beschwerden auftreten können, wird eine TSC oft nicht in Betracht gezogen. Es gibt nur wenige Spezialisten für diese Erkrankung. Ist es im Kindesalter schon nicht einfach, Spezialisten zu finden, so kann das für erwachsene TSC-Patienten oder deren Eltern eine nahezu unüberwindbare Hürde darstellen.

Behandlung der Tuberösen Sklerose

Geheilt werden kann die TSC noch nicht. Bisherige Therapien zielen lediglich auf die Symptome ab. Dabei reicht das therapeutische Spektrum von Antiepileptika bei TSC-assoziierten Epilepsien, der Embolisation bei AML der Niere über die Verordnung ketogener Diäten bis hin zur chirurgischen Tumorentfernung in Gehirn, Nieren oder Lungen. Die bei TSC-Patienten typischerweise beobachtbaren Hautläsionen werden häufig mit Laserbestrahlung behandelt. Was bisher jedoch fehlt, ist eine zielgerichtete, kausal in die Ursachen der Erkrankung eingreifende Therapie. Die Identifizierung der der TSC zugrundeliegenden Störung des mTOR-Signalwegs eröffnet neue Ansatzpunkte zur Schließung dieser therapeutischen Lücke. Bei welchen TSC-bedingten Wucherungen sie wirken, wird derzeit in klinischen Studien überprüft.

Leben mit Tuberöser Sklerose

Die Diagnose „Tuberöse Sklerose“ ändert das Leben der betroffenen Familien von heute auf morgen. Sie bedeutet, an einer Erkrankung zu leiden, die einen das ganze Leben lang begleiten wird. Und zum Zeitpunkt der Diagnose lässt sich noch nicht abschätzen, wie sich der Krankheitsverlauf entwickeln wird. Von einem annähernd normalen Leben bis hin zu einem Alltag, in dem der Patient sein Leben lang auf Betreuung angewiesen sein wird, ist alles möglich. In jedem Fall gibt es bei der Zukunftsplanung vieles zu berücksichtigen, über das Gesunde gar nicht nachdenken müssen.

Für die Eltern kann das bedeuten, dass sie ihre eigene Lebensplanung neu überdenken und bisherige Interessen in den Hintergrund stellen müssen. Auch Geschwister sind von der Krankheit betroffen: Für sie bleiben vielleicht weniger Zeit und Aufmerksamkeit, und eventuell müssen sie lernen, für den Patienten Mitverantwortung zu übernehmen.

Wenn bei einem Familienmitglied TSC diagnostiziert wurde, ist es sinnvoll, eine genetische Analyse der kompletten Familie durchzuführen. Ist das Erbgut der Eltern verändert, muss gegebenenfalls die weitere Familienplanung überdacht werden. Auch für Geschwister ist diese Information wichtig. Je mehr Familienmitglieder betroffen sind, desto größer ist die Belastung für die Familie.

Quelle: Journalisten Workshop zum Rare Disease Day, 19. Februar 2013, Wien

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben