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Leben 21. Juni 2006

Starstecher und Okulisten machten „Blinde sehend“ (Narrenturm 60)

Bevor sich die Augenheilkunde als eigenständige medizinische Disziplin etablierte, waren es jahrhundertelang die fahrenden Starstecher und Okulisten, die von Ort zu Ort und von Jahrmarkt zu Jahrmarkt zogen, um, wie es hieß, Blinde sehend zu machen. Sie operierten ohne Betäubung und unter haarsträubenden hygienischen Bedingungen. Endete der Eingriff fatal, waren sie längst über alle Berge.

Oft war es ein Spektakel wie jenes von Gauklern auf einer Bühne vor Publikum, wenn Starstecher Operationen an Menschen vornahmen, deren Linsen sich getrübt hatten und die nicht mehr sehen konnten. Gelang der spektakuläre Eingriff, der kaum eine Minute dauerte, und der Patient konnte nachher zumindest schemenhaft wieder sehen, waren den Okulisten Ruhm und neue Kundschaft gewiss. Kam es später – nachdem der obligate Verband abgenommen war – zur Entzündung des Auges und der Patient erblindete wieder oder verstarb sogar an einer Wundinfektion, waren die Starstecher meist schon weiter gezogen und vermieden es üblicherweise tunlichst im selben Ort noch einmal aufzutauchen. Die Vier-Säfte-Lehre hielt die Trübung in der Pupille für erstarrten Gehirnschleim, für einen trüben Wasserfall, der vor der Linse im Auge fließt, daher auch der Name Katarakt für den grauen Star. „Weißes Wasser“ nennen die Araber noch heute den Katarakt. Die Linse selbst hielt man für den Sitz des eigentlichen Sehens. Das deutsche Wort „Star“ soll sich aus dem mittelhochdeutschen „stara plint“ ableiten, was so viel wie „Erblindung durch das Erstarrte“ bedeutet. Eine Ansammlung von verdorbenen Säften im Gehirn sah man als Ursache für das trübe „Wölkchen“ im Auge. Da Aderlässe, Schröpfköpfe, blasenziehende Pflaster und andere Versuche, die bösen Säfte aus dem Körper zu ziehen und das Blut zu reinigen, naturgemäß misslingen mussten, waren die Menschen – wollten sie nicht als hilflose Blinde ihr Leben fristen – gezwungen, sich einem mehr oder weniger seriösen und geschickten Starstecher anzuvertrauen. Der kurze Eingriff ging üblicherweise so vor sich: Chirurg und Patient saßen sich „Aug in Aug“ gegenüber. Der Helfer des Chirurgen hielt den Kopf des Patienten mit beiden Händen wie in einem Schraubstock fest. Wurde das linke Auge operiert, stützte der Starstecher seine linke Hand an der Stirn des Patienten ab, spreizte mit Daumen und Zeigefinger die Augenlider und fixierte mit leichtem Druck den Augapfel. Mit der Starstichnadel, die er vorher durch den Mund gezogen hatte, um sie schlüpfrig zu machen, stach der Operateur seitlich in das Weiße des Augapfels ein. Sah er die Spitze der Nadel in der Pupille, versuchte er, den „Star“ aufzuspießen und mit einer hebelnden Bewegung nach hinten in den Glaskörper zu drücken. Urplötzlich kam danach wieder Licht ungehindert ins Auge des Patienten.

Manuelle Virtuosität

Ohne Linse konnte der Patient zwar nicht mehr scharf sehen, aber auch das schemenhafte Sehen bedeutete tatsächlich eine erhebliche Verbesserung seiner Lebensbedingungen. Komplikationen durch die mehr als schlechten hygienischen Bedingungen und die im Auge zurückbleibende Linse waren an der Tagesordnung, wurden den manuell durchaus virtuosen Starstechern aber meist nicht angelastet. Erst Anfang des 17. Jahrhunderts konnte ein französischer Militärarzt nachweisen, dass der „weiße Schleim“, den man beim Starstechen in den Glaskörper drückte, die Linse war. Der nur handwerklich ausgebildete Wundarzt Jacques Daviel (1696–1762) war es schließlich, der den Grauen Star erstmals durch die Entfernung der Linse behandelte.

Basis moderner Operationen

Mit seinem Bericht „Eine neue Methode der Kataraktbehandlung durch Linsenextraktion“ begann 1753 die moderne Augenchirurgie und beendete die jahrtausendealte, recht brutale Methode des „Starstechens“. Daviel verfeinerte seine Methode ständig und experimentierte auch mit verschiedenen Instrumenten: Starmessern, Nadeln und Scheren. Der Daviel‘sche Löffel, ein Hohlspatel, ist heute noch jedem Augenarzt ein Begriff. Seine Operationstechnik, die extrakapsuläre Kataraktextraktion, war bis in die jüngste Vergangenheit die Grundlage der modernen Kataraktoperation und Voraussetzung für die Implantation von Kunststofflinsen. Erst im letzten Jahrzehnt haben minimal invasive Operationstechniken sie abgelöst.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 25/2006

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