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Chirurgie 15. Juni 2015

Kaiserlicher Feldscher mit Visionen

Der 18. Juni 1815 war ein Tag der Musketen – und der Knochensägen.

Vor 200 Jahren starben Franzosen, Preußen und Engländer zu Tausenden in der Schlacht bei Waterloo. Aber nur Napoleons Truppen verfügten über eine moderne Militärchirurgie. Ihr Chef, Dominique Jean Larrey, konnte ein Bein in weniger als einer Minute abnehmen.

Das Schlachtfeld von Waterloo, ein weites Tal mit mäßig steilen Hängen, stank am 18. Juni 1815 wie alle Schlachtfelder stinken: nach Blut, nach Gedärmen, die aus den Bäuchen von getroffenen Soldaten und Pferden hingen, nach halbverbrannten Leichen, denn der ständige Beschuss setzte das Gras in Brand. Wie soll man so ein Inferno in Worte fassen. Vielleicht mit den nüchternen Worten eines Soldaten. Dann waren wir an der Reihe, schrieb Capitaine Pierre-Charles Duthilt, Offizier der Großen Armee Napoleons. In der Folge hatten die englischen Kanoniere reichlich Zeit, uns zu vernichten. Duthilt und die Erinnerungen vieler anderer Augenzeugen werden in dem spannend geschriebenen Sachbuch „Waterloo“ von Bernard Cornwell zitiert (Wunderlich, 2015, Hardcover, 480 Seiten, 25,70 Euro).

Das Los der Verwundeten scherte jahrhundertelang kaum jemanden. Laut Weisung Friedrichs des Großen durfte man sich erst, „wenn die Bataille vorbey und Viktoria geblasen ist“, um die Verwundeten und Toten kümmern, oft erst am nächsten oder den folgenden Tagen nach der Schlacht. Gehilfen der Feldscher sammelten auf Karren Überlebende ein, die noch nicht von Plünderern getötet worden waren. Die Sanitäter hatten es keineswegs eilig, die Dringlichkeit wurde erst allmählich erkannt. Doch ausgerechnet zur Zeit der Volksarmeen in den Napoleonischen Kriegen begann die systematische Ausbildung zu Wundärzten. Militärchirurgische Anstalten entstanden. Über Mangel an Beschäftigung konnten sich Wundärzte im Dienste des aggressiven Napoleon wahrlich nicht beklagen.

Mit Eigelb und Rosenöl

„Um das Leben der Soldaten zu retten, gab es nur wenige Möglichkeiten, deshalb musste bei Verletzungen der Extremitäten häufig amputiert werden. Bauchverletzungen waren für den Soldaten meistens tödlich. Die Militärchirurgen hatten aber schon bessere Verfahren zur Amputationen als im Mittelalter, als noch - salopp formuliert - mit Säge und Alkohol gearbeitet wurde. Vor allen die französischen Militärchirurgen bzw. Feldchirurgen haben von Ambroise Pare, einem Militärchirurgen aus dem 16. Jahrhundert gelernt, Wunden nicht mehr mit heißem Öl auszubrennen, sondern zu säubern und mit Salben aus Eigelb, Rosenöl und Terpentin zu behandeln. Auch kannten sie die heilende Wirkung von Salben aus Heilpflanzen.“ Das sagt die Medizinhistorikerin Prof. em. Dr. Brigitte Lohff von der Medizinischen Hochschule Hannover. Und Dominique Jean Larrey, der Oberfeldscher der französischen Garde imperiale, machte seinen Einfluss geltend, damit die Verwundeten schnell versorgt wurden.

Larrey hatte erkannt, dass wesentlich bessere Ergebnisse zu erzielen waren, wenn die Verwundeten im Brennpunkt des Gefechts versorgt wurden, und nicht in den verseuchten Feldlazaretten. Nach seiner Meinung sollten 24 Stunden als Zeitfenster eingehalten werden. Die Grundsätze der aseptischen Wundversorgung haben dieses Fenster aus sechs Stunden eingegrenzt.

Larrey führte die fliegenden Ambulanzen, gut gefederte Sanitätswagen, ein (siehe auch den Bericht auf gegenüberliegenden Seite), mit denen zwischen Pferdekadavern und auf eingesunkenen morastigen Feldwegen manövriert werden konnte. In der feindlichen britischen Armee wurden zu dieser Zeit noch die Mitglieder Militärkapelle eingesetzt, um die Männer aus der Schusslinie zu bringen. Larrey war ein erfahrener Chirurg, ein Bein konnte er in weniger als einer Minute amputieren. Da es keine Anästhesie gab, außer der betäubenden Wirkung von Alkohol, und kein anderes Desinfektionsmittel als Essig oder Terpentinöl, operierte Larrey, wenn seine Patienten noch unter Schock standen. Die Genesungsrate von Männern, die schnell behandelt wurden, war sehr viel höher.

Um zu beschreiben, welcher Anblick sich den Militärärzte vor 200 Jahren bot, zitiert Cornwell einen französischen Offizier: Wir hörten das Zischen ihrer Kanonenkugeln in der Luft, den dumpfen Aufprall, wenn sie auf dem Boden aufschlugen, und dieses andere Geräusch, wenn die Musketen wie Streichhölzer zerbarsten und die Männer zwanzig Schritt nach hinten geschleudert wurden und sich alle Knochen brachen.

Der Kaiser ernannte Larrey zum Chef-Chirurgen für den Russland-Feldzug 1812. Und er war vor Waterloo bei der Völkerschlacht von Leipzig dabei. Er kannte Napoleons Gegner, den Duke of Wellington und den preußischen Marschall Blücher, genannt „General Vorwärts“. Leidende Soldaten hofften auf den Ruf Larreys. „Je viens, je viens“ (Ich komme, ich komme). Ihm wird der Aphorismus zugeschrieben: „Die Wunden der Sieger heilen schneller als die der Besiegten“. Doch da ist noch etwas. Frage an Frau Lohff, derzeit Gastprofessorin an den Sammlungen der Medizinischen Universität Wien, Josephinum: Napoleon I. hat Hunderttausende Soldaten in den Tod geschickt. Larrey aber, der Leben bewahrte, hat er dennoch in Ehren gehalten, wie passt das zusammen? Lohff: „Das hat wohl ganz triviale menschliche aber auch strategische Gründe. Larrey war nicht nur ein guter Chirurg sondern auch ein guter Arzt, was Napoleon am eigenen Leib erfahren haben wird. Napoleon hat sicher auch erkannt, dass er von Dominique Jean Larrey’s chirurgisch-medizinischen Können militärisch profitiert: Mehr verletzte Soldaten als in anderen Kriegen und bei anderen Heeren konnten geheilt werden und waren wieder einsatzbereit. Dieses war und ist war für einen Feldherrn von großer Bedeutung. Er gehört eher zu den vergessenen Chirurgen, wenn auch zu Unrecht – allerdings nicht in Frankreich“.

Der Kaiser ließ ihm freie Hand

Larrey strebte eine möglichst einmalige und endgültige chirurgische Behandlung an. Dafür benötigte er schnelle und sichere Operationsmethoden. Ein strapazierfähiger Verband wurde idealerweise erst nach Abschluss der Wundheilung entfernt. Es wird von Amputierten berichtet, die mit dem ersten und einzigen Verband von Russland nach Frankreich zurückkehrten. Bis dahin war der Stumpf verheilt.

War Larrey ein Pionier, Frau Lohff? „Er gehört zu der Generation von Militärchirurgen des 19. Jahrhunderts, dem entscheidende Impulse für die Entwicklung der Chirurgie zu verdanken sind. Er war auf der Höhe der Zeit, da er die systematische Beobachtung und den wissenschaftlichen Blick in der Chirurgie verwirklicht hat. Er hat mit Napoleon auch den Vorgesetzten gehabt, der seine Fähigkeiten erkannte und ihm freie Hand ließ. Als Arzt hat er für die von ihm betreuten Soldaten lebenserhaltene Entscheidungen getroffen, das muss ihm bei Napoleon und beim Heer Ansehen verschafft haben. Er wurde nach Napoleons Sturz nicht mitgerissen, sondern man hat ihn in die französische Akademie aufgenommen. Er gehört zweifellos zu den Neuerern des Militär-Sanitätswesens und der Militärmedizin.“

Literatur

Extremitätenchirurgie im Wandel –

28 Fachärzte äußern sich.

R.-P. Meyer, F. Moro, H.-K. Schwyzer, B. R. Simmen & M. Flury,

Springer Verlag 2014, 183 Seiten,

Hardcover 51,40 €

ISBN 978-3-662-44460-3

Muss man wissen, wer Dominique Larrey war? Antwort des Autors: Nein, muss man nicht, doch hilfreich könnte es allemal sein. So verschwurbelt kann sich wohl nur ein Wissenschaftler ausdrücken, wenn er „Ja“ meint. Zum Glück ist der Rest klarer. Beschrieben wird die Extremitätenchirurgie um 1800, die Anfänge des Débridements, Larreys Konzept der Schnelligkeit und seine Vorbildfunktion. Man erfährt, dass der Arzt von dicht gedrängt stehenden Soldaten über einen Nebenfluss des Dnepr gehoben wurde.

Wiener Kongress

Ein Staatsakt zum Jubiläum eines der bedeutendsten Ereignisse der europäischen Geschichte ist sich nicht ausgegangen, aber immerhin: Es gibt eine große Ausstellung namens „Der Wiener Kongress 1814/15 – Europa in Wien“ im unteren Belvedere. Vor 200 Jahren war Wien mehrere Monate lang das politische, kulturelle und gesellschaftliche Zentrum Europas. Alle großen Mächte Europas sandten ihre Delegierten, um gemeinsam über die Neuordnung des Kontinents zu beraten: nur noch bis 21. Juni (täglich 10 bis 18 Uhr, Mittwoch 10 bis 21 Uhr).

Martin Burger, Ärzte Woche 25/2015

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