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Ein Katalog für Hörrohre aus dem Jahr 1910.

Zeigt eine antike griechische Münze Alexander den Großen mit einem Widderhorn als Hörrohr?

Eine Hördose aus dem 19. Jahrhundert (Sammlung Narrenturm).

 
Allgemeinmedizin 24. Oktober 2014

Der „feine und warme Hauch der Seele“

Die Entwicklung der Hörhilfe: Von der Hand hinterm Ohr bis zum miniaturisierten Hörgerät.

Schwerhörigkeit trennt Menschen von Menschen. Mehr oder weniger erfolgreiche Versuche, den Hörverlust zu behandeln, sind so alt wie die Menschheit selbst. Trotzdem wurde das Hörrohr angeblich erst im 17. Jahrhundert erfunden.

Vielfältig waren die ersten „Hörmaschinen“ in Form und verwendeten Materialien, ihre Wirkung aber recht bescheiden. Spektakulär und rasant entwickelte sich die Technik der Hörgeräte erst ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Bereits im ersten nachchristlichen Jahrhundert empfahl der römische Arzt Archigenes (ca. 75–129 n. Chr.) dem schwerhörigen Kaiser Hadrian (76–138 n. Chr.) eine „klingende Röhre“ an sein Ohr zu halten, um den Schall zu verstärken. Ob dies der Kaiser tatsächlich je getan hat, ist nicht überliefert. Abgesehen von einem ägyptischen Fresko aus dem dritten Jahrtausend vor Christus, auf dem sich ein Musiklehrer in typischer Art die Hand hinter das Ohr hält, um besser hören zu können, gibt es in der Antike keine gesicherte Darstellung eines Menschen, der ein Hörrohr oder Ähnliches zur Schallverstärkung nutzte. Dabei waren mit Sicherheit verschiedenste Blasinstrumente bereits länger bekannt und wurden zumindest auch militärisch genutzt. Dass niemand auf die Idee kam, das Instrument umzudrehen und die schallverstärkende Wirkung zu entdecken, ist aber eher unwahrscheinlich. Bildlich festgehalten wurde eine derartige Verwendung jedenfalls nicht. Vielleicht war die antike Prominenz aber auch genauso eitel wie die des 20. und 21. Jahrhunderts, die es penibel vermied, mit einem Hörgerät abgebildet zu werden.

Alexander der Zweigehörnte

Interessant ist die Darstellung Alexander des Großen (356–323 v. Chr.) auf einer Münze, einer Tetradrachme, auf der der Feldherr mit einem Horn eines kleinen Widders, dem sogenannten Ammonshorn über und hinter seinem rechten Ohr dargestellt wird. Da der „Zweigehörnte“, wie Alexander im Koran genannt wurde, sicher auch über seinem linken Ohr ein Widderhorn trug, ist die Idee, dass es sich hierbei um eine Hörhilfe für beide Ohren gehandelt haben könnte gar nicht so abwegig. Jedenfalls zeigt ein „Hörrohr in Schneckenform“ mit Kopfspange in einem Katalog aus dem Jahr 1910 eine verblüffende Ähnlichkeit mit den Hörnern Alexander des Großen.

Lange vor der offiziellen Erfindung des Hörrohrs durch den deutschen Universalgelehrten Anastasius Kircher (1601–1680) im Jahr 1650 entstand auch eine Miniatur, auf der der jagende König Artus anscheinend ein trichterförmiges Instrument an sein linkes Ohr hält. Darüber, ob es sich auf dieser Buchmalerei aus dem 12. Jahrhundert um ein Hörrohr oder ein Jagdhorn handelt, lässt sich trefflich streiten.

Ein Jesuit macht akustische Experimente

Kircher, der vielseitige Jesuit, Universalgelehrte und einer der populärsten Wissenschaftler der damaligen Welt, beschäftigte sich jedenfalls in seinem Buch Phonurgia nova vorwiegend mit Akustik und mit zweckmäßig geformten Rohren zur Verstärkung des Schalles. Wegen seiner ausführlichen Beschreibungen und den zahlreichen Abbildungen seiner Hörrohre gilt Kircher allgemein als Erfinder des Hörrohres. Wobei erwähnt werden muss, dass seine Rohre wie etwa das riesige Ellipsoid, das die Größe eines Tisches hatte, wohl eher für akustische Experimente, denn als praktisches Hilfsmittel für Schwerhörige gedient haben.

Zu zahlreichen Verbesserungen des Hörrohrs durch neue Formen und Materialien kam es im 19. Jahrhundert. Weitverbreitet waren die 1820 patentierten Ohrschläuche nach Pastor Dunker. Diese „Hörmaschinen mit biegsamen Rohr“ bestanden aus einem Schlauch, einem Trichter aus Hartgummi und einer zwölfseitigen Gebrauchsanweisung. Erwähnenswert sind auch vier bis heute erhaltene (und im Beethoven-Haus in Bonn zu besichtigende) Hörrohre, die der Wiener Mechaniker und Erfinder des Metronoms Johann Nepomuk Mälzel (1772–1838) im Jahr 1814 für Ludwig van Beethoven fertigte. Vorübergehend sollen sie dem genialen Musiker auch tatsächlich geholfen haben. Spätestens im Jahr 1818 nützten ihm aber auch diese nichts mehr. Beethoven konnte sich dann nur mehr mithilfe von Konversationsheften und Lippenablesen mit seiner Umgebung verständigen.

Für eitle Schwerhörige versteckten findige Mechaniker die „Hörmaschinen“ gegen die Harthörigkeit geschickt in allerlei Gegenständen für den alltäglichen Gebrauch. So gab es Hörrohre in Spazierstöcken, in Operngläsern, als Tischgerät in Blumenvasen und für Damen hinter einem Fächer oder unmerklich in der Frisur verborgen. Hörbrillen mit Trichter für beidseitiges Hören und große Ohrlöffel mit verstellbarem Kopfband, Hörhelme mit eingebautem unsichtbaren Schalltrichter und Thronsessel mit Hörrohren in den Armlehnen für schwerhörige Monarchen, ergänzten das riesige und skurrile Angebot an Hörhilfen im „Goldenen Zeitalter des Hörrohres“.

Das „echte“ Hörgerät kommt auf den Markt

Ein entscheidender Fortschritt in der Entwicklung der Hörhilfen war schließlich 1861 die Erfindung des Telefons durch den Deutschen Philipp Reis sowie dessen Verbesserung durch den amerikanischen Gehörlosenlehrer Alexander Graham Bell im Jahr 1876. Ein Jahr später entwickelte Thomas Alva Edison sein Kohlemikrofon. Das elektrische Hörgerät erfand jedoch keiner der drei Herren. Erst 20 Jahre später kombinierte der Arzt Bertram Thornton (1856–1913) aus diesen Teilerfindungen einen funktionierenden Hörapparat. Er bestand aus einem magnetischen Hörer, einem Kohlemikrofon und Batterien, die in einem Kästchen auf einem Tisch standen. Der Ingenieur Miller Reese Hutchinson (1876–1944) entwickelte daraus schließlich ein echtes Hörgerät, produzierte es ab 1898 in Serie und gilt heute als Erfinder des elektrischen Hörgerätes. Röhrenverstärker und zunehmende Verkleinerung aller Bauteile führten zu tragbaren Koffergeräten, die für die Damen in Handtaschen und für die Herren in Form eines Fotoapparates – „Kodakform“ – produziert wurden. Durch die Erfindung des Transistors und weitere Miniaturisierungen konnten schließlich direkt am Kopf zu tragende Hinterohrgeräte, Hörbrillen und fast unsichtbare „Im-Ohr-Geräte“ gebaut werden.

Ein Meilenstein im Hörgerätebau waren Ende des 20. Jahrhunderts die so genannten „volldigitalen“ Geräte. Jeder Patient hatte nun gleichsam einen „Computer im Ohr“, der jederzeit mit neuer Software bestückt werden kann. Die weitere Miniaturisierung von Geräten und Implantaten bis zum tatsächlich „unsichtbaren Hörsystem“ ist eigentlich nur mehr eine Frage der Zeit. Die routinemäßige Neuzüchtung von Teilen des Gehörsystems mithilfe von geklonten Stammzellen ist allerdings weiterhin Zukunftsmusik.

Trennung von den anderen

Blindheit trennt die Menschen von den Dingen, Gehörlosigkeit von den Menschen, sagt man. Es ist zu hoffen, dass Hörgeräte neben einer besseren Verständigung von Mensch zu Mensch auch dazu beitragen, dass das Hören für Schwerhörige wieder zu dem wird, was es für den griechischen Philosophen Pythagoras (um 570–510 v. Chr.) war, nämlich der „feine warme Hauch der Seele“.

Wolfgang Regal und Michael Nanut, Ärzte Woche 44/2014

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