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Fotos (4):  Regal
Die durch „den kopulierenden Saugwurm“ verursachte Blasenbiharziose.

Pärchenegel – Weibchen im Canalis gynaecophorus des Männchen.

Volkstümliches ägyptisches Aufklärungsplakat.

Mondkrater Bilharz 5°48´ S _ 56°18´ O

 
Allgemeinmedizin 9. Mai 2012

„Die elfte biblische Plage“

Theodor Bilharz starb am 9. Mai vor 150 Jahren, er entdeckte die Ursache der Schistosomiasis.

Die „Bilharziose“ ist tatsächlich eine Plage von biblischem Ausmaß. Sie ist – nach der Malaria – die zweithäufigste Infektionskrankheit der Tropen. Etwa 300 Millionen Menschen sind heute weltweit an ihr erkrankt. Jedes Jahr sterben fast 300.000 Menschen an den Folgen dieser Infektion. Verantwortlich dafür sind nicht, wie im Alten Testament aufgeführt, Frösche, Stechmücken, Heuschrecken oder der Erstgeborene, diese „biblische“ Heimsuchung verursachen vielmehr Würmer. Benannt ist die Seuche ursprünglich nach dem Entdecker ihrer Ursache, dem deutschen Arzt Theodor Maximilian Bilharz (1825 – 1862). Nach dem 2. Weltkrieg hat sich für diese Krankheit international allerdings der Name „Schistosomiasis“ durchgesetzt.

 

Der naturwissenschaftlich an vielen Dingen interessierte Theodor Bilharz entschied sich letztlich dafür, Medizin zu studieren. Aber es war nicht die „eigentlichen Heilkunde“, die ihn anzog, es waren die Botanik, Osteologie, Zoologie, Mineralogie und die „Morphologie und Physiologie des Menschen und der Tiere“, die ihn vor allem interessierten. Vor der „Tätigkeit als Landarzt und seiner geistigen Verelendung“ graute es ihm, wie er einer Bekannten anvertraute. Im Jahr 1850 promovierte er zum Dr. med. in Tübingen. Kurze Zeit später bot ihm sein Lehrer, der Psychiater und Internist Wilhelm Griesinger, an, ihn doch als Assistenten nach Ägypten zu begleiten. Griesinger selbst wurde zum Leibarzt des Vizekönigs von Ägypten, Leiter der medizinischen Schule in Kairo und Direktor und Reformator des ägyptischen Medizinalwesens nach Kairo bestellt. Bilharz war begeistert. „Alle Wünsche auf einen Schlag erfüllt!“, schrieb er seinen Eltern.

In Kairo arbeitete er als Assistenzarzt an verschiedenen Krankenhäusern und betätigte sich als Lehrer an der Medizinschule Kasr-el-Aïn. Viel Zeit verbrachte er in den ersten Monaten seines Aufenthalts mit Obduktionen. „Ich schwelge in Menschendärmen“, schrieb er in sein Notizbuch. Dabei fand er „Hunderte von Würmern“ und entdeckte einen damals noch unbekannten kleinen Saugwurm. Diesen eigenartigen Wurm fand Bilharz in fast jeder zweiten Leiche und bei vielen seiner Patienten auch im Blut.

Am 28. August 1851 berichtete Bilharz in einem Brief, dass er etwas „Wunderbares“ entdeckt habe – Trematoden mit getrenntem Geschlecht. Die meisten Saugwurmarten sind ja Zwitter. In hunderten Untersuchungen an Patienten und auch Sektionen gelang es ihm, das Geheimnis dieses rätselhaften Parasiten zu lüften. Den ein bis zwei Zentimeter langen Wurm nannte er Distonum haematobium, das Männchen trägt in einer Bauchfurche das etwas längere Weibchen, weshalb der Wurm auch heute Pärchenegel heißt.

Einige Jahre später gab Heinrich Meckel von Helmsbach (1822–1856), Anatom an der Charité in Berlin, dem Wurm in einer Publikation den Namen „Bilharzia haematobia“. Es gelang Bilharz, in krankhaften Veränderungen der Harnblase und des Dickdarms auch die Eier dieses gefährlichen Parasiten nachzuweisen. Als erster Wissenschaftler stellte er den Zusammenhang zwischen der in Ägypten extrem häufigen blutigen Blasenentzündung – ägyptische Hämaturie – und dem „kopulierenden Saugwurm“ her. Die sorgfältige Beschreibung der durch den Wurm hervorgerufenen Krankheit ergänzte Bilharz mit exakten Zeichnungen.

Die schmerzhafte blutige Blasenentzündung ist in Ägypten seit Jahrtausenden endemisch. Sie quälte schon die Pharaonen. Armand Ruffer, einer der bedeutendsten Erforscher ägyptischer Mumien, konnte dies bereits 1909 mit dem Fund von verkalkten Eiern des Pärchenegels in den Nieren zweier Mumien aus der Zeit um 1000 v. Chr. nachweisen. Sogar eine Hieroglyphe für die verheerende Plage Ägyptens gab es bereits: ein tropfender Penis – Symbol für den blutigen Urin des Bilharziose-Kranken.

„Souvenir aus dem Wasser“

Die Krankheit ist an das Vorhandensein bestimmter Süßwasserschnecken als Zwischenwirt gebunden. Endwirt ist der Mensch. Die Eier des Wurmes gelangen mit den menschlichen Ausscheidungen in die Gewässer. Hier entwickeln sie sich zu Larven, die in die Posthornschnecke eindringen. In ihr werden aus den Larven Tausende von Zerkarien. Wenn sie die Schnecke nach einigen Wochen verlassen, müssen sich die kurzlebigen Zerkarien innerhalb eines Tages ihren Endwirt – im Wasser spielende Kinder, Fischer, Reisbauern oder unwissende badende Touristen – finden, in denen sie dann blitzschnell durch die intakte Haut eindringen. Über die Lymphe kommen sie in den Kreislauf und entwickeln sich zu reifen Pärchenegel. Je nach Art des Erregers wandern sie in die Venengeflechte verschiedener Organe. Nach der Paarbildung der getrennt geschlechtlichen Würmer legt das Weibchen Eier ab. Die Hälfte davon wühlt sich durch die Blase oder den Darm und wird mit dem Stuhl oder Urin ausgeschieden – bei mangelnder Hygiene eben ins Wasser. Der Rest bleibt im Körper und verursacht Blutungen, chronische Entzündungen und möglicherweise auch Krebs. Die Wurmeier verstopfen Gefäße und schädigen innere Organe. Sind die Eier einmal im Wasser, beginnt der Kreislauf erneut.

Zwischen dem 35. Breitengrad nördlich und südlich des Äquators sind heute – nicht nur – in Afrika zahlreiche Bäche, Tümpel, Seen und Bewässerungskanäle mit Wurmlarven verseucht. Nach wie vor ist die Bilharziose oder Schistosomiasis eine typische Erkrankung in Ländern mit schlechten hygienischen Verhältnissen. Als „Souvenir aus dem Wasser“ reist der listige Saugwurm im Blut ahnungsloser Touristen auch in unsere Gefilde. Hier fehlt ihm aber zum Glück der Zwischenwirt.

Vielseitiges Talent

Zehn Jahre beforschte und enträtselte Bilharz die geheimnisvolle Krankheit. Er vermutete auch schon, dass der Wurm aus dem Wasser kommt. Endgültig aufgeklärt wurde der komplizierte Entwicklungszyklus der Bilharzien aber erst im Jahr 1915. Berühmt wurde Bilharz nicht nur durch die Entdeckung des „Nilwurms“. Bereits mit seiner 1857 publizierten Arbeit über das „Elektrische Organ des Zitterwelses“ erregte er in Fachkreisen beträchtliche Aufmerksamkeit. Aber auch als Chefarzt für das öffentliche Gesundheitswesen in Ägypten veröffentlichte der nach wie vor vielseitig Interessierte botanische und zoologische Beobachtungen sowie Beiträge zur ägyptischen Denkmalkunde und Orientalistik.

Bilharz starb am 9. Mai 1862 im Alter von nur 37 Jahren in Ägypten an Typhus. Sein Grab befindet sich am deutschen Friedhof in Kairo. Im Jahr 1976 wurde ein Mondkrater nach ihm benannt.

Von W. Regal und M. Nanut , Ärzte Woche 19 /2012

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