zur Navigation zum Inhalt
Fotos (2):  Nanut/Regal
Operation und Werkzeug im 18. Jahrhundert. Während in der Steinzeit etwa sieben von zehn Patienten eine Schädelöffnung überlebten, hatten die Patienten, denen solche eisernen Trepanierbohrer angesetzt wurden, kaum eine Überlebenschance.
 
Geschichte 4. Mai 2011

Die älteste Operation

Vom Loch im Kopf bis zur heutigen Neurochirurgie.

„Die Trepanation ist in den meisten Fällen das sicherste Mittel, den Kranken umzubringen“, schrieb der deutsche Chirurg J. F. Dieffenbach 1848. Tatsächlich starben in der vor-antiseptischen Ära die meisten Patienten nach Trepanationen an Infektionen der Hirnhäute. Die Listersche Keimabtötung mit Karbolsäure begann erst ab 1870 die chirurgische Praxis zu revolutionieren. Umso verblüffter war die Fachwelt, als der französische Arzt und Anthropologe Paul Broca im Jahr 1867 einen 3.500 Jahre alten Inkaschädel mit den eindeutigen Spuren einer von geschickten Menschenhänden ausgeführten Trepanation vorstellte.

 

Noch viel überraschender war es allerdings, dass Broca durch die Heilungsprozesse am Knochen eindeutig beweisen konnte, dass der in der Steinzeit lebende Patient den mit primitivstem Werkzeug ausgeführten Eingriff längere Zeit überlebt hatte. Unvorstellbar für die Chirurgen, die sich natürlich auf dem neuesten Stand der Technik wähnten. Ihre Patienten hatten ja nach Schädelöffnungen – wohlgemerkt befinden wir uns in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts – kaum eine Überlebenschance. Heute weiß man, und das ist durch zahlreiche Funde und exakte Untersuchungen belegt, dass sieben von zehn Patienten die auch damals höchst riskante Trepanation eines Steinzeitchirurgen überlebten. Warum gelang Heilern der Steinzeit etwas, das Ärzten des 19. Jahrhunderts wie ein Wunder erschien? Darüber kann nur spekuliert werden. Experten vermuten, dass die Heiler der Steinzeit bei diesen Eingriffen neben blutstillenden Kräutern auch antibiotisch wirkende Pflanzen eingesetzt haben. Möglicherweise waren aber auch die verwendeten „frischen“ Klingen aus Feuerstein, Obsidian oder Haifischzähnen „steriler“ oder zumindest keimfreier als die – zwischen den Eingriffen wahrscheinlich kaum gereinigten – Trepanierbohrer aus Eisen, die im 18. und 19. Jahrhundert verwendet wurden.

Lange Geschichte

Trepanierte Schädel fanden und finden Archäologen praktisch weltweit. Die ältesten stammen aus der Zeit um 10.000 v. Chr. Von da ab zieht sich die Spur dieses riskanten Eingriffs durch die Jahrtausende. Aus vielen Funden ist heute bekannt, dass die Kunst des Schädelöffnens schon in der Steinzeit sehr hoch entwickelt war. Heilungsprozesse am Knochen beweisen, dass diese Eingriffe oft jahrelang überlebt wurden. Die erste schriftliche Erwähnung dieser Jahrtausende alten Kunst findet sich im Corpus Hippocraticum, einer Sammlung medizinischer Schriften um 300 v. Chr.

Hier wird auch erstmals das „Trypanon“ erwähnt, eine Art Drillbohrer, der letztlich dem Eingriff seinen Namen gab. Dass derartige Eingriffe auch mit primitivsten Instrumenten möglich sind, bewies bereits Broca in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Es gelang ihm problemlos mit Steinzeitinstrumenten, an soeben Verstorbenen in etwa 30 Minuten Knochenscheibchen aus der Schädeldecke zu schneiden. Der peruanische Hirnchirurg Francisco Grana bewies 1962 in Lima, in Narkose und natürlich nach allen Regeln der modernen Asepsis, bei einem Patienten mit Hirnblutung und Lähmung nach einem Unfall, dass eine Trepanation mit den 2.500 Jahre alten Instrumenten seiner Vorfahren problemlos machbar ist.

Wie diese Löcher in den Schädel gemacht wurden – geschabt, gekratzt oder gebohrt –, ist heute gut erforscht. Warum diese Operation durchgeführt wurde, ist nach wie vor rätselhaft. Die Erklärungsversuche füllen heute Bibliotheken. Waren es religiös-magische Rituale? Ein mystischer Schädelkult? War es der Versuch, Dämonen zu „exorzieren“, einem bösen Geist einen Ausgang zu verschaffen? Die meisten Archäologen und Paläopathologen sind heute der Meinung, dass auch die frühen Operateure in vielen Fällen aus medizinischer und nicht aus magischer Indikation trepanierten. So nach Verletzungen, um etwa Knochensplitter zu entfernen, oder wenn der Patient nach einem Sturz auf den Kopf über unstillbare Kopfschmerzen klagte oder er Lähmungserscheinungen hatte.

Die Eröffnung des Schädels ist zweifellos eine der – wenn nicht sogar die – älteste Operation in der Geschichte der Medizin. Mit Neurochirurgie hat sie allerdings nur am Rande zu tun. Genau genommen ist die Trepanation ja nur eine Schädelchirurgie. Ans Gehirn selbst wagte sich Jahrtausende lang niemand. Erst durch die Einführung einer tauglichen Narkose, der Anti- und Asepsis, und der Möglichkeit einer zuverlässigen Lokalisation von Gehirnarealen konnte daran gedacht werden, bisher als chirurgisch unheilbar geltende Erkrankungen des Gehirns und Nervensystems zu operieren. Der Erste, der dies wagte, war der Londoner Chirurg John Rickman Godlee (1849–1925). Am 25. November 1884 entfernte er bei einem 25-jährigen schottischen Bauernburschen ein walnussgroßes Gliom. Lokalisiert hatte den Tumor der Nervenarzt Alexander Hughes Bennett (1848–1901) nur anhand der Lähmungserscheinungen und anderen Symptome, die der Patient bot. Als Hilfsmittel für den Chirurgen fertigte Bennett bei diesem ersten Eingriff am Gehirn nur eine Zeichnung an, auf der er den vermeintlichen Sitz des Tumors angab.

Die Operation gelang. Der Patient verstarb aber einige Tage nach der Operation an einer Hernie des Gehirns mit Meningitis. Die erste wirklich erfolgreiche Entfernung eines Hirntumors gelang ein Jahr später dem Engländer Victor Alexander Horsley (1857–1916). Das größte Problem der Hirnchirurgen dieser Tage war die genaue Lokalisation der zu entfernenden Geschwulst. Bis zu der im Jahr 1918 erfundenen Pneumoenzephalographie, der Kontrastdarstellung der Ventrikel mit Luft, und der Angiographie, die der portugiesische Arzt Egas Moniz 1927 in die Hirndiagnostik einführte, tappten die Pioniere der Hirnchirurgie praktisch im Dunkeln.

Die moderne Neurochirurgie

Pioniere der Neurochirurgie waren in Deutschland Ernst von Bergmann (1836–1907) und in Österreich der Billroth-Schüler Anton von Eiselsberg (1860–1939). Einen kaum bekannten, aber immens wichtigen Beitrag zu Chirurgie des Gehirns leistete der deutsche Chirurg W. Wagner (1848–1900). Er beschrieb im Jahr 1889 erstmals die temporäre Resektion des Schädeldachs. Eine Technik der „Trepanation“, die den beinahe unbegrenzten Zugang zum Gehirn erst ermöglichte.

Als Begründer der modernen Neurochirurgie und ohne Zweifel berühmtester Neurochirurg des 20. Jahrhunderts gilt der Amerikaner Harvey Cushing (1869–1939). Er entfernte im Lauf seiner Karriere mehr als 2.000 Gehirntumoren, mit damals sensationell niedriger Mortalität, und verhalf mit seinen oft spektakulären Erfolgen der Hirnchirurgie zu weltweitem Ansehen.

Von Dr. Wolfgang Regal und Dr. Michael Nanut, Ärzte Woche 18 /2011

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben