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Foto: Wolfgang Regal
Historische Aufnahme des Narrenturms, in dem das Pathologisch-anatomische Bundesmuseum untergebracht ist. Dieses gilt heute als europäisches Zentralmuseum und ist als einziges seiner Art allgemein zugänglich.
Foto: Wolfgang Regal

Eingang des Pathologisch-anatomische Bundesmuseums.

Foto: Dr. Patzak

Als Karl Alfons Portele, Direktor des Pathologisch-anatomischen Bundesmuseums, 1993 starb, war die Sammlung auf fast 50.000 Objekte angewachsen.

 
Narrenturm 13. April 2011

Der legendäre Hofrat

Von „merkwürdigen“ Präparaten und Pressburger Prophezeiungen.

Es waren die weltweit ältesten pathologisch-anatomischen Präparate, die im Jahr 1971 vom Pathologischen Institut der Universität Wien in einige wenige Zellen des Narrenturms übersiedelt wurden. Kustos der damals etwa 7.000 Objekte zählenden Sammlung war der Pathologe Karl Alfons Portele (1912–1993). Als Hofrat Portele – mittlerweile Direktor eines Bundesmuseums – im Jahr 1993 starb, war die Sammlung auf fast 50.000 Objekte angewachsen und hatte sich den ganzen Narrenturm Schritt für Schritt erobert. Die Sammlung des Pathologisch-anatomischen Bundesmuseums ist heute nicht nur die älteste, sondern wahrscheinlich auch die größte – mit Sicherheit aber die einzig öffentlich zugängliche – Sammlung ihrer Art auf der Welt.

 

Als 1938 die Nationalsozialisten in Österreich einmarschierten, schloss sich der Medizinstudent Karl Alfons Portele, in seiner Jugend Ringer, Reporter und „Mitglied mehrerer monarchistischer Landsmannschaften“, einer Gruppe von Widerstandskämpfern um Wilhelm Hebra, einem Enkel des berühmten Dermatologen Ferdinand von Hebra, an. Portele wurde am 18. April 1939 verhaftet und zum Tode verurteilt. Nur eine Erkrankung an Tuberkulose bewahrte ihn letztlich vor der Vollstreckung des Urteils. Verurteilt zu einer Zuchthausstrafe, für wehrunwürdig erklärt und vom Medizinstudium ausgeschlossen, verbrachte er die Jahre 1939 bis 1943 im Zuchthaus. Nach überraschender Aufhebung seiner Haft kehrte er 1944 nach Wien zurück und beendete nach dem Krieg sein Medizinstudium im Jahr 1946. Noch im selben Jahr trat er als Assistent in das Pathologische Institut der Universität Wien ein, das damals unter der Leitung von Hermann Chiari stand. Portele widmete sich hier vor allem der Bakteriologie. Kurz nach seinem Eintritt ins Pathologische Institut hatte Chiari seinen Assistenten Portele neben seiner Routinearbeit auch mit der Betreuung und Leitung des Pathologisch-anatomischen Museums beauftragt.

Die Musealsammlung „merkwürdiger“ Präparate begann eigentlich bereits im Jahr 1795. In diesem Jahr verfügte der Sanitätsreferent Josef Pasqual Ferro (1753–1809), dass sämtliche interessante Präparate, die bei Leichenöffnungen im Allgemeinen Krankenhaus in Wien gefunden wurden, in „Weingeist aufzuheben“ und in einem Zimmer „aufzubewahren seien, wo sie jederzeit Arzt und Wundarzt belehren konnten“. Aus dieser eher dürftigen Sammlung entstand unter Johann Peter Frank (1745–1821) das Pathologisch-anatomische Kabinett, als dessen Leiter er Aloys Rudolf Vetter (1765–1806) bestimmte. Der „Zergliederer“, wie Vetter sich selbst bezeichnete, erweiterte nach eigenen Worten die Sammlung in wenigen Jahren von vier auf 400 Präparate. Die Bestellung Vetters als Prosektor für das Allgemeine Krankenhaus war letztlich gleichbedeutend mit der Gründung des später weltberühmten Pathologischen Instituts der Universität Wien.

Europas einziges stattliches medizinisches Präparatemuseum

Irgendwie stimmte die Chemie zwischen Portele und seinem Chef aber nicht. Sie „konnten“ einfach nicht miteinander. Als Chiari unter Hinweis auf Platzprobleme die Sammlung zu verkleinern versuchte, kam es zwischen den beiden Pathologen zum offenen Eklat. Portele konnte sich zwar auf Grund seiner guten Beziehungen durchsetzen, die gegenseitige Geringschätzung schlug aber in offene Feindschaft um. Die Stimmung für das Museum besserte sich erst nach der Neubesetzung des Instituts im Jahr 1969. Der neue Ordinarius J. Heinrich Holzner schätzte nicht nur Portele als Person, sondern würdigte auch den Wert dieser einzigartigen Sammlung. Holzner unterstützte auch Porteles Idee, das Museum vom Pathologischen Institut sowohl räumlich als auch verwaltungstechnisch zu trennen und mit einem eigenen Budget auszustatten. Durch zähe Verhandlungen gelang es Portele schließlich, dass der Bund die Sammlung im Jahr 1974 als „Pathologisch-anatomisches Bundesmuseum“ übernahm. Portele wurde zum Direktor ernannt und blieb es bis zu seinem Tod.

Österreich hatte jetzt als einziges Land Europas ein staatliches medizinisches Präparatemuseum. Portele „erbte“ in der Folge zahlreiche Sammlungen aus ganz Europa – viele Pathologen vernichteten damals ihre anscheinend nicht mehr zeitgemäßen Präparate. Unter seiner Leitung entwickelte sich das Bundesmuseum zu einer Art medizinischen Zentralmuseum, dessen Objekte heute weltweit bekannt sind und für medizinhistorische (und auch andere) Fragestellungen regelmäßig herangezogen werden. Seit dem Tod des legendären Hofrats hütet Beatrix Patzak als Direktorin diesen unermesslichen medizinischen Schatz. Auch Patzak konnte eine Zersplitterung und Verkleinerung der Sammlung erfolgreich verhindern und sie sogar um einige „Gustostückerl“ erweitern. Mit Events und Vorträgen begeistern sie und ihr Team Fachleute und interessierte Laien für den Narrenturm und das Pathologisch-anatomische Bundesmuseum mit seinen faszinierenden Präparaten und Objekten aus der Welt der Medizin.

Pressburger Prophezeiungen

Im Jahr 1980 übernahm und rettete Portele viele historische Feuchtpräparate und histologische Präparate aus fast ganz Europa. Zahlreiche Präparate hatten aber einen bösen Fehler: die Etiketten mit den Diagnosen waren unleserlich oder überhaupt abgegangen. Portele musste sich daher freiwillige Helfer mit viel einschlägiger Erfahrung und Können suchen. Einer davon war der Pathologe Hans Hackl (geb. 1924), der jahrelang in seiner Freizeit tausende histologische Präparate nachbefundete. Ihm verdanken wir die Schnurre über das Orakel, das der legendäre Hofrat 1931 in Pressburg befragte:

Bei einer Faltboottour kampierten der Student Portele und drei Kommilitonen an einem Strand in der Nähe von Pressburg. Ein junges Mädchen – „wie einer Carmen-Inszenierung entsprungen“ – erbot sich, gegen einen kleinen Obulus ihnen die Zukunft vorherzusagen. Portele ging auf den Handel ein und bekam nach intensivem Studium seiner Hand folgende Weissagung: „Sie werden sein reicher Doktor, werden haben großes Haus und schene Wagen mit zwei starke Pferde. Sie werden heiraten liebe Frau, die wird bekommen gesunde Kinder. Alle werden haben immer viel Glick und langes Leben.“ Portele war enttäuscht über die auswendig gelernte 08/15-Vorhersage und zeigte dies auch. Als die hübsche Handleserin dies bemerkte, bot sie gegen weiteres Geld eine bessere Offenbarung an. Portele, neugierig geworden, griff nochmals in seine Geldbörse. Da strich ihm das Mädchen zart über die Handfläche und flüsterte ganz leise: „Heute Nacht, wenn Kirche macht zehn Uhr, sie werden haben Besuch von jungem Mädchen!“

Portele, erzählt Hackl, lächelte schelmisch – er war zum Zeitpunkt, als er diese Geschichte erzählte, etwa 75 Jahre alt und sagte dann augenzwinkernd: „Alle diese Pressburger Prophezeiungen haben sich genau erfüllt, bis auf eine ... statt des Pferdewagens hab ich mir ein Auto gekauft.“

Von Dr. Wolfgang Regal und Dr. Michael Nanut, Ärzte Woche 15 /2011

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