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Mikroskopische Ansicht der stäbchenförmigen Mycobakterien, die Robert Koch als Erreger der Tuberkulose identifizierte.

Liegepavillon auf der Baumgartner Höhe um 1950.

Fotos: Regal / Nanut 

Feuchtpräparat einer Tuberkulose-Kaverne aus dem Wiener Narrenturm.

„Bazillenvater“ Robert Koch, 1884.

Koch erhielt 1905 den Nobelpreis.

 
Pulmologie 23. März 2011

Die Schwindsucht ist noch nicht verschwunden

Die Welt gedenkt der noch immer nicht besiegten Tuberkulose.

Um die Erinnerung an die älteste Infektionskrankheit der Menschheit wachzuhalten, wurde im Jahr 1982 der 24. März als Welttuberkulosetag ausgerufen. Genau an diesem Tag, und zwar hundert Jahre zuvor, gab Robert Koch seine Entdeckung des Mycobakterium tuberculosis bekannt. Auch heute noch sterben weltweit jährlich etwa 1,6 Millionen vorwiegend arme Menschen an Tuberkulose, zehn Millionen erkranken an der bakteriellen Infektion neu. Dreimal so viele wie noch vor 15 Jahren.

 

Die Tuberkulose (TBC) ist eine der ältesten und am weitesten verbreiteten Infektionskrankheiten des Menschen. Sie ist wahrscheinlich so alt wie die Menschheit selbst.

Tuberkulöse Veränderungen fanden sich bereits an einem etwa 500.000 Jahre alten Schädeldach eines fossilen Homo erectus, an über 6.000 Jahre alten Knochen von prähistorischen Menschen und auch an ägyptischen und südamerikanischen Mumien. Mittlerweile muss aber nicht nur über die typischen Veränderungen am Skelett auf die TBC geschlossen werden. Israelische Forscher konnten im Jahr 2008 den Befund Tuberkulose an etwa 9.000 Jahre alten Knochen erstmals auch molekularbiologisch nachweisen.

Hippokrates bezeichnete die Phthisis um 460 v. Chr. als eine weit verbreitete, fast immer tödlich verlaufende Krankheit. Verschiedenartige Symptome, unterschiedlicher Organbefall und uneinheitlicher Verlauf der Erkrankung verhinderten aber jahrhundertelang, dass die TBC als einheitliches Krankheitsbild gesehen wurde. Dies erkannte man erst in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, seitdem gilt sie als „Chamäleon der Medizin“. Für die typischen Lungenveränderungen verwendete 1689 der englische Arzt Thomas Morton erstmals den Begriff „Tuberkel“. Davon abgeleitet schuf Johann Lucas Schönlein (1793 – 1864) im Jahr 1832 den Begriff Tuberkulose.

„Unmoralischer Lebenswandel“

Im frühen Mittelalter glaubten französische und später auch englische Könige, die Tuberkulose durch Handauflegen heilen zu können. Die beste Wirkung hatte diese Behandlung angeblich am Tag der Krönung. Da naturgemäß nicht viele in den Genuss dieser Therapie gekommen sein dürften, blieb die Krankheit noch über Jahrhunderte eine der häufigsten Todesursachen in Europa.

Als Ursache der Krankheit galten zunehmende Verstädterung, Ausdünstungen des Bodens, Störungen in der Verteilung der Körpersäfte oder unmoralischer Lebenswandel. Im Süden Europas gab es seit dem 17. Jahrhundert die Vorstellung, dass die Ursache außerhalb des menschlichen Körpers liegen könnte. Mit Meldepflicht, zwangsweiser Isolierung der Erkrankten, Besuchsverbot und Verbrennen all ihrer Habseligkeiten suchte – erstaunlich weitsichtig – die Obrigkeit in Portugal, Spanien und Italien die Verbreitung der Krankheit zu verhindern. Erst die Entdeckung des Tuberkel-Bakteriums durch Robert Koch am 24. März 1882 beendete schließlich die Diskussionen um die Ätiologie der Krankheit.

Die „schönen Kranken“

Während des 18. und 19. Jahrhunderts galt die Schwindsucht als Krankheit der zarten und kreativen Menschen. Die glänzenden Augen und die roten Wangen der Patienten führten zum Mythos der „schönen Kranken“. In Wirklichkeit war es aber auch damals schon eine Krankheit der Armen. Das Bild von der „romantischen Krankheit“, wie die Schwindsucht oft in der Literatur oder in der Oper dargestellt wurde (in Kameliendame von Alexandre Dumas, vertont von Giuseppe Verdi als La Traviata, oder in Thomas Manns „Zauberberg“), änderte sich aber bald. Im 19. Jahrhundert war die „Auszehrung“ die häufigste Todesursache in Europa. Meist war es ein wenig romantischer Tod. Bald wandelte sich auch das Bild der Schwindsucht in der Öffentlichkeit. Aus der „romantischen Krankheit“ wurde die „Krankheit des Proletariats“. Der sozialen Komponente kommt bei der Tuberkulose noch immer große Bedeutung zu. So gelang es, allein durch eine Verbesserung der Lebensbedingungen, lange bevor eine wirksame Therapie oder Impfung zur Verfügung stand, die Erkrankungsraten drastisch zu senken. Das „Rote Wien“ der Zwischenkriegszeit von 1918 bis 1934 war hier mit seiner Tuberkulosefürsorge weltweit führend, die TBC-Rate sank in wenigen Jahren auf die Hälfte. Die Wiener waren glücklich, als die TBC ihren Beinamen „Morbus viennensis“ endlich verlor. Auch heute noch gilt, dass Wohlgenährte wesentlich seltener an Tuberkulose erkranken als Mangelernährte in schlechten sozialen Verhältnissen.

Kuren an der frischen Luft

Neben der Entdeckung des Mycobakterium tuberculosis entwickelte Robert Koch auch das Tuberkulin. Obwohl als Impfstoff und Therapeutikum ungeeignet, erlangte es als diagnostisches Mittel zur Früherkennung große Bedeutung. Die ersten Erfolge bei der Behandlung der Tuberkulose hatten die von Herrmann Brehmer (1826 – 1889) im Jahr 1856 propagierten Freiluft-Liegekuren an „immunen Orten“. So bezeichnete Brehmer Gebiete, in denen praktisch keine Tuberkulose-Fälle auftraten. Heilstättenbehandlung mit kalorienreichen Diäten und der künstliche Pneumothorax wurden die Therapien der Phthise bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts. Weitere Meilensteine in der Geschichte der TBC waren die Entdeckung der Röntgenstrahlen 1895, die Einführung der Tuberkuloseschutzimpfung durch Albert Calmette und Camille Guerin im Jahr 1921 und schließlich die Entdeckung des Streptomycins, des ersten gegen Mycobaktium tuberkulosis wirksamen Antibiotikums durch Selman Waksman im Jahr 1943.

Trotz aller therapeutischer Möglichkeiten ist die Tuberkulose auch heute noch eine weltweit verbreitete Infektionskrankheit und weit davon entfernt, ausgerottet zu sein. Im Gegenteil. Die Erkrankungsfälle nehmen wieder rasant zu. Nach wie vor ist sie eine Krankheit der Armen. Die Zunahme multiresistenter Stämme des Tuberkelbakteriums beunruhigen zunehmend Bakteriologen, Epidemiologen und Gesundheitspolitiker. Und dies nicht nur in den Schwellenländern. Auch in hoch entwickelten Industrieländern gewinnt die „weiße Pest“ wieder an Bedeutung. Betroffen sind hier aber vor allem Randgruppen der Gesellschaft, Arbeitslose, Obdachlose, Sozialhilfeempfänger und überdurchschnittlich oft Menschen mit Migrationshintergrund. Tuberkulose ist heute zwar heilbar, besiegt ist sie aber noch lange nicht.

Von Dr. Wolfgang Regal und Dr. Michael Nanut, Ärzte Woche 12 /2011

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