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Fotos (2):  Nanut/Regal
Holzknecht bei einer Bestrahlung.

Durchleuchtung und Anfertigen einer Schirmskizze, 1912.

 
Narrenturm 22. Februar 2011

Holzknechts Hand

„Solange man mir den Kopf nicht abschneidet, werde ich weiterarbeiten.“

Das Pathologisch-anatomische Bundesmuseum in Wien besitzt seit kurzem eine moderne Reliquie. Guido Holzknechts (1872–1931) amputierte rechte Hand. Das Präparat stammt zwar von keinem Heiligen, aber mir Sicherheit von einem Märtyrer. Einem Märtyrer der Wissenschaft und einem Opfer seines Berufs. In den letzten zwölf Jahren seines Lebens musste der fanatische Röntgenpionier 64 verstümmelnde Operationen an Händen und Armen über sich ergehen lassen.

 

Guido Holzknecht war schon als Student fasziniert von den „unheimlichen“ Strahlen, die Wilhelm Conrad Röntgen (1845–1923) am 8. November 1895 in Würzburg entdeckte. Vom lebensgefährlichen „Schatten“, den dieses „neue Licht“ warf, ahnte Holzknecht damals noch nichts. Noch vor seiner Promotion besuchte er die Röntgenkurse, die Gustav Kaiser (1871–1954) im Röntgenkabinett der II. medizinischen Klinik im Allgemeinen Krankenhaus in Wien ab 1896 hielt. Kaiser, der heute fast völlig vergessene Pionier der Radiologie, leitete diese erste Röntgenuntersuchungsstelle bis ins Jahr 1899. In diesem Jahr musste Kaiser wegen Strahlenschäden an seinen Händen die Tätigkeit an seiner mittlerweile zur „Röntgen-Centrale des AKH“ aufgewerteten Abteilung aufgeben.

Neben Kaiser war hier auch der junge Aspirant Rudolf Pöch (1870–1921), der spätere Ordinarius für Anthropologie (Narrenturm, Folge 189) beschäftigt. Von Pöch stammt vermutlich auch die Idee, „Schirmskizzen“ von Durchleuchtungen anzufertigen. Konsequent führte diese direkt vom Leuchtschirm abgezeichneten Umrisszeichnungen aber erst Holzknecht durch. Er montierte auf dem Leuchtschirm eine Glasplatte und konnte so bequem – natürlich ohne jeglichen Schutz – die Schatten der inneren Organe auf ein durchscheinendes Papier abpausen. Holzknecht gab immer der Durchleuchtung den Vorzug vor den „unscharfen, verzerrten Bildern“ einer Röntgenplatte. Die ersten Röntgengeräte lieferten ja nur wenig Röntgenstrahlen und benötigten Belichtungszeiten von über 30 Minuten. Diese Vorliebe für die Durchleuchtung ist vermutlich auch einer der Gründe, die ihm später nicht nur seine Hand, sondern auch sein Leben kosteten.

Holzknechts radiologische Laufbahn begann aber eigentlich an der I. Medizinischen Universitätsklinik im Allgemeinen Krankenhaus. Hier stellte Hermann Nothnagel (1841–1905), der Leiter der Klinik, seinem fleißigen und an den Röntgenstrahlen höchst interessierten Aspiranten „einen kleinen Raum zur Verfügung“, in dem er im Jahr 1899 – also noch vor seinem Studienabschluss – einen privaten, von seiner Mutter finanzierten Röntgenapparat aufstellen konnte.

Opfer seines Berufes

Die kleine Kammer an der Klinik Nothnagel war aber kein „normales“ Krankenzimmer. Es war jener Raum, in dem 1898 der Institutsdiener Barisch an Lungenpest verstorben war. Er hatte sich aus Unachtsamkeit oder Schlamperei an Pestkulturen, die für Forschungszwecke angelegt waren, angesteckt. Der für die Pestforschung an der Klinik zuständige Internist Franz Müller, der Barisch ärztlich betreute, infizierte sich dabei oder beim Reinigen der Raumes – er soll eigenhändig sogar den Verputz des Raumes von den Wänden gekratzt haben – ebenfalls mit Pestbakterien und starb wie Barisch an der Lungenpest.

Holzknecht kannte die Geschichte dieses Raumes. Seiner Schwester schickte er eine Ansichtskarte mit dem Bild von Dr. Müller und den Worten: „Ein Opfer seines Berufes im Dienste der Wissenschaft“. Dass diese Worte Jahrzehnte später auch über ihn gesprochen, geschrieben und sogar in Stein gemeißelt würden, konnte er damals (noch) nicht ahnen.

Radiologische Thoraxdiagnostik

Mit seinem bereits zwei Jahre später veröffentlichten Buch Die röntgenologische Diagnostik der Erkrankungen der Brusteingeweide erregte er bereits weltweites Aufsehen. Das Erscheinen dieses Werkes gilt heute als Geburtsstunde der radiologischen Thoraxdiagnostik. Im Jahr 1902, zwei Jahre nach Abschluss seines Studiums, verließ Holzknecht die Klinik Nothnagel und trat in die Röntgen-Centrale des AKH ein, zu deren Leiter er schließlich 1905 bestellt wurde.

Hier arbeitete Holzknecht wie ein Besessener. Sein Motto „Nunquam fieri non posse”, frei übersetzt: „Komme mir keiner und sage: das geht nicht“, machte auf einer Tafel über der Türe zu seinem Zimmer jeden Besucher darauf aufmerksam, mit wem er es hier zu tun hatte. Die zunächst dürftigst ausgestattete „Keimzelle“ des späteren „Zentralen Röntgen Instituts“ baute Holzknecht mit scheinbar nie erlahmender Arbeitskraft binnen kurzem zu einem weltweit angesehenen Arbeits- und Forschungszentrum aus und verschaffte der österreichischen Röntgenologie damit Weltgeltung. Es gab Zeiten, da waren in Wien „Holzknecht“ und „Röntgen“ beinahe auswechselbare Begriffe.

1904 wurde er zugleich mit Robert Kienböck (1871–1953) und dem Begründer der Röntgentherapie Leopold Freund (1860–1943) trotz heftigsten Widerstands der Fakultät zum Dozenten für medizinische Radiologie ernannt. Aber erst 16 Jahre nach Holzknechts Tod wurde das „Zentralröntgen“ im AKH Universitätsinstitut und 1955 endlich Ordinariat. Radiologie und Strahlenschutz selbst als obligate Prüfung im Medizinstudium wurde erst mit der Studienreform 1982 eingeführt.

Strahlendermatitis

Holzknecht litt bereits seit dem Jahr 1901 an der so genannten Strahlendermatitis, die allmählich entartete und sich dramatisch verschlechterte. Die erste Amputation eines Fingers der linken Hand erfolgte im Jahr 1911. Danach schien sich sein Zustand etwas zu stabilisieren. Ab 1916 musste er sich aber wieder zahlreichen Röntgenbestrahlungen als Therapie gegen den „Strahlenkrebs“ sowohl an den Händen als auch im Gesicht und anderen Stellen seines Körpers unterziehen.

1930 fehlten Holzknecht bereits einige Finger seiner linken und rechten Hand. Alle diese Operationen ertrug er mit stoischem Gleichmut. Ohne großen Aufhebens stellte er sich ständig darauf ein, wieder einmal mit kürzeren Fingern zu schreiben, zu essen und zu arbeiten. Er ließ es sich auch nicht nehmen, mit speziell als Prothese gefertigten Instrumenten weiter zu untersuchen. Im März 1931 musste wegen einer histologischen Karzinomdiagnose im Bereich der Handwurzel seine rechte Hand amputiert werden. 64 Operationen und zahllose unglaublich belastende Bestrahlungen hatte er in den letzten Jahren über sich ergehen lassen. Am 31. Oktober 1931 um 15.30 Uhr starb Holzknecht unter furchtbaren Qualen an einer Mesenterialarterien-Embolie.

Nach seiner Devise „Solange man mir den Kopf nicht abschneidet, werde ich weiterarbeiten“ übte Holzknecht bis wenige Monate vor seinen Tod die radiologische Diagnostik aus, seine über alles geliebte Arbeit. Eine Arbeit, deren tödliche Gefahren er und viele seiner Kollegen erst viel zu spät erkannten.

Von Dr. Wolfgang Regal und Dr. Michael Nanut, Ärzte Woche 8 /2011

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