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Lepra war schon im Mittelalter eine meldepflichtige Erkrankung. Lepraverdächtige wurden von einer Schaukommission, bestehend aus Priester, Arzt und Vertreter der Obrigkeit, begutachtet.
Fotos (2): Nanut/Regal

Lepra war nur der Sammelbegriff für eine Reihe verschiedener Infektions- oder harmloser, aber abschreckender Hautkrankheiten.

 
Narrenturm 25. Jänner 2011

Tote auf Abruf

Lepra-Patienten: ausgegrenzt und stigmatisiert.

Millionen Menschen leiden auch heute noch an der längst heilbaren Lepra. Heilbar ist diese Infektionskrankheit jedoch nur für jene, die sich eine Therapie leisten können. Daran und an die Menschen, die von dieser uralten Geißel der Menschheit befallen sind, soll der Gedenktag am letzten Sonntag im Jänner erinnern.

 

Städte und ganz Landstriche entvölkert wie die Pest hat die Lepra nie. Ihr mörderisches Potenzial ist weit geringer. Dennoch verbreitete sie – und verbreitet noch immer – Angst und Schrecken wie kaum eine andere Krankheit. Der furchterregende Anblick der entstellten und verkrüppelten Erkrankten führte dazu, dass sie im Mittelalter nach grausamen Ritualen aus der Gemeinschaft der Lebenden ausgestoßen wurden. Weit außerhalb der Stadtmauern mussten sie fortan als „lebende Tote“, als „Aussätzige“ ihr Dasein fristen. Soziale Kontakte waren den „Miselsüchtigen“ – von lateinisch misellus, was soviel wie arm, krank bedeutet – strengstens untersagt. Und arm waren sie wirklich.

Strafe Gottes

Als Ursache der Lepra wurde neben dem Verzehr von Pferdefleisch, verdorbenem Wein und übermäßig gewürzten Speisen vor allem das lasterhafte Leben und der außereheliche Beischlaf vermutet, verkörperte die Krankheit doch vor allem die Strafe Gottes für sündiges und unchristliches Leben. Daher hatte im christlichen Abendland das Wort aus dem dritten Buch Mose über Jahrhunderte Gültigkeit: „Wer nun aussätzig ist, soll zerrissene Kleider tragen... und soll rufen: Unrein! Unrein! Und solange der Ausschlag an ihm ist, soll er unrein sein, allein wohnen und seine Wohnung außerhalb des Lagers sein.“ Der Kranke musste ein akustisches Warninstrument, eine Klapper, ein Horn oder eine Schelle bei sich haben, um sich bei Annäherung an Gesunde rechtzeitig bemerkbar zu machen. Barfuß gehen und in Flüssen baden war ihm verboten, und berühren durfte er schon gar nichts. Nur mit seinem Stock konnte er auf Gegenstände zeigen, die er kaufen wollte. Wurde er angesprochen, durfte er nur antworten, wenn er sich gegen den Wind stellte.

Den Aussätzigen wurden oft auch ihre bürgerlichen Rechte aberkannt. Lange Zeit galten sie tatsächlich auch im rechtlichen Sinn als Tote. Um zu überleben, waren die Aussätzigen auf Almosen und die Barmherzigkeit ihrer Mitmenschen angewiesen. Zum Glück wurde die Heilung von Aussätzigen bereits in der Bibel beschrieben. Kaum ein biblischer Heiliger ließ es sich entgehen, durch einfaches Handauflegen irgendwann in seiner Vita einen Leprösen zu heilen. Die Pflege von Leprakranken galt daher in der christlichen Welt als besonderes Werk der Barmherzigkeit. Der furchtlose Umgang mir den entstellten Kranken als höchster Beweis christlicher Nächstenliebe.

Schwalbenkot und Storchenfett

Was die Heiligen so locker vollbrachten, gelang den zeitgenössischen Heilkundigen jedoch nicht. Getrocknetes Fleisch von Vipern auf den Wunden der Kranken half ebenso wenig wie der Genuss von Fröschen oder mit Schlangen gemästeten Hühnern. Die Wirksamkeit von Salben aus Schwalbenkot, Storchenfett und Schwefel hielt sich vermutlich ebenso in Grenzen wie ein Bad im Blut von Schildkröten. Auch die Kastration, um den Kranken von seinem angeblich „unerträglichen Geschlechtstrieb“ zu befreien, half letztlich nichts.

Manchmal half aber Wasser, das mit der Reliquie eines Heiligen in Berührung gekommen war, verlassen konnte man sich darauf allerdings auch nicht. Die einzig wirklich wirksame „Therapie“, um zumindest die Verbreitung der Seuche einzuschränken, war die zwangsweise Unterbringung der Leprakranken in Siechenhäusern, den sogenannten Leprosorien. Im zwölften Jahrhundert gab es in Europa an die 20.000 derartige Einrichtungen.

Das „Examen leprosorum“

Der Aussatz war schon im Mittelalter eine meldepflichtige Erkrankung. Lepraverdächtige mussten von einer Schaukommission, bestehend aus Priester, Arzt und Vertreter der Obrigkeit, begutachtet werden. Neben höchst obskuren Proben und Untersuchungen zur Diagnose der Lepra (Begutachtung der Haut im Mondlicht, weißer Urin, die Untersuchung von Aderlassblut auf „körnige, erdige“ Rückstände) gab es aber auch durchaus vernünftige Untersuchungen, so die Prüfung der Sensibilität mit einer Nadel, das Singenlassen des Untersuchten zur Beurteilung von Veränderungen im Kehlkopf und die Suche nach Knoten am Kopf, den Gelenken und Nervensträngen. Fiel das „Examen leprosorum“ positiv aus, wurden die Kranken nach einer rituellen Aussegnung ins Leprosenhaus gebracht. In manchen Gegenden las man den Kranken in ihrem Beisein die Totenmesse, legte sie auf dem Friedhof in ein ausgehobenes Grab und „begrub“ sie symbolisch mit ein wenig auf den Kopf gestreuter Erde. Danach war der bedauernswerte Mensch ein „Toter auf Abruf“.

Nach heutigem Wissen war Aussatz oder Lepra nur der Sammelbegriff für eine Reihe verschiedener Infektions- oder harmloser, aber abschreckender Hautkrankheiten. Neben Erkrankten an Syphilis oder Frambösie landeten daher auch Menschen mit Schuppenflechte oder Krätze in den Siechenhäusern.Ab dem 16. Jahrhundert begann die Zahl der Krankheitsfälle in Europa dramatisch abzunehmen. Warum, ist nicht geklärt. Für Seuchenhistoriker kommen eine Umstellung der Ernährungsgewohnheiten und vielleicht auch eine bessere Hygiene in Europa in Frage. Möglicherweise war aber ein „Wettstreit“ zwischen den Lepra- und Tuberkuloseerregern dafür verantwortlich, beide sind ja Mykobakterien – schließlich „gewann“ die Tuberkulose durch ihre weitaus höhere Ansteckungsrate. Die Infektion mit Tuberkulose scheint die Menschen in gewisser Weise auch gegen Lepra immunisiert zu haben. Ganz ist dieses Rätsel aber noch nicht gelöst.

Die biblische Plage

Erst Ende des 19. Jahrhunderts gelang es, den Erreger der Lepra zu identifizieren. Der norwegische Arzt Armauer Hansen (1841–1912) entdeckte 1873, dass Lepra die Folge einer bakteriellen Infektion ist. Als Erreger konnte Mykobakterium leprae identifiziert werden. Der Beweis, dass der von Hansen beschriebene Erreger tatsächlich die Lepra übertrug, gelang aber erst dem deutschen Arzt Albert Neisser (1855–1916) im Jahr 1880. Nach Hansen wird die Lepra, zum Teil sicher auch um der Krankheit das jahrhundertealte Grauen, das mit dem Wort „Lepra“ verbunden ist, zu nehmen, auch Morbus Hansen genannt.

Aber auch durch die Entdeckung des Erregers kam es jahrzehntelang zu keiner Verbesserung für die Betroffenen. Erste Erfolge brachten erst in den 1940er-Jahren die Sulfonamide. Leider ist die heute übliche und wirksame Tripeltherapie mit Diphenylsulfon, Rifampicin und Clofazimin über sechs bis zwölf Monate teuer und daher in den Schwellenländern oft nicht verfügbar. Einen Impfstoff gegen Lepra gibt es bis heute nicht, da eine Züchtung des Erregers bisher nur in den Fußballen von Mäusen und in einem südamerikanischen Gürteltier möglich ist. Weltweit erkranken noch immer etwa 700.000 Menschen jährlich neu an Lepra. Bis ins Jahr 2000 wollte die WHO die Lepra als Volkskrankheit eliminieren. In vielen Ländern ist das zwar gelungen, besiegt ist die „biblische Plage“ aber noch lange nicht.

Von Dr. Wolfgang Regal und Dr. Michael Nanut, Ärzte Woche 4 /2011

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