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Fotos (3):  Nanut/Regal
Besonders begehrt waren Hyrtls Korrosionspräparate, die sensationelle, bisher nie gesehene Details der einzelnen Organe zeigten.

Josef Hyrtl wurde am 7. Dezember 1810 in Eisenstadt geboren.

Hyrtls anatomischen und mikroskopischen Präparate erregten wegen ihrer Schönheit weltweit Aufsehen. Vor allem um seine Präparate des Gehörorgans bemühten sich viele Universitäten.

 
Narrenturm 1. Dezember 2010

„Theils Kunst, theils Wissenschaft“

Josef Hyrtl – der berühmteste Anatom der Wiener Medizinischen Schule.

Am 7. Dezember 2010 hätte der berühmteste Anatom der Wiener Medizinischen Schule seinen 200. Geburtstag gefeiert. Normalerweise müssen mindestens fünfzehn Jahre zwischen dem Tod einer hervorragenden Persönlichkeit und der Aufstellung seines Denkmals im Arkadenhof der Universität Wien verstreichen. Nur ein einziges Mal, am 30. Mai 1889, machte das Rektorat davon eine Ausnahme: bei Josef Hyrtl (1810 – 1894). Die Dankesrede hielt der bereits zu Lebzeiten weltberühmte Anatom in vollendetem Latein.

 

Geboren wurde Hyrtl am 7. Dezember 1810 in Eisenstadt. Seine medizinischen Studien begann er 1831 in Wien. Bereits als Student fiel Hyrtl seinen Lehrern wegen seiner Geschicklichkeit bei der anatomisch-präparativen Arbeit auf. Aus dieser Zeit stammt auch die berühmte Anekdote von der Kinderleiche, die er zum Präparieren mit nach Hause genommen hatte. Seine Mutter erschrak über das im Backrohr aufbewahrte „hartgesottene Gesicht“ derart, dass sie in Ohnmacht fiel, notierte Hyrtl in seinen Erinnerungen. Der bestürzte Sohn nahm „eiligst“ die kleine Leiche und wollte sie auf die Universität zurückbringen. Unterwegs tat er „auf dem Glatteis einen schweren Fall“. Dabei entdeckte ein Polizist die unter dem Mantel versteckte Leiche des Kindes. Hyrtl wurde „in festem Gewahrsam gesteckt“ und erst sein Professor konnte die Polizei von der Unschuld seines Studenten überzeugen.

Bereits zwei Jahre nach seiner Promotion wurde Hyrtl 1837 als Professor für Anatomie und Physiologie auf die Karls-Universität nach Prag berufen. 1845 kehrte er, gelockt durch die Zusicherung, die Anatomie in Wien nach seinen eigenen Ideen gestalten zu können, nach Wien zurück und übernahm hier den freigewordenen Lehrstuhl für beschreibende Anatomie. Erfüllt wurden diese Versprechungen aber nicht. „Meine Bitten stießen auf taube Ohren, gegen jede Neuerung fand ich Widerstand vor“, bemerkte er, bitter über seine ersten Jahre in Wien.

Aufbau einer Sammlung

Da sein Wunsch, in Wien eine „Musteranatomie“ aufzubauen, nicht unterstützt, sondern eher sabotiert wurde, konzentrierte er sich zunächst auf den Aufbau eines anatomischen Museums. Für Hyrtl war die Präparierkunst ein Handwerk, das nicht nur wissenschaftlich brauchbare Objekte, sondern auch künstlerisch ansprechende, „schöne“ Präparate herzustellen hatte. Die Anatomie war für ihn „theils Wissenschaft, theils Kunst“. Selbstkritisch bemerkte er über sich, er „leide an der Schwäche, die Schönheit seiner Arbeiten für eine Hauptsache zu halten“. Bald war seine Sammlung weltberühmt. Die von ihm hergestellten Präparate waren Prachtexemplare, um die sich anatomische Museen auf der ganzen Welt förmlich rissen.

Besonders begehrt waren seine Korrosionspräparate. Hyrtl entwickelte Substanzen, die er unterschiedlich einfärbte und bei Mensch und Tier in Gefäße und Hohlräume verschiedenster Organe einspritzte. Nach dem Aushärten der Substanz – einer Mischung aus Mastixfirnis und Wachs – ließ er das Gewebe verfaulen und entfernte es dann sorgfältig. Die verbleibenden Ausgüsse zeigten sensationelle, bisher nie gesehene Details der einzelnen Organe.

Aber auch seine anatomischen und mikroskopischen Präparate erregten wegen ihrer Schönheit weltweit Aufsehen. Vor allem um seine Präparate des Gehörorgans bemühten sich viele Universitäten. Leider ist die Hyrtlsche Sammlung heute nur mehr in Bruchteilen erhalten und überdies noch auf mehrere Orte verteilt.

Unter dem begnadeten Redner, Lehrer und Präparator Hyrtl erhielt die Anatomie in Wien Weltgeltung. Er hatte die seltene Gabe, auch die trockensten Kapitel der Anatomie mitreißend und spannend zu vermitteln. Mit seinem Handbuch der topographischen Anatomie – damals weltweit eines der wichtigsten und besten Lehrbücher der Anatomie – erreichte Hyrtl die Aufnahme der topographischen Anatomie als Lehrfach in Österreich und Deutschland und legte damit den Grundstein für die Verbindung von Anatomie und praktischer Medizin.

Trotz Vermögens lebte er bescheiden

Durch den Verkauf seiner Präparate und Lehrbücher wurde Hyrtl unvorstellbar reich, er selbst lebte aber bescheiden. Sein Vermögen stellte er praktisch vollständig karitativen Zwecken zur Verfügung. Zahlreiche Ehrungen wurden Hyrtl im Lauf seines Lebens zuteil. Auch Denkmäler wurden ihm errichtet. In Mödling setzte er sich selbst ein Denkmal, sein wichtigstes. Er stiftete sein Vermögen für den Bau und zur Erhaltung eines Waisenhauses für arme, verwaiste und verlassene Kinder. Nach seinem Tod setzte er das Waisenhaus in Mödling als seinen Universalerben ein. Die auch heute noch existierende „Joseph Hyrtl Waisenhausstiftung“ erhielt damals die ungeheure Summe von fast 600.000 Gulden. Das entspricht heute einem Wert von etwa 5,5 Millionen Euro.

Da er in Wien – wie Hyrtl es immer gehofft hatte – kein „Haus entsprechend den Bedürfnissen seiner Wissenschaft“ erhielt, legte er verärgert sein Lehramt frühzeitig nieder und zog sich enttäuscht nach Perchtoldsdorf zurück. Hier in seinem „Tusculum“ – so nannte er seine Arbeitsstätte im Südturm der Perchtoldsdorfer Burg gegenüber seinem Wohnhaus – befasste er sich zuletzt inmitten seiner kuriosen Schädelsammlung, die angeblich von exekutierten Mördern und Räubern stammte, vor allem mit Studien zur Sprache der Anatomie. Sein „an Taten und Ruhm beispiellos reiches Leben“ (Emil Zuckerkandl) endete am 17. Juli 1894 in seinem Haus in Perchtoldsdorf.

Sonderausstellung im Museum Mödling – Thonetschlössl
Josef Hyrtl
Anatom und Wohltäter
200. Geburtstag

Öffnungszeiten:
Montag bis Donnerstag von 9.00 bis 13.00 Uhr,
Samstag von 10.00 bis 13.00 Uhr sowie
Sonntag und Feiertag von 14.00 bis 17.00 Uhr.

Ausstellung geöffnet bis Jänner 2011.

Museum Mödling, Josef Deutsch Platz 2, 2340 Mödling
Telefon: +43 (0) 22 36 / 24 159, Fax: +43 (0) 22 36 / 24 159
Email:
Homepage: http://www.museum.moedling.at.tf

Von Dr. Wolfgang Regal und Dr. Michael Nanut, Ärzte Woche 48 /2010

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