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Fotos (3):  Nanut/Regal
Äther – das Wundermittel: Fortan sollten Operationen schmerzfrei sein. Ein Meilenstein für die Geschichte der Medizin – für deren untereinander zerstrittene Entdecker allerdings das persönliche Fiasko.

William Thomas Green Morton, Zahnarzt und Geschäftsmann. Er reklamierte die Entdeckung der Äthernarkose für sich.

 
Narrenturm 1. Dezember 2009

„No humbug!“

Äthernarkose: Der Beitrag der amerikanischen Medizin für die Welt.

Freitag, 16. Oktober 1846. Dieser Tag ist weit mehr als nur ein Meilenstein in der Geschichte der Medizin. Dieser Freitag läutete tatsächlich eine neue Epoche der Heilkunde ein. An diesem Tag wurde – zumindest offiziell – die Menschheit von einer jahrtausendealten Angst befreit: vom Schmerz bei chirurgischen Eingriffen. Dieses „Wunder“ – übrigens der erste Beitrag der amerikanischen Medizin für die Welt – vollbrachte kein genialer Wissenschafter oder Forscher, kein selbstloser, edelmütiger Arzt, sondern der vielmehr an Ruhm und der kommerziellen Nutzung seiner Erfindung, besser gesagt: Entdeckung, interessierte Zahnarzt William Thomas Green Morton (1819–1868) in Boston.

 

Am 16. Oktober 1846 entfernte John Collins Warren, der leitende Chirurg am Massachusetts General Hospital in Boston, dem etwa zwanzigjährigen Gilbert Abbot völlig schmerzfrei einen Tumor an der linken Halsseite. Vor der Operation hatte Morton dem Patienten einige tiefe Atemzüge aus einem von ihm erfundenen Inhalationsapparat – einer Glaskugel mit Mundstück, in der sich ein mit Äther getränkter Schwamm befand – inhalieren lassen. Völlig verblüfft über die Schmerzfreiheit des Patienten – der hatte nach eigenen Angaben nur ein leichtes Kratzen verspürt – wandte sich der Chirurg am Ende der Operation zum Auditorium und sprach die berühmten Worte: „Gentlemen, this is no humbug.“

Der Chirurg Henry Jacob Bigelow prophezeite bereits damals: „Heute habe ich etwas gesehen, was um die Welt gehen wird.“ Den Ausdruck Humbug verwendete Warren vermutlich deshalb, weil ein Jahr vorher Horace Wells, ebenfalls Zahnarzt, bei einer ähnlichen Demonstration, allerdings mit Lachgas, im selben Hörsaal furchtbar gescheitert war. Sein Patient hatte beim Versuch, sich schmerzfrei einen Zahn ziehen zu lassen, vor Schmerzen laut gebrüllt und sich aufgebäumt, als Wells die Zange ansetzte. Unter Hohngelächter des Auditoriums, abfälligem Zischen und spöttischen „Schwindel“- und „Humbug“-Rufen musste Wells damals das Operationstheater verlassen. Obwohl Wells genau wusste, dass die Methode der Lachgasinhalation funktionierte, denn er hatte sie bereits vielfach mit Erfolg angewandt, verließ er nach dieser Katastrophe psychisch schwer angeschlagen Boston. Als er ein Jahr später erfuhr, dass ihm Morton, sein ehemaliger Student, mit dem er auch beruflich zusammengearbeitet hatte, Ruhm, Ehre und, wie er dachte, auch eine „Goldgrube“ weggeschnappt hatte, begann er eine erbitterte Schlacht um die Anerkennung seiner Verdienste – und scheiterte. Durch seine Experimente mit Lachgas, Äther und Chloroform war er chloroformsüchtig geworden. Im Gefängnis, in dem er wegen eines Säureattentats auf eine Prostituierte gelandet war, schnitt er sich am 22. Jänner 1848 die Arterie seiner linken Leiste mit einer Rasierklinge auf. Zwölf Tage nach seinem Suizid bekam seine Witwe einen Brief der französischen medizinischen Gesellschaft, die bestätigte, dass ihm, Horace Wells, die Ehre gebührt, die Durchführung schmerzloser Operationen entdeckt und als Erster erfolgreich angewandt zu haben.

Aber letztlich stimmte auch das nicht ganz. Bereits vier Jahre, bevor Morton seine erfolgreiche Äthernarkose in Boston demonstrierte, hatte der praktische Arzt Crawford William Long (1815–1878) in einem kleinen weltabgeschiedenen Städtchen in Georgia erstmals mit Erfolg Äther bei einer Operation angewandt. „Etherfrolics“ und Lachgasparties waren damals auf Jahrmärkten und Volksfesten zur Unterhaltung und Belustigung des Publikums sehr beliebt. Long hatte, wie später auch Wells, bei diesen Veranstaltungen bemerkt, dass Personen, die Äther oder Lachgas eingeatmet hatten, „nicht den geringsten Schmerz verspürten“. Im März 1842 entfernte er seinem Freund James M. Venable, der als erfahrener Ätherschnüffler bekannt war, schmerzfrei zwei „Geschwülste“ am Nacken. Im Juli amputierte er einem Sklavenjungen unter Äther einen kranken Zeh. Mit etwas Glück hätte mit Long die Ära der schmerzfreien Chirurgie beginnen können. Aber er war eben nicht zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Mit einer Publikation ließ er sich außerdem sehr lange Zeit. Erst auf Drängen seiner Freunde veröffentlichte er im Dezember 1849 seine Erfahrungen mit Äther.

Obwohl Long bei der Äthernarkose unzweifelhaft die Priorität zusteht, war es doch Morton, durch den die medizinische Wissenschaft und kurz danach die ganze Welt von diesem „Wunder“ erfuhr. Nach dem tatsächlich weltbewegenden Ereignis vom 16. Oktober 1846 – er ist als „Etherday“ in die Geschichte der Anästhesie eingegangen – versuchte Morton vehement aus seiner „Erfindung“ Kapital zu schlagen. Er verheimlichte die Substanz – den typischen Äthergeruch versuchte er durch einen Zusatz von Parfum zu verschleiern –, mit der er die Narkosen durchführte, und versuchte den parfümierten Äther mit dem Namen „Letheon“ als seine Erfindung zu patentieren, um in Zukunft weltweit von allen Operateuren einen Prozentsatz ihrer Honorare einzustreifen. Aber auch der Arzt und Chemiker Charles T. Jackson, der Morton auf die Idee mit dem Inhalieren von Äther gebracht hatte, wollte nun am Kuchen mitnaschen. Am 7. November zwangen die angesehensten Chirurgen Bostons Morton zur öffentlichen Bekanntgabe seines Wundermittels. Durch die Publikationen des Chirurgen Henry Jacob Bigelow gelangte die Mitteilung über die Entdeckung der Äthernarkose bereits im Dezember 1846 nach Europa und verbreitete sich dann in Windeseile um die ganze Welt.

Streit und Intrigen

Das folgende unwürdige Intrigenspiel um Priorität, Patente und Lizenzen rund um die grandioseste und bis heute unbestreitbar wichtigste Errungenschaft der operativen Medizin sollte keinem der Kontrahenten Glück bringen. Die Rechtsstreitigkeiten ruinierten Morton nicht nur finanziell. Er starb arm, enttäuscht und verbittert. Wells beging Selbstmord und Jackson landete in einer Irrenanstalt, wo er die letzten sieben Jahre seines Lebens psychotisch dahindämmerte.

In seinem Buch Chirurgie und Anästhesie – Vom Handwerk zur Wissenschaft schrieb der Medizinhistoriker Paul Ridder: „W.T.G. Mortons Entdeckung der Ätheranästhesie hatte zwar den Ruhm des Operateurs gemehrt, auf den Anästhesisten freilich fiel davon nur ein schwacher Abglanz.“ Und das ist bis zum heutigen Tag so geblieben.

Von Dr. Wolfgang Regal und Dr. Michael Nanut, Ärzte Woche 49 /2009

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