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Fotos (3):  Nanut/Regal
Bertha Pappenheim (1859–1936) war eine besondere Frau. Die eloquente und intelligente Vorkämpferin für die Rechte der Frauen wurde erst 1953 in einer Fußnote als „Anna O.“ geoutet.

1895 veröffentlichten Josef Breuer und sein Schützling Sigmund Freud gemeinsam die Studien über Hysterie. Die ungewöhnliche Krankengeschichte Bertha Pappenheims beschrieben die Autoren unter dem „Fall Anna O.“.

 
Geschichte 3. November 2009

Das weltberühmte Fräulein „Anna O.“

„Emanze“ und „Geburtshelferin“ der Psychoanalyse.

Bekannt ist Bertha Pappenheim (1859–1936) als Vorkämpferin der Frauenbewegung, Wegbereiterin der weiblichen Emanzipation und streitbare Sozialpolitikerin. Ihr zu Ehren brachte die deutsche Post im Jahr 1954 eine Sondermarke mit ihrem Portrait heraus. Tatsächlich weltberühmt wurde sie allerdings unter dem Pseudonym „Anna O.“. Die eloquente Patientin von Sigmund Freuds väterlichem Freund Josef Breuer war – wie Freud selbst mehrfach feststellte – „die eigentliche Begründerin der Psychoanalyse“.

 

Bertha Pappenheim verschwieg zeit ihres Lebens, dass sie die „Urpatientin“ der Psychoanalyse gewesen war. Das Geheimnis lüftete erst im Jahr 1953 Ernest Jones eher beiläufig in einer Fußnote seiner dreibändigen Freud-Biographie. Der Internist Josef Breuer, damals einer der bekanntesten Ärzte Wiens, behandelte seit etwa 1880 eine junge Patientin aus dem jüdischen Großbürgertum, die an der für die damalige Zeit typischen Fin-de-Siècle-Krankheit litt: Hysterie. Da in den Gehirnen verstorbener Hysterikerinnen und Hysteriker nie organische Ursachen gefunden wurden, glaubten die meisten Ärzte, dass diese Patienten ihre Krankheit nur vorspielten. Nur wenige Ärzte nahmen sie wirklich ernst. Darüber hinaus waren die damals üblichen Behandlungen mit Elektrotherapie, Massagen, Wasserkuren und diversen Antihysterica, wie Baldrian, Brom, Morphium und Chloralhydrat, mehr oder weniger erfolglos (auch wenn die gängigen Lehrbücher das Gegenteil behaupteten). Selbst der Facharzt für Neurologie Sigmund Freud kam mit seinen „Nervenkranken“ nicht wirklich zurecht.

Eine starke Persönlichkeit spricht auf Hypnose an

Auch Versuche mit Hypnose, wie er sie bei Jean-Martin Charcot in Paris gesehen und gelernt hatte, brachten nicht den gewünschten Erfolg. Noch ehe Freud zu seinem Studienaufenthalt nach Paris fuhr, hatte ihm sein Freund und Mentor Breuer von einer jungen Patientin erzählt, bei der in Hypnose zufällig durch „Aussprechen eine Störung verschwand, die schon länger bestanden hatte“. Dieses Mädchen aus einer reichen jüdisch-orthodoxen Familie war die mit „überfließender geistiger Vitalität und scharfsichtiger Intuition“ ausgestattete Bertha Pappenheim. Sie war aufgrund ihrer starken Persönlichkeit absolut nicht bereit für die damals übliche „Kinder, Küche und Kleider“-Karriere einer höheren Tochter. Erzogen in einer katholischen Privatschule – eine jüdische Mädchenschule gab es damals in Wien nicht –, sollte sie sich nach Abschluss ihrer Schulbildung nur mehr auf eine standesgemäße Ehe vorbereiten, was soviel hieß wie Klavierspielen, Reiten, „caritative Liebestätigkeit“ und Handarbeiten, das sie als eine „Anfertigung jener hunderterlei wertlosen und geschmacklosen Nichtse, die gerade durch ihre Unbrauchbarkeit so erschreckend dauerhaft sind“, bezeichnete. Bertha war außerordentlich begabt und sprach neben Englisch auch Französisch, Italienisch und Jiddisch. Als sie im Alter von 21 Jahren ihren kranken Vater pflegen musste, erkrankte sie selbst. Vermutlich führten geistige Unterforderung, ihr ausgeprägtes Pflichtbewusstsein und körperliche Überforderung zu dem überaus komplizierten Krankheitsbild mit Schwächeanfällen, Husten, Lähmungserscheinungen, Halluzinationen und ausgerechnet Sprachstörungen. Der Hausarzt der Familie, eben Breuer, konnte keine organischen Ursachen finden und diagnostizierte auf Grund der bizarren Symptome Hysterie. Zufällig entdeckte er, dass durch das Aussprechen oder Durchleben belastender Zustände aus der Vergangenheit manche ihrer Symptome verschwanden.

Gemeinsam mit seiner Patientin entwickelte Breuer eine therapeutische Technik, die er später die „kathartische Methode“ bezeichnen sollte, weil sie den Effekt einer Reinigung hatte. „Chimney-Sweeping“ (Rauchfangkehren) nannte Bertha Pappenheim selbst scherzhaft diese Aussprachen, die unter dem von ihr erfundenen Namen „talking cure“ (Redekur, Gesprächstherapie) in die psychoanalytische Literatur eingegangen ist. Im Jahr 1895 publizierten Breuer und Freud gemeinsam die „Studien über Hysterie“. Die ungewöhnliche Krankengeschichte Bertha Pappenheims stellte Breuer hier unter dem „Fall Anna O.“ vor. Dieser Fall und seine Behandlung ist heute eines der berühmtsten Lehrbeispiele der Psychoanalyse. Daran ändert auch nichts, dass nach Bekanntwerden der wahren Identität der Anna O. ruchbar wurde, dass Breuer und auch Freud hier ziemlich „geschummelt“ hatten. Wenn Breuer seinen Krankenbericht mit den Worten „seitdem erfreut sie sich vollständiger Gesundheit“ abschloss, so entsprach das keineswegs den Tatsachen. Zahlreiche Rückfälle nach Breuers Behandlung, die er im Jahr 1882 aus letztlich ungeklärter Ursache abgebrochen hatte, und heftige neuralgische Schmerzen – die sie möglicherweise zur Morphinistin und abhängig von Chloralhydrat machten – führten zwischen 1883 und 1888 zu monatelangen Aufenthalten in Sanatorien und Privatkliniken mit fragwürdigen Therapien, wie etwa Elektrotherapie, Blutegel-, Arsen- und Chininbehandlungen. Unbestritten ist aber, dass die Erkenntnisse, die Breuer gemeinsam mit Bertha Pappenheim erworben hatte ein erster Zugang zum Unbewussten waren und Freud bei der Entwicklung der Psychoanalyse enorm beeinflussten.

Gesundung erfolgte Jahre später

Tatsächlich gesund wurde Bertha Pappenheim erst nach ihrer Übersiedelung nach Frankfurt im Jahr 1888. Hier wurde sie zur zentralen Figur des Feminismus am Beginn des 20. Jahrhunderts. Nichts erinnerte mehr in diesem „zweiten“ Leben an die berühmte Hysterikerin. Es war tatsächlich so, wie es ihre Biographin Marianne Brentzel ausdrückte: „... als hätte es eine Patientin mit dem berühmten Pseudonym Anna O. nie gegeben.“

Von Dr. Wolfgang Regal und Dr. Michael Nanut, Ärzte Woche 45 /2009

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