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Fotos (2):  Nanut/Regal
Charcot veranstaltete halböffentliche Spektakel, in denen Hysterikerinnen „vorgeführt“ wurden.

Die ehemalige Pulverfabrik Salpêtriére ist das französische Pendant zum Wiener Narrenturm. Oben: Charcots Briefmarke aus dem Narrenturm.

 
Geschichte 29. Oktober 2009

Der Napoleon der Neurosen

Jean Martin Charcot und der „Zoo unerforschter menschlicher Krankheiten“.

Ältere medizinische Lexika listen über dreißig Diagnosen, Syndrome, Symptome oder Zeichen auf, die mit seinem Namen verbunden sind. Die 255. Auflage des Pschyrembel nennt immerhin noch sechs. Die Rede ist vom einst mit dem Spitznamen „Napoleon der Neurosen“ geadelten, heute aber fast vergessenen Professor für Neurologie an der Salpêtrière in Paris, Jean Martin Charcot (1825– 1893).

 

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war Prof. Dr. Jean Martin Charcot der berühmteste Neurologe der Welt. Er war Therapeut gekrönter Häupter und „der“ französische Wissenschafter. Frankreichs Premierminister Léon Gambetta gründete eigens für ihn 1882 den weltweit ersten Lehrstuhl für Neurologie. Seine Klinik in Paris war das Mekka der Neurologen und Psychiater. „Charcots Stern leuchtete in der Ferne“, schrieb selbst Sigmund Freud in Wien.

Charcots Interesse für Gehirn- und Nervenkrankheiten kam erst relativ spät auf. Genau genommen im Jahr 1862, als er mit 37 zum Chefarzt einer der Abteilungen der berüchtigten Salpêtrière in Paris bestellt wurde. Die ehemalige Pulverfabrik aus der Zeit Ludwig XIII. war nicht nur eine Anstalt für weibliche Irre, sondern beherbergte daneben Epileptikerinnen, Hysterikerinnen, Prostituierte, Bettlerinnen, Blinde und andere „Unheilbare“. Bis zu achttausend Frauen bevölkerten diese trostlose „Stadt in der Stadt“. Gut die Hälfte der Insassinnen litt aber tatsächlich an echten Nerven- oder Geisteskrankheiten. Charcot erkannte bald, auf welche „Goldmine“ er gestoßen war. Tausende bisher unerforschte seltene oder sogar unbekannte neurologische Krankheiten warteten im größten Armenhaus von Paris auf einen Forscher wie ihn. Er saß mitten in einem „Zoo unerforschter menschlicher Krankheiten“. In einem Chaos unendlich vieler Symptome, die beschrieben, geordnet und zu Krankheitsbildern zusammengefasst werden mussten. Und genau das tat Charcot von nun an bis zu seinem Lebensende: beobachten, beschreiben und registrieren neurologischer Krankheitssymptome. Er nannte dies stolz „Nosographie treiben“. Der faszinierende Lehrer Charcot war insgesamt weniger Denker als „Seher“. So befestigte er etwa lange Federn auf dem Kopf seiner Patientinnen und ließ sie vor sich auf und ab gehen, um aus dem Schwingen der Federn die unterschiedlichen Tremorarten der Nervenleiden zu beobachten.

Ein wahrer Pionier

Die Tätigkeit an der Salpêtrière machte ihn zu einem der Schöpfer der modernen Neurologie. Er beschrieb als Erster die amyotrophe Lateralskleose, die ihm zu Ehren lange Zeit „Charcot-Krankheit“ genannt wurde und im aktuellen Abkürzungswahn prosaisch nur mehr als ALS bezeichnet wird. Dem Morbus Parkinson gab er den noch heute gültigen Namen und beschrieb umfassend die Multiple Sklerose, die er damit deutlich gegen den Morbus Parkinson abgrenzte. Die „Charcot-Trias“, bestehend aus Nystagmus, Intentionstremor und skandierender Sprache, erinnert daran. Gemeinsam mit Pierre Marie beschrieb er eine seltene neuronale Muskelatrophie – die „Charcot-Mariesche Atrophie“, die heute allerdings nur mehr HMSN (Hereditär motorisch-sensible Neuropathie) genannt wird. In enorm vielen klinischen Untersuchungen versuchten Charcot und seine Mitarbeiter neurologisch-psychiatrische Symptome wie etwa Neuropathien, Sprachstörungen, Halluzinationen, Migräne, Tics, Hysterie, Chorea und Epilepsie mit organischen Läsionen des Zentralnervensystems in Zusammenhang zu bringen. Letztlich musste er aber einräumen, dass diese und viele andere krankhaften Zustände „wie Sphinxe zu uns kommen, die selbst den eingehendsten anatomischen Untersuchungen“ trotzen.

Rufschädigende Krankheit

Erst in seinem letzten Lebensjahrzehnt befasste sich Charcot mit jener rätselhaften Krankheit, mit der sein Name zumeist in Verbindung gebracht wird und seinen Ruf nachhaltig beschädigte: mit der Hysterie, die heute übrigens aus allen gängigen Diagnoseverzeichnissen verschwunden ist. Der seit der Antike mit den wildesten Vorstellungen über ihre Ursache bekannten Krankheit gab Charcot – so Freud – ihre Würde zurück. Am Ende des 19. Jahrhunderts landeten die Hysterikerinnen zwar nicht mehr am Scheiterhaufen, und die Ärzte wussten mittlerweile auch, dass die Gebärmutter keine Dämpfe erzeugt und sich nicht wie ein wildes Tier durch den Körper der Kranken bewegt, aber dafür hielten die meisten Mediziner sie – da man ja kein anatomisches Substrat für die Krankheit finden konnte – für Simulantinnen. Für Charcot war die Hysterie hingegen eine echte Krankheit mit echten körperlichen Symptomen. Bei seinen spektakulären, halböffentlichen Vorführungen seiner Hysterikerinnen vor Journalisten und Prominenten auf beleuchteter Bühne wollte er zeigen, dass die Hysterie keine organische, sondern eine neurotische Krankheit ist, die er in Hypnose verschwinden oder erzeugen konnte. Dass einige Frauen von seinen Assistenten als willige Hypnoseobjekte förmlich dazu abgerichtet wurden, dem Meister zu gefallen, entging Charcots Aufmerksamkeit.

Hysterie-Stars

Seine „begabtesten“ Patientinnen, die in Hypnose auf des Meisters Befehl in jede nur gewünschte abenteuerliche Verrenkung verfielen, wurden so etwas wie Stars, wie heute zahlreiche Fotos und Gemälde ihrer „Darbietungen“ bezeugen. Einmal abgesehen von allen diesen höchst dubiosen Vorgängen, die Charcot wahrscheinlich gar nicht bemerkte (oder nicht bemerken wollte), übte er mit seinen Studien über die Hysterie großen Einfluss auf die Entwicklung der Psychoanalyse und Psychiatrie aus.

Kaum ein Mediziner hat die Neurologie auf fast allen Gebieten und in einigen Bereichen auch die Psychiatrie so beeinflusst wie Charcot – dabei war er kein Psychiater. Dennoch ist er fast in Vergessenheit geraten. Einige seiner Schüler wie etwa Wladimir Michailowitsch Bechterew, Joseph Babinsky oder Sigmund Freud sind heute weit bekannter als er.

Von Dr. Wolfgang Regal und Dr. Michael Nanut, Ärzte Woche 44 /2009

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