zur Navigation zum Inhalt
© picture alliance/Kyodo
Entdecker des zelleigenen Abfall-Recyclings: Prof. Ohsumi.
 
Leben 7. Oktober 2016

Krönung für einen Querdenker

Dieses Jahr geht die Ehrung an den Zellforscher Yoshinori Ohsumi für die Erforschung der Autophagie. Reaktionen: Der Prozess sei „fundamental wichtig für alle Organismen“, der Preis daher überfällig.

APAmed/MBDer Medizin-Nobelpreis 2016 geht an den japanischen Zellforscher Yoshinori Ohsumi (geb. 1945). Dies wurde in der Vorwoche vom Karolinska Institut in Stockholm bekannt gegeben. Der Wissenschafter vom Tokyo Institute of Technology hat den Mechanismus der Autophagie (Selbstverdauung) in Zellen entdeckt und ihn aufgeklärt, hieß es in der Begründung.

Die Auszeichnung ist mit acht Millionen Schwedischen Kronen (831.000 Euro) dotiert. Ohsumi hat in den 1990er-Jahren bahnbrechende Experimente durchgeführt. Bereits in den 1960er-Jahren hatten Wissenschafter beobachtet, dass die Zellen eigene Bestandteile zerstören können. Aber wie das funktioniert, war lange nicht geklärt.

„Yoshinori Ohsumi benutzte die Bäckerhefe, um die Gene für diese Autophagie zu identifizieren. Er ging dann weiter, indem er die der Selbstverdauung zugrunde liegenden Mechanismen in der Hefe aufklärte und zeigte, dass eine ähnliche Maschinerie dafür auch in unseren Zellen benutzt wird“, hieß es in der Begründung für die Zuerkennung des Nobelpreises für Physiologie und Medizin. Autophagie-Gene können Krankheiten verursachen und sind beteiligt an manchen Krebsleiden und neurologischen Erkrankungen.

Ohsumi hat sich überwältigt von der Auszeichnung gezeigt. „Das ist eine Freude für einen Forscher, die nicht zu übertreffen ist“, sagte der 71-Jährige dem japanischen Fernsehsender NHK.

Auf die Frage, warum er sich auf die Auflösung und nicht auf die Zusammensetzung von Proteinen fokussiert habe, sagte der Wissenschaftler: „Ich wollte etwas tun, das die anderen nicht taten.“ Der Nobelpreis war aus Sicht eines Berliner Forschers „seit Langem überfällig“. Ohsumi sei es gewesen, der den Prozess der Autophagie entdeckt und über viele Jahrzehnte seit Beginn der 80er-Jahre weiter studiert habe, sagte Dr. Volker Haucke, Direktor des Leibniz-Instituts für Molekulare Pharmakologie. Den Japaner beschrieb Haucke als „bescheidenen Grundlagenforscher“, der seiner Zeit voraus gewesen sei.

Der von ihm entdeckte Prozess habe sich als „fundamental wichtig für alle Organismen, Zellen und höheren Lebensformen erwiesen“, sagte Haucke. Autophagie spiele beim Abbau von Anhäufungen defekter Eiweißmoleküle in den Zellen eine Rolle. Diese Anhäufungen würden etwa bei Krankheiten wie Alzheimer und Parkinson als ursächlich angesehen. „Es scheint so zu sein, dass im zellulären Altern die Autophagie herunterreguliert wird“, erläuterte Haucke. Dies fördere offenbar die Anreicherung defekter Eiweiße. Viele Wissenschaftler suchten nun nach Wegen, um die Autophagie im Alter wieder anzuschalten, sagte Haucke. Man hoffe darauf, die fatalen Folgen dieser Eiweiß-Anhäufungen aufhalten zu können.

Das schnelle Herbeiführen der Autophagie stellt einen Schutzmechanismus für verschiedene Stressfaktoren dar und ist auch eine Abwehr bei einer Verletzung der Zelle oder von altersbedingten Krankheiten. Kommt es bei der Autophagie zu Fehlern – dies ist zum Beispiel der Fall, wenn Mutationen in den beteiligten Genen auftreten -, kann das eine ganze Reihe von Erkrankungen fördern. So zum Beispiel dürfte eine Mutation im menschlichen Autophagie-Gen BECN 1 an Brust- und Eierstockkrebsformen beteiligt sein.

Mehrere erbbedingte Krankheiten – zum Beispiel auch Epilepsie-Formen, Bewegungsstörungen und neurodegenerative Prozesse – werden mit Autophagie-Defekten in Verbindung gebracht.

Preisträger aus Fernost

Yoshinori Ohsumi ist bereits der dritte Japaner seit 2012, der den Medizin-Nobelpreis bekommt. Bereits im vergangenen Jahr wurde Satoshi Omura geehrt. Er hatte zusammen mit dem gebürtigen Iren William C. Campbell den Wirkstoff Avermectin entwickelt. Daraus entstanden Präparate gegen bestimmte Parasitenerkrankungen.

Shinya Yamanaka erhielt 2012 zusammen mit dem Briten John Gurdon den renommiertesten Forschungspreis für die Rückprogrammierung erwachsener Körperzellen in den embryonalen Zustand.

APAmed/MB

, Ärzte Woche 41/2016

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben