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Prof. Dr. Michael Gnant, Leiter des zertifizierten Brustgesundheitszentrums der Medizinischen Universität Wien

 

Mühsam, aber lohnenswert

Die Zertifizierung von Brustgesundheitszentren ist nicht nur für die Patientinnen von Vorteil, auch die Zentren selbst profitieren dabei.

Die Österreichische Zertifizierungskommission (ÖZK) will Brustgesundheitszentren motivieren, sich zertifizieren oder affiliieren zu lassen.

20 österreichische Brustgesundheitszentren sind bereits zertifiziert. Es sollen aber noch mehr werden.

Zentralisierung heißt Überleben

Die Erfahrung zeigt: „Patientinnen fühlen sich in einem zertifizierten Zentrum besser informiert und besser behandelt“, sagt Doz. Dr. Walter Neunteufel, Leiter der Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe, Krankenhaus Dornbirn, und Sprecher der ÖZK. Und dieses Gefühl trügt nicht: Schon seit Langem ist bekannt, dass Brustkrebspatientinnen im Schnitt länger leben, wenn sie in Krankenhäusern mit hohen Fallzahlen behandelt werden ( Roohan et al.: Am J Public Health 1998 ). Die EU hat daher als Ziel vorgegeben, dass bis 2016 zumindest 90 Prozent aller Brustkrebspatientinnen in zertifizierten Zentren behandelt werden. Österreich ist auf einem guten Weg, diese Vorgaben zu erfüllen: Schon 20 Zentren sind zertifiziert und weitere drei haben ihr Interesse angemeldet. „Das heißt, dass schon jetzt 55 Prozent aller Patientinnen in zertifizierten Zentren versorgt werden“, so Neunteufel.

Kriterien

Will sich ein Brustgesundheitszentrum zertifizieren lassen, muss nicht nur eine Mindestfallzahl von 100 Primärfällen pro Jahr nachgewiesen werden. Zur Zertifizierung gehören auch multidisziplinäre Tumorboards, Aus- und Fortbildungsangebote, Studienbeteiligung, eine einheitliche Dokumentation etc. Weiters wird die Umsetzung der fachlichen Vorgaben von Fachgesellschaften überprüft, wie z. B. die patientenschonende Behandlung. „In den österreichischen zertifizierten Zentren werden fast alle Frauen, wie gefordert, brusterhaltend operiert und es wird nur der Wächterlymphknoten entfernt“, so Neunteufel.

Über 100 Punkte beinhaltet der Kriterienkatalog und alle werden von hochqualifizierten Gutachtern überprüft, wie Dr. Tanja Volm, Leiterin der Zertifizierungsgesellschaft Doc-Cert versichert: „ Unsere Gutachter sind Gynäkologen, Chirurgen, Radiologen und Pathologen mit mindestens zehnjähriger Berufserfahrung in einem großen Zentrum. Zusätzlich werden sie von uns in der Ausführung der Zertifizierung ausgebildet.“ Begutachtet werden die medizinische Behandlung, die Betreuungsqualität und die Prozessqualität, also z. B. die Häufigkeit von Konferenzen etc.

Nach erfolgreicher Zertifizierung kann man sich aber nicht lange auf seinen Lorbeeren ausruhen, denn das Zertifikat hat nur drei Jahre Gültigkeit. Danach muss rezertifiziert werden. Zwischen diesen Intervallen erfolgt ein Monitoring der Qualitätssicherungsdaten.

Wozu zertifizieren?

„Zertifizierte Brustgesundheitszentren sind nicht nur für die Patientinnen, die dort behandelt werden, von Vorteil; auch die Zentren selbst profitieren von der Zertifizierung“, meint Prof. Dr. Michael Gnant, Leiter des zertifizierten Brustgesundheitszentrums der Medizinischen Universität Wien, und spricht aus eigener Erfahrung: „Die Zertifizierung ist mühsam, aber der Aufwand lohnt sich.“ Daten, Zahlen und Erkenntnisse seien dabei gewonnen worden. „Unsere Expertise hat sich durch den Zertifizierungsprozess vergrößert, nicht nur im Bereich medizinischer Skills, sondern auch was Empathie mit den Patienten und Interaktion mit anderen Disziplinen betrifft. Viele Kollegen, die anfangs skeptisch waren, sind jetzt überzeugt“, berichtet Gnant.

Österreichische Lösung: affiliierte Partner

Der Nachteil der Zentrumsmedizin ist: Sie kann nicht wohnortnahe sein. Für so manche Österreicherin ist der Weg ins nächstgelegene zertifizierte Brustgesundheitszentrum weit. Darum hat Österreich die Struktur des Zertifizierungsmodells etwas verändert: Das „österreichische Modell“ sieht Hauptzentren und affiliierte Partnerzentren vor. Aus dieser „Notlösung“ ist eine Tugend geworden: „Dieses Modell wird bereits auch in anderen europäischen Ländern diskutiert“, so Gnant.

Affiliierte Partnerzentren müssen pro Jahr mindestens 30 Karzinom-Primärfälle behandeln. Durch die Kooperation mit den Mutterzentren können die anderen Qualitätskriterien eingehalten werden.

Sind die anderen Zentren schlecht?

Im Zuge von Zertifizierungen erhebt sich bei den zuweisenden Ärzten und vor allem bei den Patienten natürlich die Frage: Arbeiten nicht-zertifizierte Zentren schlechter? „Nicht unbedingt“, sagt Gnant. „Die Antwort ist: Man weiß es nicht.“ Dies sei ein Grund mehr, eine Zertifizierung anzustreben: „Dann weiß man genau, wo man steht, und hat es schwarz auf weiß, dass man gut ist.“ Die ÖZK möchte weitere Abteilungen motivieren, sich zertifizieren bzw. affiliieren lassen.

„Die Behandlungsqualität von Brustkrebspatientinnen in Österreich war schon immer hervorragend“, sagt Neunteufel. „Durch die Zertifizierung wird ein weiterer Schritt in Richtung Qualitätskontrolle und damit noch mehr Behandlungssicherheit unternommen. Auch die Patientinnen achten zunehmend auf Qualität: Wir beobachten, dass in zertifizierten und affiliierten Zentren die Fallzahlen steigen.“

Pressegespräch „Erfolgsmodell zertifiziertes Brustgesundheitszentrum“, 19. April 2013, Wien

C. Lindengrün, Ärzte Woche 19/2013

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