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Foto: Privat
Prof. Dr. Barbara Sperner- Unterweger, Univ.-Klinik für Biologische Psychiatrie Innsbruck
 
Onkologie 6. Oktober 2009

Was das Durchhalten schwierig macht

Viele Brustkrebspatientinnen gefährden nach erfolgreicher Operation ihre Gesundheit durch mangelnde Compliance. Gründe und mögliche Gegenstrategien. Von Dr. Monika Steinmaßl-Wirrer

Forschung und Früherkennung haben auf dem Gebiet des Mammakarzinoms enorm viel erreicht. So können in Studien bereits acht von zehn Frauen mit Brustkrebs dauerhaft rezidivfrei gehalten werden. In der Realität spielen jedoch viele Betroffene langfristig nicht mit und erhöhen so ihr Rezidivrisiko. Diese überraschende Erkenntnis führt nun dazu, dass die Hintergründe beleuchtet und mögliche Lösungsansätze entwickelt werden. Dem Hausarzt wird wieder einmal eine zentrale Verantwortung zugedacht.

 

Einen wichtigen Stellenwert im Behandlungsspektrum von Brustkrebs nimmt die adjuvante Therapie ein, die, postoperativ eingesetzt, das in den ersten Jahren deutlich erhöhte Rezidivrisiko minimieren soll. Um optimal wirken zu können, müssen die Medikamente über mehrere Jahre eingenommen werden.

Nur jede zweite Frau hält durch

„Der Erfolg hängt somit wesentlich von der Compliance ab“, so Prof. Dr. Michael Gnant, Univ.-Klinik für Chirurgie, MedUni Wien, Präsident der ABCSG – Austrian Breast & Colorectal Cancer Study Group. „In der klinischen Praxis zeigt sich jedoch, dass das konsequente ,Durchhalten‘ der Therapie in den ersten fünf Jahren bei einer überraschend hohen Anzahl von Patientinnen ein massives Problem darstellt.“ Amerikanischen Studien zufolge nimmt im vierten Therapiejahr nur noch jede zweite Brustkrebspatientin ihre Medikamente verordnungsgemäß ein. „In den ersten vier Monaten ist der größte Anstieg an Non-Compliance-Fällen zu verzeichnen“, betont Prof. Dr. Günther Steger, Univ.-Klinik für Innere Medizin, MedUni Wien, und Programmdirektor für adjuvante Therapie an der Medizinischen Universität Wien. Die niedrigste Compliance zeigten junge Patientinnen. Die zwei Studien PACT und CARIATIDE haben sich auf die Suche nach Ursachen und Lösungen gemacht.

Vielfältige Gründe

Prof. Dr. Barbara Sperner-Unterweger, CL-Vernetzungsbereich, Univ.-Klinik für Biologische Psychiatrie, Universität Innsbruck, hat die Beweggründe der Frauen in vielen Gesprächen kennengelernt: „Viele Patientinnen fühlen sich nach der Operation geheilt, wollen wieder ganz Frau sein und nicht mehr an die Krankheit erinnert werden. Sie empfinden sich als gesund und wollen daher die Nebenwirkungen einer Therapie nicht in Kauf nehmen.“ Diese können von Scheidentrockenheit über Stimmungsschwankungen bis zu Gelenksschmerzen reichen und sind vielfach behandelbar.

Auf den ersten Blick ist Compliance zwar eine Sache der Patientin, der Arzt kann die Therapietreue allerdings maßgeblich beeinflussen. Wichtig ist hier vor allem, dass Patientinnen umfassend informiert und ermutigt werden, über Ängste und auftretende Probleme zu sprechen, und sie konsequent zu begleiten. Dies liege auch im Verantwortungsbereich des behandelnden niedergelassenen Arztes, betont Dr. Irene Thiel, FA für Gynäkologie und Geburtshilfe in Weiz. „Im Rahmen der Nachsorgekontrollen gehört es zu den Aufgaben des Arztes, sich Zeit für ein ausführliches Gespräch zu nehmen. Es ist von äußerster Wichtigkeit, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen und verständnisvoll auf die Probleme der Patientin und auf etwaige Nebenwirkungen einzugehen. Der wiederholte Hinweis auf die positive Bedeutung der Therapie ist genauso wichtig wie das Ernstnehmen und Behandeln von Nebenwirkungen.“

Zusatzleistung für niedergelassene Ärzte

„Berücksichtigung der Compliance bedeutet für die niedergelassenen ÄrztInnen eine Erweiterung des Aufgabenbereiches und der Verantwortung. Ich sehe darin eine neue ärztliche Leistung, die nicht verrechnet werden kann, aber im Rahmen einer qualitätsgeprüften Ordination erfasst wird. Die Qualität in der Therapie, der Patientenaufklärung, der Patientenführung und die Qualität in der Erfassung von Arbeitsabläufen und Therapieergebnissen führt zu den besten Erfolgen.“

An der Universität Innsbruck wird ein Interview-Leitfaden für Ärzte erarbeitet, um Gespräche mit Patientinnen gezielt zu lenken und gezielte Fragen stellen zu können. Er soll Ende des Jahres zur Verfügung stehen, verspricht Sperner-Unterweger.

 

Quelle: Pressekonferenz von AstraZeneca Österreich, 30. September 2009, Wien

Dr. Monika Steinmaßl-Wirrer, Ärzte Woche 41 /2009

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