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Die meisten beschriebenen und reich bebilderten Routen des österreichischen Wanderatlas sind auch für ungeübte Geher geeignet.
 
Diabetologie 6. Juni 2016

Wanderstock statt Zuckerschock

Abnehmen oder Gewicht halten gelingt nicht ohne Bewegung. Ein neuer, speziell für Menschen mit Diabetes und Übergewicht konzipierter Wanderführer will dazu motivieren.

Für keine andere Therapie bei Diabetes und Adipositas gibt es so gute Evidenz für Wirksamkeit und Risikoreduktion wie für den Faktor Bewegung. Andererseits sind die Daten im Real-Life-Szenario schlecht und die Umsetzung von Lebensstilveränderungen erweist sich in den meisten Fällen als schwierig. Gegensteuern will nun ein gemeinsames Projekt der Österreichischen Diabetes Gesellschaft (ÖDG) mit der Firma Novartis: Es beinhaltet einen Gratis-Wanderatlas samt App und Homepage maßgeschneidert für Menschen mit Diabetes und Übergewicht.

Es ist eine Tatsache: Genetische Veranlagung, zu viel von zu wenig nahrhaften Lebensmitteln kombiniert mit wenig bis gar keiner Bewegung führen zur Zuckerkrankheit. Und obwohl es kaum eine Krankheit gibt, bei deren Entstehung Ursache und Wirkung so gut dokumentiert sind, ist das Wissen darüber in der Allgemeinbevölkerung gering. „Wir dürfen uns keine Illusionen machen, der Kampf gegen Diabetes kann nicht in den Arztordinationen gewonnen werden“, erklärte Oberarzt Dr. Helmut Brath, Gesundheitszentrum Wien-Süd und Erster Sekretär der Österreichischen Diabetes Gesellschaft (ÖDG).

Seuche oder Tsunami?

Von weltweit 415 Millionen Diabetikern im Jahr 2015 werden für das Jahr 2040 642 Millionen (+ 57 %) extrapoliert. Die Schätzungen lagen jedoch in der Vergangenheit immer unter der tatsächlichen Entwicklung. Und wo manche Spezialisten heute von einer „Seuche“ oder einem „Tsunami“ sprechen, gilt für andere der „Krieg“ gegen den Diabetes bereits als verloren: „Medicine might be winning the battle of glucose control, but is losing the war against diabetes.“ (Lancet, Editorial, 375, June 26, 2010).

Die bessere Nachricht: Trotz steigender Inzidenz ist eine adäquate Behandlung von Langzeiterfolgen gekrönt. So zeigten die Trends (1990 bis 2010) der altersstandardisierten Raten an Diabetes assoziierten Komplikationen bei erwachsenen US-Amerikanern mit und ohne diagnostizierten Diabetes deutlich nach unten (Gregg EW et al. NEJM, N Engl J Med 2014;370:1514–1523). „Moderne Diabetestherapie ist zwar teuer, aber sie wirkt“, so Brath. Und vor allem: Nichtstun verursacht die meisten Kosten.

Auch in Österreich gehört die Zuckerkrankheit zu den größten Kostenfaktoren im Gesundheitsbereich. Aktuell geht man hierzulande von 600.000 Diabeteskranken aus. Darunter sind 30.000 Menschen (davon 3.000 Kinder und Jugendliche) mit einem Typ-1-Diabetes. Ein Drittel davon weiß nichts von ihrer Erkrankung – rund 200.000 Menschen befinden sich nicht in Behandlung. Bei Typ-2-Diabetes verlaufen die ersten Symptome schleichend und äußern sich oft in einsetzenden diabetischen Spätfolgen wie Schädigungen an Gefäßen und Nerven. Etwa 10.000 Österreicher sterben jährlich daran.

Bewegung von Anfang an

„Einen 50-Jährigen, der in seinem ganzen Leben keine Bewegung gemacht hat, dazu zu motivieren, ist sehr schwierig“, erklärte Prim. Dr. Claudia Francesconi, Past-Secretary und Bewegungsbeauftragte der ÖDG. Bewegung muss daher bereits im Kleinkindalter beginnen und sollte nicht mühsam sein, sondern Freude machen. Doch heute sind für den Spezialisten nicht nur Jugendliche, sondern sogar Kinder weit unter 14 Jahren mit „Altersdiabetes“ keine Seltenheit mehr.

Anna Mayer, Bundesvorsitzende der ÖDG ist selbst Betroffene: „Wir wollen Hilfe leisten bei der Motivation und Umsetzung der Lebensstilmodifikationen, und statt Selbsthilfe-Gruppen, echte Peer-Groups schaffen“. Zu den Angeboten der ÖDG gehören nicht nur Bewegungsprogramme (z. B. Nordic-Walking), sondern auch Kindercamps. Was sie sich von der Politik am sehnlichsten wünscht: Eine Basisfinanzierung für die Kinder- bzw. Familien-Rehabilitation.

Wanderführer, App, Homepage

Als Jäger und Sammler legte der Mensch früher täglich 15 bis 17 Kilometer pro Tag zu Fuß zurück. „Heute geht der typische Österreicher weniger als einen Kilometer. Abnehmen oder Gewicht behalten gelingt aber nicht ohne Bewegung, und muss deswegen zur Normalität werden“, erklärte Prof. Dr. Hermann Toplak, Leiter der ÖDG. Um die Menschen zu mehr Bewegung zu motivieren, hat die ÖDG deshalb jetzt einen Österreichischen Wanderatlas speziell für Menschen mit Diabetes und Übergewicht herausgegeben (Auflage 10.000 Stück). Die meisten der darin geschilderten und reich bebilderten Touren bewegen sich innerhalb von hundert Höhenmetern, bei manchen sind bis zu 300 Höhenmeter zu überwinden. Somit sind die Routen auch für Ungeübte geeignet.

Da die Stabilisierung des Zuckerspiegels für den Diabetiker sehr wichtig ist, sind Einkehrmöglichkeiten entlang der Wanderrouten angegeben. Eine „Wander-App“ (iOS und Android) mit integriertem Notruftool bildet alle Touren ab und hilft beim Navigieren. Warum Sport so wichtig für den Menschen ist, erklärt Francesconi: „Bewegung ist ein zentrales Werkzeug für die Prävention und Therapie von Diabetes mellitus Typ 2. Damit kann man die Krankheit zwar nicht heilen, aber auf weiten Strecken zum Verschwinden bringen.“ Den Wanderführer findet sie besonders geeignet, um Menschen zum Wandern einzuladen. „Hier wird suggeriert, dass Wellness und Bewegung eins werden können“, so die Ärztin.

Aber kann so ein Projekt mehr sein als ein Tropfen auf dem heißen Stein? „Der Wanderatlas kann jedenfalls dabei unterstützen, realistische und erreichbare Ziele festzulegen“, so George Zarkalis von der Firma Novartis, die das Bewegungs-Projekt unterstützt. Österreichs Wanderatlas für Diabetiker und Übergewichtige kann unter www.diabetes-bewegt.at gratis bestellt werden.

Quelle: Pressekonferenz der Österreichischen Diabetes Gesellschaft (ÖDG) gemeinsam mit Novartis Pharma, Präsentation von „Österreichs Wanderatlas – für Menschen mit Diabetes und Übergewicht“ am 28. April 2016 in Linz

Reinhard Hofer, Ärzte Woche 23/2016

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