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© Lawinenwarndienst Tirol

Rudi Mair (siehe u.).

 
Sportmedizin 18. Jänner 2016

Schneemenschen unter sich

Experten schildern ihre Erfahrungen und Überlebensstrategien im Umgang mit der Naturgewalt Lawine.

20 Menschen sterben in Österreich jeden Winter den Weißen Tod, sie enden jämmerlich begraben unter Schneebrettern. Doch ihre Zahl bleibt konstant, während sich jene der Skitouren- und Variantengeher der Millionengrenze annähert. Ein Sieg der Vernunft – und der neuen Kommunikationsmöglichkeiten.

Dr. Rudi Mair liebt den Tiefschnee. Er isch Tiroler – und Leiter des hiesigen Lawinenrettungsdienstes. Daher respektiert er den Schnee mindestens genauso so wie er ihn schätzt. „Ich mache heuer den 26. Winter in dem Job. Wenn man, so wie ich, hunderte Lawinenunfälle, mit 10 bis 15 Toten, gesehen hat, dann schraubt das die eigene Risikobereitschaft schon deutlich nach unten bzw. man überlegt sich, ob es sich für zwei, drei schöne Schwünge lohnt, sein Leben zu verlieren. Da ist meine klare Antwort: Nein. Ich habe einfach zu oft gesehen, wie schnell das daneben gehen kann.“

Erhöhte Lawinengefahr über 2000 m im Westen Österreichs, verkündet die Sprecherin im Ö1-Morgenjournal. Für Rudi Mair und seinen Kollegen DI Patrick Nairz heißt das: rein in den Hubschrauber und „gib ihm“.

Mair und Nairz sind nicht nur hart gesottene Bergretter, sie haben ein Standardwerk über die Lawinenkunde geschrieben, das soeben in 2. Auflage erschienen ist (siehe Zusatzbericht auf dieser Seite). Einige Schnee-Mythen haben sie bereits zerstört, zum Beispiel jene von der Lawinen-Fernauslösung durch lautes Sprechen, also Schall: „Wenn dem so wäre“, sagt Mair, der daneben seine Siebensachen für den nächsten Einsatz zusammenpackt, „wenn dem so wäre, könnten wir zu Lawinen-Einsätzen keine Hubschrauber hinschicken, lauter als ein Hubschrauber kann ich nicht schreien.“ Hingegen könne eine Hubschrauber-Landung sehr wohl eine Lawine auslösen, und zwar „durch den downwash (technischer Abwind, Anm.), den das Fluggerät erzeugt und der die Luft extrem nach unten drückt, das kann bei einer labilen Schneedecke eine Lawine auslösen“.

Sehr wohl könne man aber im Tal stehen und durch einen falschen Schritt eine Lawine auslösen, nämlich durch eine Bruchfortpflanzung, erläutert Dr. Kurt Winkler vom Schweizer Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF in Davos das fatale Phänomen. Oft reicht die Belastung durch einen Wintersportler, um in der Schneedecke einen Riss zu erzeugen. Dabei bricht eine schwache Schicht wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Die Schicht darüber stürzt in die entstandene Lücke und setzt Energie frei. Diese Energie genügt, um den Bruch in Sekundenbruchteilen fortzusetzen, bis hinauf in die labilen Lawinenhänge. Bei einer Verschüttung am Talboden nützt auch der Lawinenairbag nichts. Dieser nützt den so genannten „Müsli-Effekt“ aus. In der Fließbewegung der Lawine wandern die großen Teile nach oben, ähnlich einem Müsli, das geschüttelt wird.

Doch was passiert, wenn man ganz verschüttet wird, darüber gibt es nur wenige Schilderungen.

Zürs am Arlberg war für Peter Veider keine Hetz, sondern beinahe sein Ende. „Es war als würde dir plötzlich jemand den Teppich unter den Füßen wegziehen“, schildert Veider dem Kurier den Moment, als ihn eine Lawine erfasste. „So das war’s jetzt“, habe er sich gedacht. Und im nächsten Moment: „Nur keine Panik.“ Mit Armen, Beinen und Skiern habe er sich gegen die Lawine und die Schneemassen gestemmt. Veider, seit mehr als 30 Jahren ausgebildeter Bergführer, hat es geschafft: Er ist im Schnee nicht ertrunken, konnte sich am Ende selbst befreien.

Berichte von Überlebenden

Der 2015 verunglückte Bergsteiger Edi Koblmüller beschrieb zehn Jahre vor seinem Tod in der Zeitschrift Land der Berge seinen Unfall. „Das Schneebrett bricht lautlos, der ganze Hang gleitet, mit der offenen Bindung habe ich keine Chance zur Gegenwehr. Ich greife zum Auslösegriff des ABS-Rucksacks (Lawinenairbag, Anm.), sehe das Orange der Airbags, spüre starken Zug an den Beinen. Neue Schneemassen von oben, ich werde verschüttet. Stille, bewegungsunfähig, festgepresst, keine Atemhöhle, stöhnendes Ausatmen. Keine Angst, ich sollte versuchen, den Arm auszustrecken, sie werden gleich da sein. Dann nichts mehr ...“

Der bewusstlose Koblmüller war einen Dreiviertelmeter tief verschüttet. Ohne Lawinenairbag wäre er zu tief in den Schneemassen gesteckt, um ihn rechtzeitig auszugraben. Und ohne Lawinensuchgerät hätten ihn die Retter nicht rechtzeitig entdeckt. Zwölf Minuten dauerte es, bis sein Kopf freigeschaufelt war. Das ist schnell und liegt dennoch am Ende des 15-minütigen Zeitintervalls innerhalb dessen ein Ganzverschütteter überleben kann.

700.000 Skitourengeher sind in Österreichs Bergen unterwegs, schätzt Mair. Doch die Zahl der Unfälle bleibt überraschenderweise seit Jahren konstant. Mairs Erklärung: „Die Verbesserung der Lawinenwarnung bringt eindeutig etwas. Im Vergleich zu vor 20 Jahren ist die Anzahl der Leute, die abseits der Pisten unterwegs sind um den Faktor 10 zugenommen und die absoluten Unfallzahlen sind relativ konstant geblieben, bei 20 Lawinentoten in Österreich pro Winter.“ Dazu kommen die verbesserten Kommunikationsmöglichkeiten, Informationen erreichen die Freizeitsportler via Internet, Apps, RSS-Feed, soziale Medien, „außer Rauchzeichen und Buschtrommeln bieten wir alles an“. Das Absetzen des Notrufs mit dem Handy habe eine Zeitersparnis um einige Stunden gebracht, der Abstieg zur Hütte, wo es hoffentlich einen Telefonanschluss gab, entfällt.

Für Mair, der sein ganzes Leben in den Bergen verbracht hat, ist ein schneearmer Winter wie der heurige ein Alarmzeichen (siehe Interview auf S.7). „Je weniger mächtig die Schneedecke ist, desto größer sind die Temperaturunterschiede zwischen dem Boden, wo es immer ungefähr Null Grad hat, und der Luft.“ Die Folge sind Umwandlungsprozesse im Aufbau der Schneedecke, die Bindung nimmt ab. Bedeutet: Es wird noch ein langer, gefährlicher Winter für die Männer des Lawinenwarndienstes und der Bergrettung in Tirol.

Martin Burger, Ärzte Woche 3/2016

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