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Katrin Jonas BODYWARENESS™, London

© N. Moughrabi

Dr. Nidal Moughrabi Institut für Medizinische Hypnose und Meditation, Wien

 
Praxis 12. Jänner 2015

Stressresilienz kann auch von innen kommen

Meditation für Mediziner: Eine Möglichkeit dem belastenden Alltag zu begegnen.

Eine neue Form des „Medical Coachings“ will Ärzten Kraft geben, sich dem Stress zu widersetzen. Denn die Meditation ist längst keine exotische Kuriosität mehr. Ihre Vorzüge werden heute wissenschaftlich untersucht und ihre Wirkung auf Vegetativum und Lebensqualität ist mittlerweile belegt. Sogar Hirnstrukturen können sich langfristig ändern.

Im Institut für Medizinische Hypnose und Meditation in Wien werden Klienten mit verschiedensten Symptomen behandelt: Burnout aufgrund langjähriger Stresszustände, Nikotin- oder Schmerzmittelmissbrauch, Übergewicht, chronische Schmerzen und vieles mehr. Gerade bei Betroffenen aus der Ärzteschaft zeigen sich hierbei ähnliche Ursachen: weit überdurchschnittliche Arbeitszeiten (Österreich ist in der EU diesbezüglich mehr als ein Jahrzehnt hintendran), überbordende Bürokratie (gilt sowohl für den intramuralen als auch den niedergelassenen Bereich), spezielle Belastungen (Konfrontation mit Krankheit und Tod), der persönliche und gesellschaftliche Druck zu Perfektionismus, das Leugnen der eigenen Verletzlichkeit sowie oftmals ein Fehlen von tauglichen Tools, mit all diesen Belastungen umzugehen. Burnout und diverse Erschöpfungszustände sind unter Medizinern weit verbreitet. Auch wenn es kaum der gängigen Gesundheitspolitik entspricht, so ist doch die Prophylaxe immer noch der beste und leichteste Weg.

In Einzelsitzungen und diversen Meditationskursen konnte beobachtet werden, dass Mediziner gerade in Anbetracht der oben geschilderten Anforderungen sehr offen für eine Anhebung ihrer Stressresilienz sind. So hoffen sie, die Freude an ihrem Beruf beizubehalten bzw. wieder zurückzugewinnen.

Die Autoren dieses Beitrags entschlossen sich daher, in einem Pilotprojekt Meditationskurse für Mediziner anzubieten, die sogleich auf reges Interesse stießen. Deshalb wurden für das Jahr 2015 in Wien weitere Kurse anberaumt, mittlerweile wurde auch Interesse aus anderen Ländern bekundet (England, Schweiz, Deutschland). Außerdem ist ein weltweiter Online-Kurs in Planung.

Worum geht es?

Unsere praktische Arbeit zeigt uns jeden Tag, dass Stressintervention individuell aufgebaut sein muss, sowohl bei Einzelsitzungen als auch im Rahmen von Kursen. In Gruppensitzungen muss zusätzlich auf publikumsspezifische Besonderheiten eingegangen werden (unterschiedliche Stressoren bei Hausärzten, Spitalsärzten, Fachärzten etc.).

Die Aufmerksamkeit der Klienten muss zunächst auf Gefahrenbereiche gelenkt werden, in denen Stressreaktionen hochkochen, damit punktgenau eingegriffen werden kann. Es geht also um Achtsamkeit, um das Wahrnehmen und Aufmerksamkeit im Moment. Diese Fähigkeit kann vor allem durch individuell angepasste Meditationstechniken entwickelt werden. Das Ziel ist die „innere Balance“, also die Fähigkeit, sich unabhängig von den äußeren Belastungen selbst zu regulieren.

Warum gerade Meditation?

Weshalb wir in diesem Rahmen auf Meditationstechniken zurückgreifen, ist eine häufige Frage an uns. Tatsächlich stellen wir Techniken vor, die auf die Entwicklung maximaler Bewusstheit abzielen, die wir als den Schlüssel zu jeglicher Stressintervention ansehen. Was ich nicht bemerke, kann ich nicht verändern. Um bemerken zu können, muss ich „wach“ sein.

Auch eine Frage der Technik

Was die Auswahl der Meditationstechniken betrifft, so offerieren wir ein so breites Spektrum wie nur möglich. Was jeder Teilnehmer braucht, welche Technik zu jedem individuellen Nervensystem passt und wie die Physis am besten reagiert, ist unterschiedlich. Deshalb arbeiten wir nicht nur mit stillen Methoden, sondern bieten auch an Bewegung und Atem gekoppelte Meditationstechniken an. Derart wird die Überaktivität der Gedanken systematisch beruhigt, ganz gleich ob es der „überladene Kopf“, das „ewige Theater“, das „Feuerwerk im Gehirn“, das „Geschnatter“ oder das „Gedankengefecht im Kopf“ ist, die vom Klienten als Störfaktor empfunden werden. Es braucht eine stufenweise und sehr durchdachte Hinführung in die meditative Stille. Was dabei wichtig ist: Wir verteufeln weder das Denken noch den Einsatz des Verstandes. Gerade im medizinischen Bereich muss er messerscharf und entscheidungsfreudig sein, weshalb er sich auch ausruhen können muss. Gedankenkreisen ist ein erschöpfender Prozess, aus der Stille heraus zu handeln ein schöpferischer.

Beobachtungen aus der Wissenschaft

Eine PubMed-Recherche befördert für den Begriff „Meditation“ über 3.300 Ergebnisse. Beim Begriff „Mindfulness“ (grob übersetzt „Achtsamkeit“, bezieht sich auf eine im angloamerikanischen Raum verbreitete Meditationstechnik) immerhin noch über 2.300. Die Wissenschaft nimmt sich immer mehr des Themas Meditation an. So gibt es bereits Kongresse, die sich ausschließlich mit dieser Angelegenheit befassen. Die positive Wirkung auf das Vegetativum und die Lebensqualität sind hinreichend belegt, Hirnstrukturen können sich langfristig sogar verändern. Im Kasten werden exemplarisch ausgewählte Studien zitiert.

Effekte treten rasch ein

Gleichermaßen erstaunt wie erfreut sind wir ausnahmslos in jedem Meditationskurs, wie schnell sich das Eigenempfinden der Mediziner zum Positiven hin verändert. Teilnehmer, die von sich glauben, nur schwer entspannen zu können und permanent unter Strom stehen, berichten von einer inneren Stille, die dem Erleben eines meditativen Zustandes entspricht. Mitunter melden Angehörige oder Kollegen bereits nach einem Wochenende positive Veränderungen in der Ausstrahlung zurück.

Wir hören auch oft davon, dass seltener auf Hilfsmittel wie Drogen, Alkohol oder Nikotin zurückgegriffen wird. Obwohl wir dies nicht betont adressieren, ist das eine Begleiterscheinung, die wir natürlich begrüßen. Zustände von Müdigkeit, Unruhe oder Abgeschlagenheit können schneller ausbalanciert werden. Das schlägt die Brücke zur Burnout-Prophylaxe.

Der Start ist wichtig

Selbstverständlich stellen Kursteilnehmer oft die Frage, wie streng die Meditationsroutine sein muss, damit die Effekte haltbar sind. Das ist naturgemäß individuell, aber als Faustregel kann man es so formulieren: Wer zu meditieren beginnt, sollte einen verdichteten Start setzen, also am Anfang regelmäßig, wenn nicht sogar täglich meditieren. Doch sobald die Erfahrung von Meditation intern abgespeichert ist, kann jeder spontan und seinem aktuellen Befinden nach seinen eigenen Weg finden. Es gibt nichts, was absolut vorgegeben ist.

Meditation ist weder etwas Ernstes noch etwas Heiliges. Meditation ist die Hinwendung zur eigenen Integrität. Und Integrität befriedigt. Sie zu vertiefen macht richtig Spaß.

Dr. Nidal Moughrabi ist am Institut für Medizinische Hypnose und Meditation in Wien tätig (www.hypno med.cc). Katrin Jonas ist für BODYWARENESS™ in London tätig (www.katrin-jonas.com, www.bmde.me).


Kasten: Einige ausgewählte Studien zur Meditation/ Stressvermeidung

• Dauerstress wirkt lebensverkürzend um bis zu zehn Jahre und lässt sich u. a. an verkürzten Telomeren nachweisen. (Proc Natl Acad Sci USA. 2004 Dec 7;101(49): 17312-5. Epub 2004 Dec 1. Accelerated telomere shortening in response to life stress.Epel ES1, Blackburn EH, Lin J.)

• Das Fokussieren auf den gegenwärtigen Moment, anstatt den Verstand abdriften zu lassen, führt zu niedrigeren Cortisol-Spiegeln. (T.L. Jacobs, P.R. Shaver, E.S. Epel. Self-Reported Mindfulness and Cortisol During a Shamatha Meditation Retreat. Health Psychology, 2013)

• Kurze Phasen von Achtsamkeits-Meditation können Menschen darin unterstützen, rationalere Entscheidungen zu treffen. (A. C. Hafenbrack, Z. Kinias, S. G. Barsade. Debiasing the Mind Through Meditation: Mindfulness and the Sunk-Cost Bias. Psychological Science, 2013; 25 (2): 369)

• Ein achtwöchiges Training in MBSR (Mindfulness-Based Stress Reduction) führte zu einer Konzentrationssteigerung der zerebralen grauen Substanz in Hirnregionen, die für Lern- und Gedächtnisprozesse, sowie für die Regulation von Emotionen zuständig sind (u. a. Hippocampus). (B.K. Hölzel, J. Carmody, M. Vangel. Mindfulness practice leads to increases in regional brain gray matter density. Psychiatry Res. Jan 30, 2011; 191(1): 36-43)

Nidal Moughrabi, Katrin Jonas, Ärzte Woche 1/3/2015

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