zur Navigation zum Inhalt
© bocky / shutterstock.com
 
Allgemeinmedizin 31. Jänner 2014

Plädoyer für ein artgerechtes Leben

Der Steinzeitmensch in uns rebelliert.

Seiner Natur gemäß ist der Mensch ein Kleingruppenwesen. Über Jahrmillionen streifte er in für den einzelnen überschaubaren Gesellschaften mehr oder weniger gemächlich durch die Gegend. Heute lebt er in anonymen Ballungszentren, schuftet in Großbetrieben ohne Beziehung zu den Früchten seiner Arbeit und wird zu immer schnellerem Tempo angehalten. Seine Seele wird „entwurzelt“. Die Folge davon ist eine Zunahme psychischer Erkrankungen. Statt bloßer Symptom-Bekämpfung ist eine Besinnung auf ein „artgerechtes“ menschliches Leben dringend vonnöten.

Mit Recht wird die Massentierhaltung kritisiert und eine artgerechte Haltung unserer Schweine, Rinder und Hühner eingemahnt. Aber leben wir Menschen noch unserer Art gemäß? In der heutigen Zeit – womit die letzten paar Jahrzehnte gemeint sind – sind einige Phänomene beobachtbar, für die es in der ganzen Entwicklungsgeschichte unserer Gattung keine Präzedenzfälle gibt, Merkmale einer Zivilisation, die aus den Fugen zu geraten droht und viele von uns längst überfordert.

Gefangen im „Tempodrom“

Eines dieser Phänomene ist ein nie dagewesener Geschwindigkeitsrausch. In allen Bereichen unseres Lebens, selbst im Privatleben und in der Freizeit soll möglichst schnell möglichst Vieles erledigt werden. Der Münchner Philosoph und Pädagoge Karlheinz Geißler spricht dabei treffend von einem „Tempodrom“, das uns gefährlich mitreißt und gleichzeitig gefangen hält: „Ungeduld, Unruhe, nervöse Erregung und Gereiztheit wachsen überall dort, wo nicht schnell genug informiert, wo zu langsam gegessen und zu zögerlich verstanden und reagiert wird“.

In diesem Tempodrom finden Ruhe und Wohlbefinden keinen Platz mehr. Gefragt sind „Multitasking“, die schnelle Erledigung vieler Dinge auf einmal, und ständige Einsatzbereitschaft. „Coffee to go“ und „Pizza to go“ reflektieren schon auf sprachlicher Ebene diesen Wahnsinn: Trödeln Sie nicht herum, nehmen sie den Kaffee oder die Pizza und schauen Sie, dass Sie weiterkommen! An die Stelle ruhigen und besonnenen Tuns sind Hektik und Nervosität getreten, wobei der Einzelne oft keinerlei positive Auswirkungen seiner Leistungen zu spüren vermag und gleichsam wie in einem Hamsterrad auf der Stelle tritt. Hauptsache, er tritt immer schneller.

Ein anderes Phänomen ist eine nie dagewesene Regulierungswut. Verbotsschilder und Warnhinweise pflastern unser Leben zu. Jedes auch noch so belanglose Detail unseres Alltagslebens wird zu reglementieren versucht, angeblich im Interesse unserer eigenen Sicherheit und Gesundheit. Tatsächlich aber geht es dabei um nichts anderes als die Entmündigung des Individuums. Dieses Bestreben ist gewiss nicht neu, nimmt aber in unserer Zeit bereits bedrohliche Dimensionen an, weil die entsprechenden Technologien (beispielsweise Überwachungskameras) erst heute verfügbar sind und fortgesetzt verbessert und ausgeweitet werden. Das Individuum wird von seinen Institutionen am Gängelband gehalten; wir befinden uns auf dem Weg in eine infantile Gesellschaft.

Neben diesen beiden Kennzeichen unserer heutigen Zivilisation ließen sich noch andere nennen. Insbesondere die Ökonomisierung unserer Lebenswelt. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Wirtschaft alle unsere Lebensbereiche dominiert, dass nur Profit und Kapital den Weltenlauf bestimmen.

Der Steinzeitmensch in uns

Die Natur ist nicht zu beschwindeln. Schweine sind sicher nicht glücklich, wenn sie in Massen zusammengepfercht auf harter Unterlage ihr Dasein fristen müssen. Sie werden dadurch ihrer elementaren Verhaltensdispositionen beraubt. Ihnen fehlen die Suhle und das Suhlen, eine ihrer Art typische Verhaltensweise. Man mag dagegen protestieren, den zivilisierten Menschen mit Schweinen zu vergleichen. Aber es ist nicht zu leugnen, dass auch der Mensch eine Säugetierart und als solche mit Verhaltensmerkmalen ausgestattet ist, die sich in Jahrmillionen seiner Evolution durch natürliche Auslese oder Selektion entwickelt haben. Zwar pflegen wir Menschen uns im Allgemeinen nicht im Schlamm zu wälzen, aber eine Reihe anderer Merkmale haben wir von unseren stammesgeschichtlichen Vorfahren übernommen.

Wir sind geborene Kleingruppenwesen. Über Jahrmillionen haben unsere Ahnen in überschaubaren Gruppen von vielleicht dreißig bis fünfzig (selten mehr) Individuen gelebt, Individuen, die einander persönlich bekannt waren (face-to-face relation). Ungefähr diese Gruppengröße ist auch heute noch die, welche eine relativ optimale Interaktion zwischen ihren Individuen ermöglicht.

Es ist mittlerweile auch unter Sozialwissenschaftlern ein Gemeinplatz, dass die Intensität sozialer Interaktion mit Zunahme der Gruppengröße abnimmt. Darauf aber wurde, wie viele Beispiele im Städtebau zeigen, keine Rücksicht genommen. Viele Menschen in den Industrienationen westlicher Prägung sind auf kleinem Raum in riesigen Wohnblöcken untergebracht, die eher Betonstallungen als anheimelnden menschlichen Wohnstätten gleichen. Das gilt vor allem auch für Bürogebäude, bei denen auf wirtschaftliche Rentabilität und Effizienz Wert gelegt wurde, der für den Menschen wesentliche Wohlgefühl-Faktor aber außer Acht gelassen blieb.

Unter solcherart Bedingungen sind Menschen dann auch noch gezwungen, immer mehr an Leistung in immer kürzeren Zeitabständen zu vollbringen. Auf das heute angesagte Tempo war der Mensch ebenso wenig vorbereitet wie auf das Leben in anonymen Massengesellschaften. Gewiss, man darf das Leben unserer steinzeitlichen Ahnen nicht romantisch verklären. Auch sie hatten, wie jedes Lebewesen, durchaus ab und an Stress; schließlich hatten sie sich durch eine ihnen nicht stets freundlich gesinnte Welt hindurch zu manövrieren, mussten sich Nahrungsressourcen sichern und gegen die Unbilde der Natur ankämpfen. Der heutige zivilisierte Mensch aber steht zunehmend unter Dauerstress. Er muss sich nicht mehr vor Löwen oder Höhlenbären in Acht nehmen, braucht Blitz und Donner nicht mehr zu fürchten, doch lässt er sich Fitness und Wellness verordnen und gönnt sich nicht einmal außerhalb seiner Arbeitswelt – sofern die nicht ohnedies Tag und Nacht sein Leben dominiert – seine Ruhe. Er glaubt, ständig erreichbar sein zu müssen, erlaubt sich kaum noch Privatheit und läuft im Tempodrom mit, ohne eigentlich zu wissen, wohin.

Allmählich präsentiert die Natur (seine eigene Natur!) dem Menschen ihre Rechnung. Die weist eine alarmierende Steigerung psychischer Erkrankungen aus. Wenn auch psychische Erkrankungen im Einzelnen oft nicht einfach und klar zu definieren und auch keine Erfindungen der heutigen Zivilisation sind, ist ihr Vormarsch im Ganzen doch nicht zu übersehen. Es ist keine Frage: Der Steinzeitmensch in uns beginnt zu rebellieren. Die Medizin kann sich nicht mehr darauf beschränken, durch medikamentöse Behandlung bloß Symptome zu bekämpfen. Denn diese Symptome sind Systemphänomene, Spiegel einer insgesamt kranken Zivilisation. Nicht der Mensch soll sich an seine Zivilisation anpassen, sondern er muss diese seinen eigenen Bedürfnissen und Möglichkeiten angleichen, wenn er nicht mit ihr zugrundegehen will. Klar, in die Steinzeit zurückkehren können wir nicht, aber wir sollten uns überlegen, wie wir dem Steinzeitmenschen in uns wieder gerecht werden können.

Autor: Prof. Dr. Franz M. Wuketits lehrt an der Universität Wien und ist im Vorstand des Konrad Lorenz Instituts für Evolutions- und Kognitionsforschung.

F. Wuketits, Ärzte Woche 6/2014

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben