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Diabetologie 12. Dezember 2013

Das Sofa ist ein gefährlicher Ort

Der Schwerpunkt der Diabetestherapie sollte nicht auf Medikamenten, sondern auf Lifestyle-Intervention liegen.

Ein Umdenken bei der Behandlung von Typ-2-Diabetes forderten Diabetologen und Sportwissenschaftler bei der Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft Diabetologie Baden-Württemberg in Ulm.

„Das Sofa ist ein gefährlicher Ort“, warnte Sportmediziner Prof. Dr. Jürgen Steinacker. Dort passiert in der Regel zwar nichts Gefährliches, doch stundenlanges Sitzen vor dem Fernseher – oder auch am Schreibtisch – stellt für große Teile der Bevölkerung ein beträchtliches Gesundheitsrisiko dar. Denn der Mensch ist genetisch auf körperliche Aktivität programmiert: „In der Steinzeit legte man oft bis zu 50 Kilometer am Tag zurück, heute sind es gerade mal zwischen 300 und 700 Meter.“ Und was früher überlebenswichtig war, nämlich die Fähigkeit Nahrungsenergie im Fettgewebe zu speichern, birgt für viele Menschen heute ein großes gesundheitliches Risiko.

Warum ist Übergewicht so gefährlich? Und wieso ist Sport gut bei Diabetes? „Fettgewebe ist ein endokrines Organ und setzt hormon-ähnliche Substanzen frei, so genannte Adipokine“, erklärt der Sportmediziner. Diese senden bei starkem Übergewicht verstärkt inflammatorische Signale aus, die sich als chronische Entzündungen im Gehirn, in den Gefäßen oder den Fettzellen bemerkbar machen. Morbus Parkinson und Atherosklerose beispielsweise würden damit genauso begünstigt wie kardiovaskuläre Krankheiten. „Außerdem fördern gewisse Adipokine die Insulinresistenz und damit die Entstehung von Diabetes Typ 2. Die Zellen nehmen die Glukose aus dem Blut nicht mehr auf, sodass der Blutzuckerspiegel steigt“, erläutert Steinacker. Wenn die Kilos hingegen purzeln, sinken meist Blutzucker-, Blutdruck- und Blutfettwerte ganz automatisch.

Myokine freisetzen

Sport und körperliche Aktivität könnten diese schädlichen Adipokin-Reaktionen ebenfalls parieren. Denn auch der arbeitende Muskel ist ein sekretorisches Organ, das stoffwechselaktive Prozesse in Gang bringt, wie die Glukoseaufnahme aus dem Blut oder die Fettverbrennung. Verschiedene Myokine, das sind hormonähnliche Substanzen, die bei Muskelaktivität freigesetzt werden, verbessern zudem Insulinproduktion und -resistenz, fördern die Durchblutung und das Knochenwachstum. Sogar entzündungshemmende Effekte und immunstärkende Wirkungen sollen durch aktive Muskelzellen über diverse Myokine ausgelöst werden.

„Zur Verbesserung der Blutzuckerwerte sollten bei Diabetes Typ 2 nicht immer nur neue Medikamente eingesetzt werden, sondern der Patient muss motiviert werden, sich mehr zu bewegen“, regt Steinacker an und verweist an dieser Stelle auf die Plattform „Exercise is medicine“ (www.exerciseismedicine.org), die die Bedeutung körperlicher Bewegung für die gesamte Medizin herausstellt. Es gilt als belegt, dass eine Ernährungsumstellung in Verbindung mit sportlicher Aktivität bei Diabetes-Patienten so effektiv sein kann, dass Insulingaben kaum oder gar nicht mehr nötig sind. Steinacker: „Eine Einheit Sport macht sich bis zu 72 Stunden danach noch auf den Insulinstoffwechsel bemerkbar.“ Und je mehr Muskeln dabei beansprucht würden, umso besser. Ratsam sei daher eine Kombination aus aerobem Ausdauersport und Krafttraining.

Ernährungstipps der wissenschaftlichen Art lieferte Dr. Robert Wagner von der Universität Tübingen. Die Quintessenz aus zahlreichen epidemiologischen Untersuchungen und Interventionsstudien: Protektive Wirkung haben Nüsse, Ballaststoffe, mehrfach ungesättigte Fettsäuren, aber – ziemlich überraschend – auch Kaffee und Rotwein. Das Diabetes-Risiko steigert hingegen der Konsum von Nahrungsmitteln mit hoher glykämischer Last und von rotem Fleisch. Gemieden werden sollen vor allem industriell gefertigte Lebensmittel mit hohem Transfettsäuren-Anteil. Schlecht seien auch zu fette Nahrungsmittel und süße Softdrinks. Früchte wie Blaubeeren, Trauben und Äpfel dagegen könnten helfen, Diabetes zu verhindern.

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