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© Bruno Klomfar
Zum Welt-Diabetes-Tag werden weltweit öffentliche Gebäude und Sehenswürdigkeiten als sichtbares Zeichen der Solidarität mit den Betroffenen blau beleuchtet – im Bild das Bregenzer Festspielhaus.
© International Diabetes Federation
 
Diabetologie 12. November 2013

Nur Zucker?

Am 14. November ist Welt-Diabetes-Tag, an dem die Aufmerksamkeit auf die Krankheit, ihre Prävention und Behandlung gelenkt werden soll.

Lebensstilmaßnahmen erweisen sich in neuen Studien als hochwirksam – allerdings nur für die Vorbeugung eines manifesten Diabetes bei Prädiabetes. Ist die Zuckerkrankheit einmal manifest, senken Gewichtsabnahme und mehr körperliche Bewegung die Sterblichkeit an Herz-Kreislaufereignissen nicht mehr. Rechtzeitig vorbeugen heißt also die Devise, die anlässlich des Welt-Diabetes-Tages einmal mehr in das Bewusstsein der Bevölkerung verankert werden soll.

Die Österreichische Diabetes Gesellschaft (ÖDG) macht sich stark für die Prävention. Schon im Vorfeld des diesjährigen Welt-Diabetes-Tages am 14. November beantwortete ihr Präsident, Prof. Dr. Dr. h.c. Heinz Drexel „7 Wichtige Fragen“ zur Diabeteserkrankung: Dreht sich alles um Zucker? Schützt die Cholesterinsenkung die Gefäße bei Diabetes? Was bringt Bewegung? Was sind die neuen Konzepte der Behandlung der Krankheit? Was macht die ÖDG? Wann ist Welt-Diabetes-Tag? Und eine gar nicht unwichtige Verständnisfrage: Erhöht oder erniedrigt eine gute Behandlung das Vorkommen einer (chronische) Erkrankung? Um die Beantwortung der siebenten Frage gleich an den Anfang zu stellen – eine gute Behandlung führt dazu, dass die chronische Erkrankung häufiger wird. Drexel: „Dies gilt 2013 ganz besonders für Diabetes mellitus!“ Denn wenn die Sterberate durch eine gute Behandlung einer Erkrankung sinkt, leben immer mehr Menschen mit dieser Erkrankung – die Prävalenz steigt. Somit bedeuten die stets größer werdenden Zahlen Diabeteskranker , dass die Behandlung stets erfolgreicher wurde.

Zurück an den Anfang: Natürlich geht es beim Diabetes nicht nur um Zucker: „Der Blickwinkel ist, was langfristig die Gesundheit der Menschen schädigt“, so Drexel. Das sind die Blutgefäße, die kleinen und die großen. So werden die feinen Gefäße – etwa am Augenhintergrund – in einer nur beim Diabetes vorkommenden Art geschädigt. Nicht so bei der Makroangiopathie: Die Folgen einer Schädigung der größeren Gefäße sind Herzinfarkt und Schlaganfall. Diese sind bei Menschen mit Diabetes zwei- bis dreimal häufiger als bei jenen ohne Diabetes. Etwa zwei Drittel der Diabetespatienten sterben an Herz-Kreislauferkrankungen. Nicht der erhöhte Blutzuckerspiegel ist dafür verantwortlich, wichtiger scheint d eine Störung des Fettstoffwechsels.

Cholesterinsenkung

Forschungsergebnisse des VIVIT Instituts in Feldkirch konnten zeigen, dass andere Folgen der Insulinresistenz, nämlich eine Fettstoffwechselstörung, die durch niedriges gutes HDL Cholesterin und hohe Triglyzerid-Fettwerte im Blut gekennzeichnet ist, das Risiko für Herz-Kreislauf-Ereignisse besser anzeigen als erhöhte Blutzuckerwerte. Dazu passend sind auch die Ergebnisse zweier großer neuer Studien, die kürzlich auf der Jahrestagung der Europäischen Herzgesellschaft vorgestellt wurden, der EXAMINE und der SAVOR Studie. Diese beiden Studien verglichen die Häufigkeit Herz-Kreislauf-Ereignisse bei Patienten, die mit den neuen Blutzucker-senkenden Medikamenten Alogliptin (EXAMINE) bzw. Saxagliptin (SAVOR) behandelt wurden, mit der Häufigkeit von Herz-Kreislauf-Ereignissen bei Patienten, die ein Placebo erhielten. Es zeigte sich, dass die neuen Diabetes-Medikamente zwar gut verträglich und sicher waren, dass sie aber Herz-Kreislaufereignisse nicht verhindern konnten.

Nach wie vor sind diese Medikamente natürlich sehr wichtig zur Senkung des Blutzuckers und zur Verhinderung von Schäden der kleinen Gefäße, sie sind aber keine Allheilmittel: Da die Erkrankung der großen Gefäße nicht in erster Linie durch hohen Blutzucker verursacht wird, sondern durch überhöhte Blutfettwerte, kann eine Blutzuckersenkung in dieser Hinsicht auch nicht so viel bewirken. Eine konsequente Senkung des „schlechten“ LDL-Cholesterins kann Herzinfarkte und Schlaganfälle bei Diabetes jedoch effizient verhindern. Deshalb fordert die ÖDG für alle Patienten mit Typ-2-Diabetes ein niedriges LDL-Cholesterin von ‹70 mg/dl.

Vorbeugend bewegen

„Fitness und Übergewicht wirken in Bezug auf das Diabetesrisiko zusammen“, erklärt Doz. Dr. Christoph Säly, Vorstandsmitglied und Erster Sekretär der ÖDG und am LKH Feldkirch tätig. Vor allem Übergewicht in Kombination mit mangelnder Fitness wirkt negativ. Es erscheint naheliegend, die Entstehung von Diabetes durch mehr Bewegung und durch Kontrolle des Körpergewichts zu verhindern und die Prognose von Patienten mit Diabetes durch diese Maßnahmen zu verbessern.

Dass dem Entstehen von Diabetes durch Lebensstilmaßnahmen entgegen gewirkt werden kann, ist klar bewiesen und wird in aktuellen Studien bestätigt. Bei übergewichtigen Patienten mit hohem Diabetes-Risiko konnten die finnische Diabetes Prevention Study und das Amerikanische Diabetes Prevention Programme eine über 50-prozentige Reduktion von Diabetes-Fällen durch Bewegung und moderate Gewichtsabnahme von drei bis sieben Kilogramm zeigen.

Look AHEAD

Kann aber auch die Prognose von Patienten mit bereits bestehendem Diabetes durch Bewegung und Gewichtsabnahme verbessert werden? Eine kürzlich veröffentlichte Studie, Look AHEAD, scheint das infrage zu stellen. In diese Studie wurden etwa 5.000 übergewichtige Patienten mit Diabetes entweder einer Gruppe mit intensiver Lebensstil-Intervention oder einer Kontrollgruppe zugeteilt. Die Patienten in der intensiver behandelten Gruppe wurden sechs Monate lang wöchentlich zu Ernährung und Bewegung beraten, und dann über vier Jahre monatlich. Ziel war es, eine zehnprozentige Abnahme des Körpergewichts zu erreichen. Die Kontrollgruppe wurde nur in drei Gruppensitzungen pro Jahr beraten. Das Risiko für Herz-Kreislaufereignisse unterschied sich über einen Beobachtungszeitraum von zehn Jahren nicht signifikant zwischen diesen beiden Behandlungsarten.

Prävention hat Vorrang

Die Look AHEAD Studie zeigt, wie schwierig es ist, einen Effekt von Lebensstilmaßnahmen auf das Auftreten von Herz-Kreislauf-Ereignissen bei bereits erkrankten Diabetes-Patienten zu erreichen. Besser wirksam sind Bewegung und Ernährung in der Prävention von Diabetes. Der Diabetes-Erkrankung vorzubeugen ist nicht nur besser, sondern auch leichter möglich als das Verhindern ihrer Komplikationen.

Innovative Therapiekonzepte

In den neuen Leitlinien der ÖDG kommt die Unterschiedlichkeit der Diabeteserkrankungen zum Ausdruck. Grundlage für eine optimale individuelle Therapie ist ein breites Spektrum unterschiedlich wirkender Arzneien. Medikamente, die ähnlich wie das körpereigene glucagon like peptide 1 (GLP-1) wirken, senken den Blutzucker effizient und sind mittlerweile in der Behandlung von Diabetespatienten gut etabliert. Sie haben den besonderen Vorteil, dass bei vielen Patienten zusätzlich zur Blutzuckersenkung eine Gewichtsabnahme erzielt werden kann ( viele ältere Diabetesmedikamente führen zur Gewichtszunahme).

Ähnlich wirken Hemmer des Enzyms Dipeptidyl-Peptidase (DPP-4), die den Abbau von körpereigenem GLP-1 hemmen und so dessen Wirksamkeit steigern. Zwei Medikamente dieser Gruppe wurden in den beiden Studien EXAMINE und SAVOR untersucht.

Neu auf dem heimischen Markt ist ein Medikament aus der Gruppe der SGLT-2-Hemmer. Diese Medikamente setzen an der Niere an. Die Niere transportiert über SGLT-2 (einen Transporter-Mechanismus) Zucker vom Harn zurück ins Blut und senkt dadurch die Ausscheidung von Zucker. Durch Hemmung dieses SGLT-2 wird weniger Zucker zurück ins Blut transportiert, die Zuckerausscheidung im Harn (und damit die Kalorienausscheidung) steigt und der Blutzuckerspiegel sinkt.

Ein interessantes neues Medikament wird in absehbarer Zeit auch zur Behandlung von hohem Cholesterin zur Verfügung stehen. Durch Hemmung des Enzyms PCSK-9 sind sehr starke Senkungen des LDL-Cholesterins möglich, die Wirksamkeit eines Medikaments dieser Gruppe zur Verhinderung von Herz-Kreislauf-Ereignissen wird derzeit in großen Studien untersucht, an denen auch Patienten aus Österreich teilnehmen.

Blue Monument Challenge

Seit 2008 wird am Welt-Diabetestag zur „World Diabetes Day Monument Challenge“ aufgerufen, die von der International Diabetes Federation initiiert wurde: Öffentliche Gebäude erstrahlen in Blau. Auf Initiative der ÖDG sollen auch in Österreich Gebäude blau erstrahlen. Das Ars Electronica Center in Linz, das Bregenzer Festspielhaus und Congress Salzburg werden ihre Fassaden am 14. November im blauem Licht zeigen.

Quelle: Journalistenseminar der ÖDG zum Welt-Diabetes-Tag 2013

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