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Mag. Barbara Lamm, Arbeitspsychologie, Arbeitsmedizinischer Dienst AMD, Linz
 
Praxis 10. Juni 2013

Kurzintervention zur Lebensstiländerung

Ein Paradoxon, ein Geheimnis oder simple Tatsache: Kann mit wenigen Worten eine Lebensstiländerung erreicht werden?

Mediziner und medizinische Assistenzkräfte sehen sich häufig mit der Herausforderung konfrontiert, Personen von einer Lebensstiländerung zu überzeugen.

Für die Experten offensichtliche Sachverhalte werden von den Patienten nicht bzw. anders wahrgenommen oder gar abgelehnt. Beispielsweise passiert es immer wieder, dass verärgerte Patienten den Arzt wechseln, nachdem dieser ihnen aufgrund eines auffälligen Befundes geraten hat, „doch einfach mit dem Rauchen aufzuhören“. Ähnliches Abwehrverhalten kann beispielsweise bei übergewichtigen Personen die Empfehlung zur Gewichtsreduktion auslösen, genauso wie die Empfehlung, Schutzausrüstung im arbeits- und sicherheitstechnischen Bereich (z. B. Gehörschutz, Sicherheitskleidung) zu verwenden.

Warum führt diese Form von Kurzintervention oft nicht zum gewünschten, sondern eventuell sogar zu einem gegenteiligen Verhalten? Ein wichtiger Grund dafür ist, dass der Mensch häufig in seiner Gesamtheit nicht wahrgenommen wird. Die moderne Wissenschaft, sowie neuere Definitionen von Gesundheit, betrachten den Menschen als Gesamtsystem biologischer, psychologischer und sozialer Einflüsse. So postuliert beispielsweise Prof. Dr. Bernhard Badura: „Gesundheit ist eine Fähigkeit zur Problemlösung und Gefühlsregulierung, durch die ein positives seelisches und körperliches Befinden – insbesondere ein positives Selbstwertgefühl – und ein unterstützendes Netzwerk sozialer Beziehungen erhalten oder wieder hergestellt wird.“

Reaktanz: Widerstand und Abwehr

Sobald Experten jemanden mit der Realität konfrontieren („Ihre Gesundheit ist stark gefährdet“) bzw. mit gut gemeinten Ratschlägen („Hören Sie zu Rauchen auf!“, „Tragen Sie Gehörschutz!“) argumentieren, sprechen sie dadurch immer die Gesamtheit des Menschen an, d. h. nicht nur die körperliche Gesundheit, sondern auch emotionale, psychische oder soziale Aspekte im Menschen. Genau diese Anteile tragen häufig dazu bei, dass betroffene Personen den gesundheitsgefährdenden Lebensstil aufrechterhalten. So tragen sie z. B. den Gehörschutz nicht, weil sie ihr Aussehen damit als peinlich (sozialer Aspekt) bzw. die Ohrenschützer als unangenehm empfinden (psychischer Aspekt). Das Rauchen wird beibehalten, weil es als Genuss in Gesellschaft (sozialer Aspekt) bzw. als Entspannung (psychischer Aspekt) erlebt wird.

Fehlen alternative Verhaltensstrategien, um die mit dem Problemverhalten verbundenen sozialen und psychischen Motive zu adressieren, scheint eine abwehrende Haltung gegenüber einer Lebensstiländerung nicht überraschend. Die Theorie der psychologischen Reaktanz beschreibt genau dieses Phänomen: Fühlt sich ein Mensch in seiner persönlichen Freiheit eingeschränkt oder herausgefordert, so führt dies dazu, dass der Status quo zumindest verteidigt oder das „Problem“-Verhalten sogar noch verstärkt wird.

Begeisterung ist Doping fürs Gehirn

Um die an das gesundheitsschädigende Verhalten geknüpften psychischen und sozialen Motive zu analysieren und Strategien im Umgang damit zu erarbeiten, fehlen im medizinischen Alltag häufig die Zeit und die vertiefende Kompetenz. Wie kann dennoch ein Hebel bei der betroffenen Person gefunden werden, der zumindest einen Nachdenkprozess in Gang setzt?

Einen Menschen anzuregen, neue Erfahrungen zu machen, sich neuen Lebensweisen, Sichtweisen und Inhalten zu öffnen oder sich diese gar anzueignen, braucht es – so der bekannte Neurobiologe Prof. Dr. Gerald Hüther – vor allem eines: Begeisterung!

Wenn sich ein Mensch (wie ein Kind) mit Begeisterung etwas widmet, das er als subjektiv bedeutsam erlebt, findet laut moderner Hirnforschung ein Prozess der „Potenzialentfaltung“ statt, in dem durch Ausschüttung von neuroplastischen Botenstoffen neue neuronale Verknüpfungen entstehen.

Begeisterung, nach Hüther gleichzusetzen mit „Doping für das eigene Gehirn“, lässt sich jedoch nicht einfach durch gut gemeinte Ratschläge verordnen. Sie lässt sich aber wecken, z. B. durch eine motivierende Gesprächsführung, die den Menschen in seiner bio-psycho-sozialen Gesamtheit wahrnimmt und sich auf das Hervorbringen der intrinsischen Motivation konzentriert.

Die wichtigsten Aspekte einer motivierenden, klientenzentrierten Gesprächsführung, die auch in kurzen Patientenbegegnungen gute Anwendung finden, sind (nach Carl Rogers):

  • Empathie: einfühlendes Verständnis in die aktuelle Situation der Person
  • unbedingte Wertschätzung: nicht wertendes Akzeptieren individueller Sichtweisen, Haltungen, auch wenn sie mit den Ansichten der Fachexpertise nicht übereinstimmen; dem Patienten „auf Augenhöhe“ begegnen
  • Kongruenz, Echtheit: Wenn die eigene innere Haltung das Gesagte nicht widerspiegelt, bleibt es sehr wahrscheinlich ineffektiv.

Eine motivierende Gesprächsführung lässt sich durchaus als Kunst beschreiben, welche der Aneignung von Techniken, Übung sowie kritischer Selbstreflexion des Anwenders bedarf. Beherrscht man diese Kunst, kann sie mit nur wenigen Worten sehr effektiv wirken und bedeutsame Prozesse in Gang setzen, wenngleich sie kein Allheilmittel für alle Situationen darstellt.

In einer Metapher (nach Jeff Allison) lässt sich die motivierende Gesprächsführung wie folgt zusammenfassen: „Sie ist wie tanzen. Anstatt miteinander zu ringen, bewegen sich die Personen in einem harmonischen Zusammenspiel. Gute Führung ist dabei oft wenig offensichtlich, sondern sanft, flexibel und einfallsreich.“

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