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Ein auf vier Stunden verkürzter Nachtschlaf bringt dieselbe Reaktionsverschlechterung wie 0,5 Promille Alkohol im Blut.
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8,6 Prozent aller Berufskraftfahrer erfüllen die Risikofaktoren für eine obstruktive Schlafapnoe, eine der häufigsten Ursachen für Tagesmüdigkeit.

 
Neurologie 4. März 2013

Morpheus on the road

Der Schlaf ist der kleine Bruder des Todes – nirgends ist dieser Satz zutreffender als am Steuer eines Kraftfahrzeuges.

Im Vorjahr kamen laut vorläufiger Zahlen 522 Personen auf Österreichs Straßen ums Leben. Zwölf Prozent dieser tödlichen Verkehrsunfälle ereigneten sich aufgrund von Ablenkung, 4,9 Prozent aufgrund von Übermüdung und 4,1 Prozent sind auf Herz-/Kreislaufversagen oder akute Erkrankungen zurückzuführen. Die Dunkelziffer dürfte jedoch wesentlich höher sein, insbesondere bei der Unfallursache Übermüdung. Experten gehen davon aus, dass bis zu 30 Prozent aller tödlichen Verkehrsunfälle auf Müdigkeit zurückzuführen sind.

„Besonders auf Routinestrecken passieren häufig Unfälle durch mangelnde Aufmerksamkeit und Müdigkeit“, sagt Doz. Dr. Wolfgang Staffen, Univ.-Klinik für Neurologie der PMU Salzburg. „Wer während der Fahrt telefoniert, produziert um 40 Prozent mehr Fahrfehler. Ein auf vier Stunden verkürzter Nachtschlaf bringt dieselbe Reaktionsverschlechterung wie 0,5 Promille Alkohol im Blut.“

Aufmerksamkeit und Konzentration können durch verschiedenste Einflüsse beeinträchtigt sein und werden in der täglichen Routine, z. B. beim Fahren auf gewohnten Strecken deutlich unterschätzt. Einerseits spielt dabei ein höheres Alter eine gewisse Rolle. Die Hauptprobleme entstehen jedoch durch Ermüdung und Ablenkung.

Nächtliche Fahrten im Test

Mag. Marion Seidenberger, ÖAMTC-Verkehrspsychologin und Gerhard Klösch, MSc, Vorstand des Instituts für Schlaf-Wach-Forschung in Wien, widmeten sich den Gefahren des nächtlichen Autofahrens.

In einer groß angelegten Studie wurde nächtliches Fahrverhalten erforscht. Zwei Probanden-Gruppen absolvierten zwischen 2:00 und 4:00 Uhr nachts Testfahrten unter möglichst realistischen Fahrbedingungen. Eine Gruppe („Napper“) durfte eine 30-minütige Pause einlegen. Die andere Gruppe, die „Durchfahrer“, musste die ganze Testzeit hindurch ohne Pause fahren. Die Netto-Fahrzeit war für beide Gruppen gleich lang. Das Fahrverhalten der Teilnehmer wurde mittels GPS-Peilsendern und Videokameras aufgezeichnet (zur Geschwindigkeitsfeststellung und zur Bestimmung des Spurverhaltens). Mithilfe tragbarer EEG-Geräte wurde die Hirnaktivität kontinuierlich aufgezeichnet. Das Verhalten der Testpersonen wurde mit Videokameras gefilmt (Gesicht und Körperbewegungen).

Die Datenaufzeichnungen von 59 Autofahrern ergaben, dass bei allen Fahrern nahezu zeitgleich im 30-Minutentakt abwechselnd die gleichen „Aktivitätsphasen“ (Gähnen, Drehen und Neigen des Kopfes, Lautäußerungen wie Selbstgespräche oder Singen, Hin- und Herrutschen des Oberkörpers, unruhige Hände) und „Inaktivitätsphasen“ auftreten. Nach einem Maximum an Bewegung zu Fahrtbeginn tritt eine Art Starre ein, die dann wieder durch eine Bewegungsphase abgelöst wird. Bei allen Fahrern haben diese Bewegungen, die dazu dienen sich wach zu halten, mit der Fahrdauer kontinuierlich zugenommen.

Durchfahrer versus Napper

63 Prozent der „Napper“ sind während der Pause nachweislich (bestimmt mithilfe des EEGs) eingeschlafen. 10 Prozent erreichten das Schlafstadium N1 (Dösen), 43 Prozent der Fahrer fielen in Leichtschlaf (N2) und 10 Prozent erreichten sogar das Tiefschlaf-Stadium N3, ein untrügerisches Zeichen für einen hohen Schlafdruck. Egal, ob geschlafen oder nur gerastet wurde: Die Befragung ergab, dass die „Napper“ danach das Gefühl hatten, die Müdigkeit abgebaut zu haben. Sie waren besserer Stimmung, was das Fahrverhalten positiv beeinflusste.

Verkehrszeichen übersehen

Während der Testfahrt wurden überraschend Verkehrszeichen jeweils für die Dauer weniger Fahrrunden an den Streckenrand gestellt. Mehr als 16 Prozent der „Durchfahrer“ haben diese komplett übersehen. Ein Fehler, der in der Gruppe der „Napper“ nicht passierte.

Ähnliche Ergebnisse lieferte die Messung der Reaktionszeit nach der Testfahrt: Auch hier übersahen die „Durchfahrer“ mehr der dargebotenen Reize. „Bei längeren Nachtfahrten kann es zu gefährlichen Wahrnehmungsproblemen kommen. Selbstüberschätzung ist dabei ein großes Problem, denn Anzeichen von Übermüdung werden oft ignoriert“, so Seidenberger.

Schlafstörungen und Tagesschläfrigkeit

„Nahezu 30 Prozent der Österreicher geben an, an Tagesmüdigkeit bzw. -schläfrigkeit zu leiden“, berichtet Prof. Dr. Bernd Saletu, Leiter des Instituts für Schlafmedizin am Rudolfinerhaus, Wien. Psychisch oder organisch bedingte Insomnien, Hypersomnien, Schlaf-Wach-Rhythmusstörungen (z. B. Schichtarbeitersyndrom, Jet Lag oder vorverlagertes Schlafphasensyndrom, das häufig bei älteren Menschen auftritt) und Parasomnien (mit Schlaf einhergehende Funktionsstörungen, z.B. Schlafwandeln, Alpträume, Zähneknirschen) können die Ursache für Tagesmüdigkeit sein.

„Nichtorganische Hypersomnie ist gekennzeichnet durch eine übermäßige Schlafneigung und Schlafanfälle tagsüber, die nicht durch unzureichende Schlafdauer erklärbar sind“, erklärt Saletu. Gleichzeitig fehlen charakteristische Narkolepsie-Symptome wie Kataplexie, Halluzinationen und Schlafparalyse. Die Ursachen können Belastungs-, Anpassungs- und affektive Störungen sein, oder auch die Einnahme oder der Entzug von Substanzen, die auf das Zentralnervensystem wirken. An Narkolepsie selbst leiden nur etwa 0,05 bis 0,1 Prozent der Bevölkerung.

„Eine exakte Diagnose mittels subjektiver und objektiver Messverfahren ist von entscheidender Bedeutung für die Auswahl psychotherapeutischer, somatischer oder medikamentöser Behandlungsverfahren“, betont Saletu.

Schnarcher aufgepasst

Eine besonders häufige Schlaferkrankung ist das obstruktive Schlafapnoe-Syndrom. Betroffene leiden an Atemstillständen während des Schlafs. Tagsüber macht sich der nächtliche Sauerstoffentzug durch Tagesmüdigkeit und Tagesschläfrigkeit bemerkbar. „Das Risiko für Verkehrsunfälle ist bei Patienten mit obstruktiver Schlafapnoe drei- bis siebenmal höher“, so Saletu. Zusätzlich kann obstruktive Schlafapnoe auch zu Hypertonie, Herzkrankheiten und Schlaganfällen führen, weswegen nicht nur Autofahrer unbedingt einer Therapie zugeführt werden sollten. Die Behandlungsmöglichkeiten von Schnarchen und schlafbezogenen Atmungsstörungen reichen von verhaltensmedizinischer Beratung über medikamentöse, pneumologische und kieferorthopädische Interventionen bis hin zu operativen Eingriffen.

Aufmunterung

Gerhard Blümel, Leiter der Berufsfahrer Akademie der ÖAMTC Fahrtechnik, schilderte das Problem „Übermüdung am Steuer“ aus der Sicht von Berufsfahrern: „Es wird erwartet, dass Berufsfahrer 24 Stunden am Tag fehlerfrei agieren. Dabei haben sie oft große Fahrdistanzen zu bewältigen, meist zu ungünstigen Dienstzeiten.“ Monotone Strecken führen rasch zu Müdigkeit am Steuer. Diese macht sich unter anderem durch folgende Anzeichen bemerkbar: Gähnen, häufiges Augenzwinkern und Blendempfindlichkeit. Es kommt zu Schwierigkeiten beim Spurhalten, zu dichtem Auffahren, häufigem Verschalten und verlangsamter Reaktion.

Um Ermüdung am Steuer zu vermeiden, sollte vor einer Fahrt so viel wie möglich geschlafen werden – etwa acht Stunden. Außerdem rät Blümel zu regelmäßigen Pausen alle zwei Stunden etwa 15 Minuten. Bei ersten Anzeichen von Müdigkeit sei umgehend der Abstand zu vergrößern und das Tempo zu verringern. Kurzfristige Aufmunterungstechniken während der Fahrt sind: aufrechtes Sitzen (Innen-Spiegelkontrolle), den Kopf und die Wirbelsäule Richtung Fahrzeugdach strecken oder gegen die Kopfstütze drücken.

Am besten ist allerdings eine kurze Schlafpause von 20 bis 30 Minuten, um wieder ausgeruht weiterfahren zu können. Auch zu üppiges Essen verstärkt die Müdigkeit, daher empfiehlt Blümel vor allem in der Nacht und am frühen Morgen leichte Kost.

Eine wichtige Rolle zur Verhinderung von Unfällen durch Übermüdung kommt laut Blümel Assistenzsystemen zu. So warnen beispielsweise Fahrerwarnsysteme bei verdächtigem Spurverhalten durch Blinklicht und ein akustisches Signal vor Ermüdung und Unachtsamkeit.

In einer quantitativen Erhebung wurde übrigens festgestellt, dass 8,6 Prozent aller Berufskraftfahrer die Risikofaktoren für eine obstruktive Schlafapnoe erfüllen. Von den befragten Personen gaben 74,6 Prozent an, diese Krankheit nicht zu kennen.

Polizei hat nur wenig Handhabe

Für Klaus Scherleitner von der Landespolizeidirektion Oberösterreich ist die polizeiliche Überwachung der Fahrtauglichkeit in Bezug auf Müdigkeit und Ablenkung eine Herausforderung.

Laut BMI-Statistik waren im Jahr 2012 etwa fünf Prozent der tödlichen Verkehrsunfälle in Österreich auf Übermüdung zurückzuführen. Unfall-Tiefenanalysen ergaben jedoch, dass zumindest sieben Prozent der tödlichen Verkehrsunfälle im gesamten Straßennetz bzw. 16 Prozent der tödlichen Verkehrsunfälle auf Autobahnen und Schnellstraßen auf Müdigkeit zurückzuführen sind.

Die große Problematik liege allerdings in der Feststellung bzw. Quantifizierung der Müdigkeit bei der Verkehrskontrolle vor Ort. Auch die gesetzliche Bestimmung, wonach einem Kraftfahrzeuglenker, aus dessen Verhalten deutlich zu erkennen ist, dass er aufgrund eines „außergewöhnlichen Ermüdungszustandes nicht mehr die volle Herrschaft über seinen Geist und Körper besitzt“ lässt einen Interpretationsspielraum zu bzw. hat der Polizist schlussendlich vor Ort zu entscheiden, ob die Übermüdung des Lenkers vorliegt oder nicht. Eine Vorführung zu einem zuständigen Arzt ist rechtlich nicht vorgesehen.

Pupillomat

Während es zu Alkohol, Suchtgiften und Medikamenten und bei der Ablenkung in Teilbereichen praktikable gesetzliche Bestimmungen gibt, ist es bei der Übermüdung umso schwieriger, polizeilich vorbeugend aktiv zu werden. Einen Lösungsansatz sieht Scherleitner im Pupillomat, einem Alkomat für müde Lenker. Dieses für Straßenkontrollen taugliche Untersuchungsgerät gibt Auskunft über den Grad der Müdigkeit. 2005/2006 wurde es in Oberösterreich an Freiwilligen, vorwiegend Berufskraftfahrern, zu unterschiedlichen Tages- und Nachtzeiten getestet.

Bei der Untersuchung werden Pupillendurchmesser und Reaktionsgeschwindigkeit vermessen. Als Maß für die Müdigkeit wird der relative Pupillen-Unruhe-Index ermittelt. Bei der Versuchsreihe wurden 20 Prozent der Lenker als übermüdet, 30 Prozent als kontrollbedürftig und 50 Prozent als normal bzw. fahrtauglich eingestuft.

Die Untersuchung dauert allerdings ungefähr elf Minuten, was relativ aufwändig und verbesserungswürdig ist, meint Scherleitner. Grundsätzlich sei der Ansatz jedoch der richtige.

Ablenkung jeglicher Art

Obwohl entsprechende Vorschriften in den Verkehrsgesetzen teilweise vorhanden sind, ist eine vollständige Auflistung aller ablenkenden Faktoren im Gesetz nicht bzw. nur schwer möglich. Aus der Vielzahl ablenkender Faktoren beim Lenken von Fahrzeugen seien nur einige wenige angeführt: Rauchen, Essen, Bedienung von Handys und Navigationssystemen, Telefonieren (auch mit Freisprecheinrichtung!), Betreuung weinender Kinder, Schminken, Streiten etc. Auch wenn sich der Gesetzgeber – so wie in der momentan aktuellen 25. StVO-Novelle betreffend Telefonierverbot ohne Freisprecheinrichtung beim Radfahren – bemüht, bleiben immer noch jede Menge anderer, ablenkender und oft auch unfallkausaler Faktoren übrig.

Die Unachtsamkeit bzw. Ablenkung spielt nicht nur beim Lenken von Kraftfahrzeugen eine Rolle, wie Scherleitner betont, sondern speziell im städtischen Bereich auch bei den sonstigen Verkehrsteilnehmern: Fußgänger mit Kopfhörern, Inline-Skater etc.

In Unfallstatistiken scheinen als Unfallursachen die Begriffe „Unachtsamkeit/Ablenkung“ auf. „Laut BMI-Statistik waren z. B. im Jahr 2012 etwa zwölf Prozent der tödlichen Verkehrsunfälle in Österreich auf diese Gründe zurückführbar. Die Dunkelziffer dürfte entsprechend höher sein bzw. ist insbesondere bei der Aufnahme von Verkehrsunfällen mit Personenschaden die Tendenz feststellbar, dass die Unfallbeteiligten bei den Befragungen durch die Polizei nicht immer die Wahrheit angeben“, berichtet Scherleitner. Vielfach ist den Verkehrsteilnehmern auch gar nicht bewusst, dass sie durch ihre subjektiv als bedeutungslos eingestufte Unachtsamkeit schwere Unfallgeschehnisse auslösen können.  

„Mir passiert das nicht! Unfallursache:
Ermüdung – Ablenkung – Krankheit“
Symposium des ÖAMTC und der ÄKVÖ, Wien,
20. März 2013

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