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© Martin Burger
Hufschmied Peter Gerstner
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Oberbereiter A. Hausberger: „Wir reiten zum Wohl des Pferdes.“

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Aromatherapie im Lipizzaner-Solarium: C. Wittmann, J. Hamminger

 
Leben 11. Mai 2016

Kein Wien ohne Lipizzaner

Harte Hufe und belebtes Wasser: ein Besuch in der Hofreitschule bei Bereiter, Hufschmied und Aromatherapeutin.

Das imperiale Wien und seine Gäste – Anstellen unter der Michaelerkuppel für die Morgenarbeit der Hofreitschule. Eine spanische Touristin wirkt irritiert: Wo hier die Schlange sei, fragt sie auf Englisch. Ein deutscher Gast, der mit Dutzenden anderen vor dem Besuchereingang herumsteht, klärt auf. In Wien sei korrektes Schlange stehen unbekannt, ansonsten gehe es aber sehr elegant zu in dieser Stadt. „Ajá“, sagt die Spanierin nur und stellt sich mitten ins Menschen-Knäuel. Als ein Mitarbeiter um 9 Uhr das Besucherzentrum aufsperrt, betreten die Wien-Fans mit angemessener Ehrfurcht die heiligen Hallen.

Und Ehrfurcht ist angebracht. Bei der Morgenarbeit mit den Lipizzaner-Hengsten ist nämlich Andreas Hausberger zugegen. Hausberger ist seit 2007 Oberbereiter der Spanischen Hofreitschule, ein Star. Wie viele Vorstellungen er schon geritten ist? „Mehr als 1.000“. Eine stumme Rolle nehmen die Bereiter dabei nur für ihr Publikum ein: „Wir kommunizieren mit den Pferden, durch die Zügelhilfe, die Schenkelhilfe, die Gewichthilfe, diese drei Möglichkeiten habe ich, ganz still sind wir also nicht, auch wenn diese Form der Zwiesprache für das Publikum unsichtbar bleibt.“

Ein wirklich schwieriges Publikum gebe es nicht, sagt Hausberger, auch wenn auf den Rängen zu 99 Prozent Laien sitzen. „Wir reiten ja nicht fürs Publikum, wir reiten für uns, wir reiten dafür, dass wir die klassische Reitkunst am Leben erhalten. Wir wollen sie in ihrer höchsten Vollendung präsentieren, ich versuche, das Drumherum auszublenden. Ich konzentriere mich auf meinen Hengst, und mein Hengst konzentriert sich auf mich.“ Eben weil die klassische Reitkunst ein Ausbildungssystem sei, mit dem das Pferd befähigt werde, „durch systematische Durchbildung jedes Muskels den Reiter so lange wie möglich zu tragen, ohne dabei Schaden zu nehmen. Nur deswegen machen wir das. Wir reiten weder für ein Publikum, noch für eine Vorführung, sondern einfach zum Wohl des Pferdes“.

Nicht alle Lipizzaner sind beschlagen

Was sie noch über die Lipizzaner wissen sollten, bevor sie eine Vorführung besuchen? 110 Lipizzaner-Hengste sind derzeit im Einsatz oder in Ausbildung. Es gibt 16 Bereiter. Ein Hengst erreicht mit 20 bis 26 Jahren das Pensionsantrittsalter. Jeder fertig ausgebildete Hengst gilt als potenzielles Vatertier und darf decken. Alle fünf Wochen werden die Hengste beschlagen, viele müssen aber gar nicht beschlagen werden. Begründung: Die Hengste wachsen auf der Alm in Piber auf und entwickeln harte Hufe. Für die beschlagenen Lipizzaner gibt es keine Sonderanfertigungen, sondern marktübliche Ware, „zu schwer sollten sie halt nicht sein“, sagt Hausberger.

Dem Hufschmied der Lipizzaner, Peter Gerstner aus Bad Vöslau, geht die Arbeit also nicht aus. Als moderner Hufschmied führt er Hammer und Amboss stets im Kofferraum mit. Seine beiden Kastenwägen parkt er im Innenhof der Stallburg – Kennzeichen, no na: „Huf 1“ und „Huf 2“. Und irgendwo im Wiener Umland ist „Huf 3“ unterwegs.

Hufschmied ist heute wieder ein normaler Lehrberuf. Keine Selbstverständlichkeit, denn: „Bis vor 70, 80 Jahren gab es in jedem Dorf einen Hufschmied. Dorthin ist jeder mit seinen Zug- und Wagenpferden gekommen, mittlerweile hat sich das komplett gewandelt, es gibt nur mehr Sportpferde.“ Gerstner hat damit kein Problem, kommt er doch aus keiner Hufschmiedfamilie. Der Vater war Staatsdiener, Gerstner junior fing vor 30 Jahren als mobiler Hufschmied an. „Ich hatte nie eine Schmiede zu Hause.“ Gerstners Gehilfe wuchtet den tragbaren Amboss aus dem Wagen, der hintere Teil ist spitz-oval. Gerstner: „Damit kommt man eigentlich mit jeder Hufform zurecht.“ Spricht's und bringt das erste Lipizzaner-Hufeisen mit Hammerschlägen in Form.

Hinter Gerstner ist ein warmer roter Schein zu sehen, eines von drei Lipizzaner-Solarien. Die Lipizzaner sind Spitzenathleten. Diesen Hengsten müsse man Außergewöhnliches bieten, um sie bei Laune zu halten, sagt Oberstallmeister Johannes Hamminger, u. a. mit belebtem Wasser. „Wir haben die besten Erfahrungen damit, weil die Pferde mehr Wasser aufnehmen. Pferde haben ein sehr sensibles Verdauungssystem. Der Darm ist 17 m lang, und es ist ganz wichtig, dass sie genügend Wasser aufnehmen.“ Doch damit nicht genug, erhalten die Pferde auch ein spezielles Sportmüsli, das auf Leistung und Temperament des Tiers abgestimmt sei, sagt Hamminger. Der Fettanteil der Hengste werde regelmäßig kontrolliert, im Bedarfsfall leitet der Oberstallmeister eine Entschlackungskur ein und verabreicht Grünlandmüsli. Zu Mittag erhalten die Pferde verdauungsfördernden Leinsamen.

Hamminger scheint ein geduldiger Mann zu sein, die Geschichte von der Ausbildung und Verköstigung der Lipizzaner muss er schon Dutzende Male zum Besten gegeben haben. Doch er lässt sich nichts anmerken: Die Hengste kommen mit vier Jahren vom Gestüt in Piber auf 1.700 m hinunter in die pannonische Tiefebene. Auf dem Heldenberg in Niederösterreich (wo am 25. Juni 2016 eine Lipizzanergala stattfindet, www.derheldenberg.at/lipizzanergala-2016 /; Anm.) beginnen sie ihre Laufbahn, „wir haben das Glück, dass wir den Tieren ein Jahr Zeit geben können, sich an das Training zu gewöhnen, damit vermeiden wir zu große Belastungen“. Schon früh werden die Pferde auf die nervliche Belastung bei den Vorführungen, den Lärm und das Blitzlichtgewitter vorbereitet. Einzelne Tiere genießen den Rummel um ihre Person sogar, sagt Hamminger. „Es gibt schon Pferde, die den Soloauftritt mögen.“

Das Lipizzaner-Gestüt im steirischen Piber darf sich über eine Auszeichnung der UNESCO freuen: Das Wissen um die Zucht der weltbekannten weißen Hengste wurde in die Liste des nationalen immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Die Hofreitschule kommt damit zum zweiten Mal binnen kurzer Zeit in den Genuss einer UNESCO-Würdigung. Erst im vergangenen Dezember wurde die Tradition der klassischen Reitkunst mit dem immateriellen Welterbestatus ausgezeichnet.

Während die höflich lauschenden Besucher durch die Stallburg geführt werden, fließt der Betrieb um sie herum. Es herrscht professionelle Hektik im Stall. Hamminger ist hier der Ruhepol. Er spricht über Aromatherapie, gewissermaßen die Zuckerseite des Lipizzaner-Lebens. „Damit kann man kleine Blockaden lösen.“ Vielleicht liegt die Gemütsruhe des Oberstallmeisters auch am Lavendel-Duft, den Claudia Wittmann verströmt. Seit zwei Jahren ist die Aromatherapeutin mit ätherischen Ölen in der Stallburg zugange. „Ich lasse die Pferde in der Box drin, kontrolliere die Tiere beim Streicheln, ob sie wunde Stellen haben. Dann erst fange ich mit den Ölen an.“ Balance heißt das erste Öl, es erde, meint Wittmann. Sie schüttet einige Tropfen auf ihre Handfläche. Der Lipizzanerhengst daneben streckt schon die Zunge heraus und beginnt zu kauen. Gleich wird er Wittmann die Hand abschlecken. Die Bewegung überträgt sich auf den ganzen Körper des Tieres. Nach „Balance“ gibt es beruhigende Lavendelöl-Spritzer.

Die Ohren werden massiert, der Rücken beträufelt. „Lavendel ist sehr entspannend, es eignet sich auch als Hilfe beim Einsteigen in den Anhänger.“ Dieser Hengst sei besonders dankbar, „er nimmt jedes Öl gern an“, weiß Wittmann.

Das ist nicht bei allen Hengsten der Fall. Pfefferminzextrakt für eine bessere Atmung schmeckt nicht jedem Lipizzaner. Muss es auch nicht. Die Auswahl ist groß genug. Wie wäre es mit Rosmarin zum Stressausgleich oder schwarzem Pfeffer zur Stärkung des Immunsystems?

Ein ausgebildeter Lipizzaner hat einen Marktwert von etwa 500.000 Euro. Auch das mag ein Grund sein, dass die Gesundheit der Tiere dermaßen im Mittelpunkt steht.

Ein weiterer Grund ist der Tourismus: Die Wienerstadt ist ohne Pferde schlicht nicht vorstellbar. Das stellte u. a. das deutsche Wochenblatt Die Zeit fest. der Autor merkte an: „Stolz hält Wien an seinen Pferden fest. [...] In der Spanischen Hofreitschule führen Lipizzanerhengste ihre atemberaubenden ‚Ballettstückchen’ vor. Kapriolen und Pirouetten, die vor Jahrhunderten dazu dienten, diese enormen Fähigkeiten der Pferde in prekären Kriegssituationen zu nutzen – nun aber schon lange zu einer weltweit einzigartigen Perfektion an Dressurkunst gehören.“

Die renommierte Wochenzeitschrift verlieh der Hoffnung Ausdruck: „Möge das Pferdeherz der Stadt Wien weiter schlagen! Möge dieser Anachronismus uns lieb – und teuer sein!“

Apropos: Zum Erhalt der hohen Reit-Schule Wiens tragen auch die Kartenerlöse der Fête Impériale bei. Der Sommerball findet heuer am 24. Juni statt, übrigens bereits zum 7. Mal (siehe Gewinnspiel rechts).

Nicht nervös werden, wenn auf den Rängen die Hölle losbricht

Die Fremdenverkehrs-Weltstadt Wien und ihre Traditionsmarken. Die Lipizzaner sind die Kür des touristischen Pflichtprogramms. Eine Vorführung mit Buhrufen habe es noch nie gegeben, sagt Oberbereiter Hausberger. „Was ich allerdings schon oft mitbekommen habe, ist, dass das Publikum klatschen will, man hört schon, wie es knistert, weil sie so begeistert sind, und dann brechen sie einfach los, wenn etwa ein Abschnitt eines Programms zu Ende ist. Dann war schon oft die Hölle los, dann wird gestampft und geschrien, das Publikum springt auf. Dann muss der Hengst zu mir schon sehr viel Vertrauen haben, dass er das mitmacht – und ich auch zum Hengst.“

Spanische Hofreitschule

Wien 1, Josefsplatz 1, Tor 3

Tel.: +43(0)1533903113

www.spanische-reitschule.com

Lipizzaner Museum

Wien 1, Reitschulgasse 2

Tel.: +43(0)152524583

Täglich 9 bis 18 Uhr

http://bit.ly/1T09sfD

Die Lipizzaner der Spanischen Hofreitschule erhalten ein Ernährungs- und Wohlfühlprogramm wie Spitzensportler. Drei Solarien und ein individueller Futterplan mit speziellen Müsli-Mischungen sollen den teuren Hengsten das Leben im Scheinwerferlicht so angenehm wie möglich machen. Die Menschen, die in der Stallburg den Betrieb am Laufen halten, stehen im Schatten der Pferdestars. Was den Oberbereiter nicht stört: „Wir reiten zum Wohl des Pferdes“, sagt Andreas Hausberger.

Martin Burger, Ärzte Woche 19/2016

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