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Wie wird des weitergehen?

Perfektionismus führt Manager ins Burnout.

Überforderte Führungskräfte bereiten sich auf jeden Kundenkontakt akribisch vor. Ihr Perfektionismus macht sie blind für ihre Umgebung. Das Konzept der Achtsamkeit holt die Betroffenen zurück ins Hier und Jetzt.

„Ich gehe raus und mach‘ mein Ding.“ So cool wie der FC Bayern-Kicker Thomas Müller im Spiegel-Interview wäre wohl auch gern mancher Manager. Es ist längst bekannt, dass Spitzensportler mehr leiden als sie zugeben. So wie es auch vielen Managern im Lauf der Zeit immer schwerer fällt, die Fassade aufrecht zu halten. Das Hernstein-Institut für Management und Leadership hat sich mit dem Phänomen Burnout bei Führungskräften auseinandergesetzt und behauptet, dass es vor allem Junge betrifft.

Laut einer Umfrage des Instituts geben fast 50 Prozent der Befragten an, häufig gestresst zu sein. Ein Drittel sehe sich selbst als tendenziell Burn-out-gefährdet, fünf Prozent halten sich für akut gefährdet. Bei Personen mit ein bis drei Jahren Berufserfahrung bezeichne sich die Hälfte aller Führungskräfte als zumindest teilweise gefährdet. „Häufig werden Mitarbeiter aufgrund von fachlichen Kompetenzen befördert. Doch oft sind sie für die damit verbundene Übernahme von Personalverantwortung ungenügend vorbereitet“, erklärt Eva-Maria Ayberk, Leiterin des Hernstein-Instituts. Der beste muss nicht der richtige sein.

Dass Burnout ein junges Phänomen sein soll, kann Susanne Kamper, Dipl. Burnout-Prophylaxe-Trainerin, nicht bestätigen (siehe Interview unten). Sie meint, dass sich die meisten Führungskräfte bis zu 15 Jahre „durchbeißen“, bevor sie ein privater Schicksalsschlag endgültig aus der Bahn wirft.“

Übereinstimmend mit den Ergebnissen des Hernstein-Instituts sagt auch sie, dass die Betroffenen nie von selbst den Weg in ihre Therapiegruppe finden. 26 Prozent der Befragten werden laut Umfrage von ihrem persönlichen Umfeld auf eine mögliche Burnout-Gefahr hingewiesen, 14 Prozent mehrfach.

Herr R. ist so einer. Im Fachartikel „Schutzmechanismen gegen Burnout und Depression“ ( erschienen in der Zeitschrift „Neurologie & Psychiatrie“) beschreiben die Autoren Isabella Helmreich und Klaus Lieb den Fall eines 45-jährigen Projektmanagers in einem Marktforschungsinstitut. Soeben zum neuen Abteilungsleiter ernannt, muss er mit wichtigen Kunden aus den USA Englisch sprechen, was ihm gar nicht liegt. Und so bereitet er jedes Telefonat mit dem Kunden akribisch vor. Oft kann er nachts vor Kundengesprächen nicht schlafen. Er grübelt viel, ob er auch an alles gedacht und alle wichtigen Fachbegriffe auf Englisch parat hat. Deshalb trinkt er abends zur Beruhigung und zum Einschlafen noch ein bis zwei Bier. In der Früh fühlt er sich erschöpft.

„Perfektionismusfalle“ nennt Susanne Kamper das, was R. erlebt. Früher hat er gerne seine Mittagspause mit Kollegen verbracht, jetzt hat er keinen Appetit mehr und arbeitet lieber durch, obwohl in zu Mittag schon Kopfschmerzen quälen. Es fällt ihm immer schwerer sich zu konzentrieren. Freizeitaktivitäten schränkt er ein. Er vernachlässigt seine Familie, fühlt sich überfordert. Es kommt immer häufiger zu Spannungen, das Verständnis der Familie für die vielen Überstunden ist aufgebraucht. Seine Frau signalisiert ihm, dass er sich Hilfe suchen soll.

So erlebt auch Susanne Kamper den Erstkontakt mit ihren Klienten. Allein finde der Betroffene den Weg zu ihr nicht.

R. findet im Weiterbildungsprogramm seiner Firma das Angebot eines Resilienz-Tranings (Widerstandsfähigkeit). Der Zeitverlust schmerzt, aber er meldet sich an. Dort werden ihm drei Ebenen der Stressbewältigung vermittelt: Als äußere Stressoren identifiziert er die Verantwortung in der Arbeit, die ihn durch seinen individuellen Stressverstärker (Perfektionismus) überwältigt. Er lernt seine persönliche Stressreaktion (körperliche und psychische Symptome wie Kopfschmerzen, Reizbarkeit) zu erkennen und eigene dysfunktionale Coping-Strategien (Alkohol-Konsum). Ihm wird bewusst, dass er seinem Körper und auch seiner Seele keine Zeit mehr für Entspannung gönnt.

R. wird in das Konzept der Achtsamkeit eingeführt und lernt dieses im Alltag anzuwenden, im „Hier und Jetzt“ zu sein. Er bekommt Übungen wie er seine Resilienz stärken kann, er führt ein „Glückstagebuch“. Er überlegt, welche Werte ihm wichtig sind. Ein Augenöffner ist die Übung Grabspruch: „Er tat alles für seine Kunden und kaum etwas für seine Familie oder sich“. R. wird lockerer, zufriedener und ruhiger. Und wie es in dem Song von Wolfgang Ambros heißt: So heat des auf, so wird des weitergehn.

3 Fragen, 3 Antworten

„Burn-out wird von den Betroffenen sehr lange geheim gehalten“

Susanne Kampers Klienten kommen aus verschiedenen sozialen Schichten – vom Chef bis zur Putzfrau.

Warum schlittern Menschen ins Burnout?

Kamper: Die Überforderung und der Perfektionismus sind die größten Antreiber. Die Medien, die uns immer und überall verfügbar sein lassen, vergrößern diesen Druck extrem. Die Spitze des Eisbergs ist erreicht, wenn private Probleme dazu kommen. Es ist nie, bei keinem meiner Klienten, nur ein Symptom ausschlaggebend. Es gibt immer noch etwas in der Familie, das kommt relativ rasch raus. Die Betroffenen halten Burn-out sehr lange vor Arbeitgeber, Freunden und Familie geheim, man spricht nicht offen darüber.

Sie schreiben an einem Burnout-Buch, in das Sie Interviews mit Klienten einarbeiten. Können Sie uns einen Fall schildern?

Kamper: Einer meiner Klienten war ein Beamter in gehobener Position. Bevor er einen Akt oder Email abgeschickt hat, hat er das Schreiben immer wieder kontrolliert, weil ein Fehler, das ging bei ihm gar nicht. Der hat so lange an einer Aufgabe gearbeitet, bis sie für ihn perfekt war. Beim Eingangstest kam heraus, dass er mit Problemen überhaupt nicht umgehen konnte. Würden Sie zu dem sagen, dass sie einen kleinen Fehler gefunden haben, wäre für ihn eine Welt eingestürzt.

Betrifft das in erster Linie überforderte jüngere Führungskräfte?

Kamper: Nein, zehn bis 15 Jahre kämpfen sich die meisten durch. Der Schnitt in meiner Selbsthilfegruppe liegt bei über 40. Vorher geht es mit Tabletten und Schlafentzug, ab ca. 40 beginnt es. Bis dahin kann er es negieren. Aber dann kommt ein Problem zu viel dazu, vielleicht der Tod eines Familienmitglieds, die Ehe geht kaputt, und dann ist es vorbei. Die Leute, die auf Kur fahren, erholen sich sehr gut, aber sie wissen dann nicht, wie sie es in ihr Leben integrieren sollen.

Martin Burger, Ärzte Woche 23/2015

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