zur Navigation zum Inhalt
© vm/istockphoto
Es bedarf Gespür und Einfühlungsvermögen vonseiten des Therapeuten, damit Humor als fördernde und angstnehmende Kraft erlebt werden kann.
 

Heiterkeit wirkt (ansteckend)

Wie viel Humor verträgt eine Therapie, wie viel der Therapeut?

Ist eine psychiatrische Therapie angenehm, freundlich und professionell, fördert sie die Genesung des Patienten. Obwohl bisher nur wenige empirische Untersuchungen über Humor in der Behandlung psychisch Kranker vorliegen, so geben sie doch Hinweise, dass eine Therapie mit Humor erheblich lebendiger, kreativer und effizienter sein kann.

Lachen ist die beste Medizin, sagt der Volksmund und meint damit ein heiteres und fröhliches humorvolles Verhalten, welches Schmerzen, Beschwerden und Missgeschicke leichter ertragen lassen. Im 17. Jahrhundert war der bekannte englische Arzt Sydenham der Ansicht, dass die Ankunft eines guten Clowns einen heilsameren Einfluss auf die Gesundheit einer Stadt hat als 20 mit Medikamenten beladene Esel. Könnte es sein, dass diese Aussage nicht ganz so antiquiert ist? Wir haben immer mehr Medikamente und Möglichkeiten zur Beeinflussung der Krankheiten und beherrschen sie doch nur zu einem geringen Teil. Wenn Viktor Frankl bemerkt: „Nichts vermöchte die Umstellung gegenüber menschlicher Bedingt- und Gegebenheiten so heilsam zu gestalten wie der Humor“, so ist es nicht so abwegig, zu diskutieren, wie viel Humor bei der Behandlung psychisch Kranker sinnvoll sein könnte. Und wie steht es mit dem Therapeuten? Sradj & Srady schreiben treffend: „ Ein ängstlich um sein Ansehen, seine vermeintliche Autorität besorgter Arzt ist ebenso wenig zum dialogischen Humor fähig wie ein völlig verklemmter Patient und umgekehrt: ein um seine vermeintliche Würde bangender Patient ebenso wenig wie ein verklemmter Arzt“.

Humor und Psychiatrie: Quadratur des Kreises?

Den Psycho-Beruflern (Psychiater, Psychotherapeut, Neurologe, etc.) wird nachgesagt, dass sie alle verrückt oder zumindest eigenartig wären. Ein bekanntes Beispiel: Kennen Sie den Unterschied zwischen einem Neurotiker, einem Psychotiker und einem Psychiater? Der Neurotiker baut Luftschlösser, der Psychotiker wohnt darin und der Psychiater kassiert die Miete! Bei Psychiatern besteht zudem häufig die Angst, von den übrigen Medizinern nicht ernst genommen zu werden.

Die Psychiatrie beschäftigt sich mit Lachen oder Heiterkeit meist nur im Rahmen psychopathologischer Phänomene. Lautes Lachen wird als hysterisches Symptom gewertet, pathologisches Lachen als Enthemmungsphänomen motorischer Synergismen betrachtet und die „erschreckende Heiterkeit“ als Symptom einer akuten Manie. In kaum einer Veröffentlichung oder einem Lehrbuch der Psychiatrie der letzten Jahre werden Lachen, Heiterkeit oder Humor als menschliche Phänomene oder gar als Interventionsmöglichkeit genannt.

Sehr groß ist die Variationsbreite des Lachens: aggressiv, obszön, zynisch, skeptisch, ironisch, blasiert, verlegen, verzweifelt, beschämend, impulsiv, heiter und fröhlich. Lächeln kann rationale Distanz schaffen oder integrativ ansteckend sein. Vielfältig sind die Ursachen, die Lachen auslösen können, darunter auch heftige Emotionen wie Schock, Scham oder Angst. Humor kann sich im fröhlichen Lachen äußern und ist mit einer heiteren Grundstimmung verbunden. Er ist ein länger anhaltender Zustand, eine Gabe eines Menschen, „der Unzulänglichkeit der Welt der Menschen, den Schwierigkeiten und Missgeschicken des Alltags mit heiterer Gelassenheit zu begegnen, der sich nicht unterkriegen lässt, sondern über Widrigkeiten und Unzulänglichkeiten zu lachen vermag“. Nach Bönsch-Kauke lässt sich Humor definieren als ein zwischenmenschliches Verhalten und Erleben mit motivationalen, emotionalen, kognitiven, sozialen und Verhaltenskomponenten, wodurch Widerwärtiges und Widersprüchliches, Unergründliches und Unzulängliches im Zusammenleben spielerisch kreiert, erheiternd verstanden, kreativ und selbstbewusst aufgelöst werden. Humor ist eine sozialpsychologische Kompetenz. Er ist eine Lebenseinstellung mit einer heiteren und spielerischen Grundeinstellung zum Leben sowie eine distanzierte Nähe, die von Gefühlsreichtum getragen und ein schöpferischer Akt ist. Der Sinn für Humor kann eine angeborene Persönlichkeitseigenschaft sein, die es allerdings lebenslang zu pflegen und zu fördern gilt. „Etwas“ davon hat jeder, doch kann dieser sehr unterentwickelt sein und im Laufe des Lebens mehr oder weniger verloren gehen.

Fördernd oder hemmend?

Der Weg zum Psychiater fällt manchem Patienten schwer. Schamgefühle, Ängste vor Stigmatisierung und Diskriminierung, Gefühle des Ausgeliefertseins, aber auch Krankheitsuneinsichtigkeit sind häufige Gründe. Vorurteile verstärken diese Berührungsängste. Unter einer psychiatrischen Behandlung wird eine individuell ausgerichtete Pharmako-, Psycho- und Soziotherapie verstanden, die sich an evidenzbasierte Leitlinien hält. Hinzukommt der ökonomische Druck, mit möglichst wenig finanziellen Mitteln ein Maximum an psychischer Stabilität in möglichst kurzer Zeit und geringem Einsatz von Personal zu erreichen.

Viele Patienten leiden unter Selbstunsicherheit, Angst-, Scham- und Schuldgefühlen. Sie können ein Lächeln oder Lachen leicht missdeuten und als Missachtung ihrer Persönlichkeit oder ihres Leidens empfinden. Mancher Patient fühlt sich einfach „auf den Arm genommen“, seine Beschwerden nicht ernst genommen und ist gekränkt. Fühlt sich ein Patient durch die Beschwerden eher beschämt, kann dies zum Anlass werden, der Kränkung in der aktuellen therapeutischen Beziehungssituation nachzugehen und modellhaft eine andere Bewältigungsmöglichkeit zu erarbeiten. In der Therapie treffen in der aktuellen Beziehungssituation frühere Beziehungserfahrungen und gegenwärtige zusammen und sind bewusst oder unbewusst präsent. Eine humorvolle Bemerkung oder Interaktion des Therapeuten wirkt dann positiv, wenn ein Patient diese als solche erkennen und aufgreifen kann. Es bedarf eines großen Gespürs und Einfühlungsvermögen des Therapeuten, damit Humor als fördernde und angsthemmende Kraft erlebt werden kann. Witze machen oder Lachen kann zum Vertuschen eines unbefriedigend gelösten Problems dienen oder dieses noch verstärken. Eine Humorintervention kann sich spontan ergeben oder geplant sein. Niemals aber sollte sie erzwungen werden.

Echt und falsch

J.A. Bernhardt unterscheidet zwischen „falschem“ (unechtem) und „echtem“ Humor: „Ein vom Therapeuten ausgehender falscher Humor unterbindet eine positive Entwicklung des Patienten.“ Der Therapeut muss wissen, dass ein Patient unechtem Humor machtlos ausgeliefert ist, sich gekränkt, missverstanden und nicht ernst genommen fühlt. Hinter diesem unechten Humor eines Therapeuten können sich Ängste vor unangenehmen Themen verbergen oder aggressive Impulse gegenüber dem Patienten sowie eine Projektion eigener Probleme auf den Patienten. Mit diesem Humor lassen sich auch Gefühle des Patienten abwehren. Auswirkungen auf den Patienten können sein:

• Wiederholung von kränkenden und beschämenden Kindheitserlebnissen

• Unterdrückung von Ärger, ausgelacht zu werden, um nicht als humorlos zu gelten

• Verstärkung der Abwehr des Patienten durch Aufheiterungsversuche des Therapeuten

• Tendenz des Patienten, seine Probleme nicht ernst zu nehmen, kann so unterstützt werden.

Werden diese kränkenden Aspekte vom Therapeuten reflektiert und vermieden, wird eine Behandlung mit Humor lebendiger sowie kreativer sein und eine positive Lebenseinstellung gefördert werden. Wahrer Humor ist „niemals bagatellisierend oder selbstzerstörerisch“. Er ist ein kreativer Weg, das Leben bewältigen und auch über sich selbst lachen zu können, also sich selbst unter einem neuen Aspekt zu sehen. Es ist ein Vorurteil, zu glauben, dass man entweder mit Sinn für Humor geboren wurde oder verdammt sei, bis an sein Lebensende humorlos zu leben. Zudem kann sich der Verlauf einer Behandlung auch daran abzeichnen, wie der Sinn für Humor wächst. Jede humorvolle Bemerkung, die im Rahmen einer Behandlung gemacht wird, sollte daher die aktuelle Situation sowie die aktuelle Stimmung und die Auffassungsgabe eines Patienten genauso berücksichtigen wie dessen kognitiv-emotionale Reife.

Professionell oder menschlich?

Essenzieller Wirkfaktor in der psychotherapeutischen Behandlung ist der Therapeut selbst. Er benötigt die Fähigkeit, sich in die seelischen Vorgänge des Patienten hineinzuversetzen sowie echt beziehungsweise kongruent und engagiert zu sein. Nicht unerheblich sind seine Überzeugungen und Werte sowie seine Haltung und Wertschätzung beziehungsweise emotionale Wärme gegenüber dem Patienten. In Anwendung des Ausspruchs „alles zu seiner Zeit“ könnte man sagen, dass professionelles Handeln, ernstes oder humorvolles kein „entweder oder“ ist, sondern ein „sowohl als auch“ sein kann.

Gerade Situationen, in denen eine humorvolle Intervention für den Patienten kränkend ist, können als eine Möglichkeit aufgegriffen und reflektiert werden, um dem Patienten zu verdeutlichen, dass ein Fehler oder Fauxpas auch eine Chance sein kann. Ratschläge, Besserwisserei und Omnipotenzgefühle hemmen den Humor.

Ein humorvoller Therapeut kann leicht durch sein Verhalten oder seine Worte Patienten so beeinflussen, dass diese, um ihm zu gefallen, humorvoll reagieren. Manchmal kann auch ein Wettstreit entstehen nach dem Motto „Wer ist der Witzigere oder Humorvollere?“ Möglich ist natürlich, dass durch dieses Verhalten Konflikte nicht thematisiert, sondern verdrängt werden. Hinter Humor können sich auch vielerlei aggressive Impulse des Therapeuten, aber auch des Patienten verbergen, die dann nicht ausgesprochen werden. Eine weitere Gefahr ist, dass Therapeut und Patient ein Bündnis gegen Dritte eingehen, die dann gemeinsam „verlacht“ werden.

Wer nimmt schon „das Menschenrecht auf Irrtum“ für sich in Anspruch und bekennt offen, dass Irren menschlich ist. Balint spricht vom „Medikament Arzt“. Entscheidend ist, schreibt Balint, „die ganze Atmosphäre, in welcher Medizin verabreicht und genommen werde“ und an einer anderen Stelle: „In keinem Lehrbuch steht etwas über Dosierung, in welcher der Arzt sich selbst verschreiben soll; nichts über Form und Häufigkeit, nichts über heilende oder erhaltende Dosen“.

Der Psychiater/Psychotherapeut muss auf die spezifischen (seiner Ausbildung entsprechende Techniken) und unspezifischen (allen Therapieformen gemeinsame) Wirkfaktoren achten. Hierbei kommt ihm Modellfunktion zu. Wie gestaltet er das Setting? Wie gestaltet er die zwischenmenschliche Beziehung? Wie geht er mit einem Lachen eines Patienten um? Was macht er, wenn ihm zum Lachen ist? Der Patient befindet sich in einer mehr oder weniger motivierten Grundhaltung. Für ihn ist der Therapeut ein Modell. Bei der Behandlung ist Modelllernen ein wichtiger Aspekt, ob bewusst oder unbewusst. Humorvolle Interventionen müssen daher vom Therapeuten in der Behandlung nicht nur angewendet, sondern auch gelebt werden.

Wie man ein humorvoller Therapeut wird

Will man Humor als Heilmittel einsetzen, so muss der Therapeut über eine gute Portion „Humorfähigkeit“ verfügen. Er muss über sich selbst, seine eigenen Unzulänglichkeiten, Fehler und Menschlichkeiten lachen können, auch wenn sie ihm ein Patient vor Augen führt.

Natürlich können etwa durch Selbsterfahrung, Verringerung eigener Ängste und Durcharbeitung unbewusster persönlichkeitseinschränkender Konfliktbereiche Humorfähigkeiten entdeckt, gefördert und zum Beispiel durch „Lernen am Modell“ studiert werden. Balintgruppen eignen sich hierfür, da in diesen die Klärung von Beziehungssituationen im Mittelpunkt der Arbeit stehen, in der Arzt-Patient-Beziehung wiedererlebt und dadurch einer Beeinflussung zugängig werden. Anzuraten ist, selbst ein Humortraining oder ein Clown-Seminar zu besuchen. Grundsätzlich sollte der Therapeut aber auch das Spielerische im Leben erkennen, eigene Missgeschicke kreativ verarbeiten, komische Situationen genießen und nicht zuletzt auch über Witz- und Anekdotenbücher verfügen, in welchen er regelmäßig liest.

Humor ist ein „soziales Schmiermittel“ und verändert schlagartig angespannte Situationen und löst Beklemmungs-, Beschämungs- und Angstgefühle. Lachen als Ausdruck eines lebendigen Humors ist ansteckend! Diese Kompetenz scheint im Laufe des Lebens oft aufgrund vielfältiger negativer und belastender Erlebnisse so verdrängt worden zu sein, dass sie bei manchen kaum noch vorhanden ist.

Fazit für die Praxis

Eine psychiatrisch/psychotherapeutische Behandlung geschieht im Rahmen einer Beziehung. Ist sie angenehm, freundlich und professionell, fördert sie die Genesung. Gibt es derzeit auch nur wenig empirische Untersuchungen über den Einsatz von Humor in der Behandlung psychisch Kranker, so geben sie doch Hinweise darauf, dass diese mit Humor erheblich lebendiger, kreativer und effizienter sein kann. Es kommt auf die Dosis, das Einfühlungsvermögen und auf die Humorfähigkeit des Therapeuten an. Eine Behandlung verträgt so viel Humor wie der Therapeut hat, wie viel er zulassen sowie der Patient annehmen kann. Humor bedeutet Reifung und veränderte „ernstheitere“ Sichtweise auf Sorgen, Beschwerden und Störungen. Der Einsatz von Humor ist für Ärztinnen und Ärzte eine Herausforderung, die sie als Chance sehen und nützen sollten!

Rolf D. Hirsch betreibt als Facharzt für Nervenheilkunde, Geriatrie, Psychotherapeutische Medizin und Psychoanalyse eine Privatpraxis in Bonn, Deutschland.

Der ungekürzte Originalartikel „Wieviel Humor verträgt eine Therapie, wieviel der Therapeut?“ ist erschienen in „DNP - Der Neurologe und Psychiater“/2014, DOI 10.1007/s15202-014-0754-5, © Springer Verlag

Rolf D. Hirsch, Ärzte Woche 9/2015

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben