zur Navigation zum Inhalt
 
Pflege 29. September 2013

Sehbehinderung — eine Herausforderung im Krankenhausalltag

Für einen sehbehinderten oder blinden Menschen stellt die Bewältigung des täglichen Lebens in fast allen Bereichen eine größere Herausforderung dar, als für Menschen mit uneingeschränkter Sehkraft.

Besonders ein Krankenhausaufenthalt birgt für diese Menschen ein erhöhtes Stresspotenzial. Die im Leitbild der Klinik definierten Werte, wie ständige Innovations- und Lernbereitschaft, sowie Kreativität und kritisches Hinterfragen der Mitarbeiter aller Berufsgruppen führten dazu, dass die Pflegepersonen der Univ.-Augenklinik Graz im Jahr 2011 ein Projekt starteten, um für diese Menschen ein vertrauensbildendes Umfeld zu schaffen. Einfühlungsvermögen, Wertschätzung und das Verantwortungsbewusstsein im Handeln unseren Patienten gegenüber standen dabei im Vordergrund, um diese definierten Werte auch für die Patienten spürbar zu machen.

Der Besuch von Fortbildungen zum Thema „Sehbehinderung“, die Teilnahme an Exkursionen im Odilieninstitut Graz für alle Mitarbeiter der Pflege und die Erstellung eines Handbuches zum Thema „Kompetenter Umgang mit sehbehinderten und blinden Menschen“ für die Mitarbeiter und die Auszubildenden der Pflege waren Teile des Projektes.

Bei einem Krankenhausaufenthalt müssen sich die sehbeeinträchtigten, häufig auch betagten Patienten neben ihrer Erkrankung erst an die fremde Umgebung und an die vielen unbekannten Pflegepersonen gewöhnen. Sie sind mit den an sie gestellten Anforderungen oft überfordert. Besondere Herausforderungen für sehbeeinträchtigte und blinde Patienten sind das Zurechtfinden in der unbekannten Umgebung, die Informations- und Reizüberflutung und die aus ihrer Beeinträchtigung resultierende Kommunikationsschwierigkeit.

Unterschiedliche Anweisungen der Pflegepersonen führen zusätzlich zu Verunsicherung. Dadurch verringert sich das Gefühl dieser Patienten, den Krankenhausaufenthalt soweit wie möglich unabhängig und selbstbestimmt gestalten zu können.

Ein richtiges Einschätzen und Nachvollziehen der Bedürfnisse und Erwartungen von sehbehinderten und blinden Patienten erfordert von Pflegepersonen Kompetenz, Erfahrung und das Anwenden von Expertenwissen.

Umsetzung des Projektes

Die Pflegepersonen der Univ. Augenklinik stellten einen intensiven Kontaktaustausch mit Experten von Sehbehinderten- und Blindenbetreuungseinrichtungen her, nahmen an Seminaren und Sensibilisierungsworkshops mit Mobilitätstrainern teil und eigneten sich so Kompetenz und Sicherheit im Umgang mit diesen Patienten an. Somit ist es möglich, diesen Patienten professionelle Unterstützung in den Aktivitäten des täglichen Lebens zu geben und Auszubildende entsprechend anzuleiten.

Handbuch

Um die einzelnen Maßnahmen verständlich nachvollziehen zu können, entstand das Handbuch „Kompetenter Umgang mit sehbehinderten und blinden Menschen“ ( Abbildung 1 ). Dieses beinhaltet Maßnahmen zur ressourcenabhängigen Unterstützung in den zwölf Lebensaktivitäten im Krankenhaus nach dem Pflegemodell von Nancy Roper at al. und legt dabei besonderen Wert auf Wahrung der Selbstständigkeit und Sicherheit der Patienten. Unterstützt mit Bildern zu den einzelnen Lebensaktivitäten werden die einzelnen Maßnahmen für Mitarbeiter und Auszubildende der Pflege anschaulich und praxisnah vermittelt. Das Handbuch liegt in allen Bereichen der Klinik für die Mitarbeiter auf, ist dem klinikinternen Leitfaden für Auszubildende angefügt und über das Intranet abrufbar.

Die Umsetzung der Maßnahmen in die Praxis erfolgte nach einer Testphase von einigen Monaten und erwies sich von Beginn an als große Hilfestellung für die Mitarbeiter und die Auszubildenden, welche wiederum den Patienten zugutekommt.

Erfahrungen — Erkenntnisse

Sehbehinderte und blinde Patienten möchten vor allem selbstbestimmt handeln und den Krankenhausaufenthalt so weit wie möglich eigenständig bewältigen. Dazu gehört, dass sie ihren Fähigkeiten entsprechend kommunizieren und agieren können und richtig verstanden werden.

Eine ressourcenorientierte, professionelle Unterstützung in den Aktivitäten des täglichen Lebens, abgestimmt auf ihre Sehbeeinträchtigung, gewährt diesen Menschen einen stressreduzierten Krankenhausaufenthalt und sollte ein absolutes „Muss“ für alle Pflegepersonen sein.

Pflegerische Kompetenzen

Erstkontakt

Bereits beim Eintreffen der Patienten in der Klinik ist es wichtig, sie durch Umsichtigkeit und Empathie gleich zu behandeln, wie Menschen ohne Sehbeeinträchtigung. Dies bedeutet, ihnen so viel Unterstützung wie notwendig, aber so wenig wie möglich zu geben. Ein auf sehbehinderte und blinde Menschen abgestimmtes Leit- und Informationssystem mit einer dementsprechenden Beschilderung trägt bereits wesentlich zur selbstständigen Orientierung bei. Das Begrüßen und Ansprechen dieser Patienten, das Vorbereiten auf diverse Untersuchungen und Behandlungen, sowie die Beschäftigung während der Wartezeit erfordert eine gezielte Kommunikationsform und viel Einfühlungsvermögen. Viele dieser Patienten geben sich oft sehr zurückhaltend und wirken viel selbstständiger, als sie sind. Sie wollen nicht auffallen und anders behandelt werden, kommen dadurch aber auch öfters in unangenehme Situationen, z.B. dass sie Untersuchungseinheiten nicht rechtzeitig auffinden oder dem Untersuchungsablauf nicht folgen können.

Die Kommunikation

Ein nicht zu unterschätzendes Problem sind Schwierigkeiten in der Kommunikation. Die Patienten können oft das Gesicht des Gegenübers nicht oder nur unscharf erkennen und wissen somit nicht, ob der Andere gesprächsbereit ist. Sie getrauen sich häufig nicht, einen Unbekannten anzusprechen oder um Hilfe zu bitten. Besonders zu Beginn eines Krankenhausaufenthaltes sind für sehbehinderte und blinde Patienten die vielen Krankenhausangestellten schwer zu unterscheiden, da sie sich häufig nur an der Stimme orientieren können und kein Gesicht dazu haben. Dadurch sind Informationen, die sie erhalten, schwerer nachzuvollziehen und nicht gezielt einzuordnen. Viele dieser Informationen werden dadurch nicht verstanden oder falsch interpretiert und Behandlungserfolge eventuell verzögert oder verhindert.

Wichtig ist daher, sich beim Betreten des Patientenzimmers oder Warteraumes immer mit Namen vorzustellen, den Grund zu nennen, warum man gekommen ist und darauf zu achten, immer Bescheid zu geben, wenn man den Raum wieder verlässt. Dasselbe gilt, wenn man mit einem sehbehinderten oder blinden Menschen ein Gespräch führt und kurz weggerufen wird.

Die Nahrungsaufnahme

Die appetitliche Nahrungsaufnahme in Anwesenheit von anderen Personen erfordert eine Orientierung am Tisch durch Kontraste zwischen Tisch, Tablett, Teller und Glas. Eine entsprechende Anordnung der Speisen auf dem Tablett und die dazugehörige Erklärung im Uhrzeigersinn, was serviert wird und wo es am Tablett zu finden ist, gibt zusätzliche Hilfestellung ( Abbildung 2 ). Die kontrastreiche Gestaltung des Tabletts mittels einfarbigen bunten Servietten erleichtert das Zurechtfinden bei der Nahrungsaufnahme ( Abbildung 3 ). Konkrete Suchtechniken für Nahrungsreste am Teller und eine kompetente Anleitung zum Einschenken von Getränken fördert die Selbstständigkeit und verhindert ein Defizit bei der Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme ( Abbildung 4 ). Dies ist besonders bei älteren Patienten und längeren Krankenhausaufenthalten von Bedeutung.

Orientierungshilfen

Das Patientenzimmer und -bett sollten so gewählt werden, dass ein selbstständiges Aufsuchen der Toilette und des Badezimmers möglich ist und die Station auch ohne fremde Hilfe verlassen werden kann, wenn es der körperliche Zustand des Patienten zulässt. Im Zimmer müssen alle Einrichtungsgegenstände und Utensilien des Patienten immer am selben Ort belassen und mögliche Stolperfallen vermieden werden ( Abbildung 5 ).

Ist eine Gehbegleitung nötig oder erwünscht, gibt der sehbeeinträchtigte Patient das Tempo vor, indem er sich bei der sehenden Begleitung einhängt oder festhält, nicht umgekehrt ( Abbildung 6 ).

Meistens bevorzugen diese Patienten das Treppensteigen gegenüber dem Fahren mit dem Lift. Kontrastreiche Kennzeichnungen des Treppenanfanges und — ende geben Sicherheit ( Abbildung 7 ).

Wissen weitergeben

Zusammenfassend wurden hier nur einige der zahlreichen Hilfestellungen und Unterstützungsmöglichkeiten für sehbehinderte oder blinde Patienten aufgezeigt. Viele weitere werden täglich erfolgreich an der Univ.-Augenklinik Graz umgesetzt.

Durch Vorträge vor anderen Berufsgruppen und Studierenden der Humanmedizin sowie durch die Veröffentlichung in internen Medien und Präsentation bei internen Veranstaltungen wird das pflegerische Fachwissen weiter verbreitet und bekommt somit auch interdisziplinär mehr Bedeutung. Damit können vor allem in allen Bereichen der Univ. Augenklinik sowie in weiterer Folge am gesamten LKHUniv.- Klinikum Graz einheitliche Bedingungen geschaffen und dadurch ein vertrauensbildendes Umfeld in der Betreuung von sehbehinderten und blinden Menschen auf höchstem Qualitätsniveau gesteigert werden.

:  Photo: Sabine Strohmayer (Fotolabor Univ. Augenklinik)

(c) Sabine Strohmayer (Fotolabor Univ. Augenklinik)

Abb. 1:  Handbuch

Abb. 1: Handbuch

Abb. 2:  Speisenanordnung  Photo: Heimo Bauer (Fotolabor Univ. Augenklinik)

Abb. 2: Speisenanordnung Photo: Heimo Bauer

 (c)Fotolabor Univ. Augenklinik (6x)

Abb. 3:  Nahrungsaufnahme  Photo: Heimo Bauer (Fotolabor Univ. Augenklinik)

Abb. 3: Nahrungsaufnahme

Abb. 4:  Kompetente Anleitung zum Einschenken von Getränken  Photo: Heimo Bauer (Fotolabor Univ. Augenklinik)

Abb. 4: Kompetente Anleitung zum Einschenken von Getränken

Abb. 5:  Utensilien  Photo: Heimo Bauer (Fotolabor Univ. Augenklinik)

Abb. 5: Utensilien Photo: Heimo Bauer

Abb. 6:  Begleitung beim Gehen

Abb. 6: Begleitung beim Gehen

Abb. 7:  Treppenkennzeichnung  Photo: Heimo Bauer (Fotolabor Univ. Augenklinik)

Abb. 7: Treppenkennzeichnung

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben