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Schlechte Studienlage

Wann benötigen Kinder krebskranker Eltern Hilfe?

Nur wenige Studien erforschen die psychosozialen Belastungen von Kindern bei Palliativerkrankung der Eltern. So ist der Bedarf an Interventionen schwer einzuschätzen.

Wenn ein Elternteil lebensbedrohlich erkrankt, seien Kinder in der Versorgung oft eine vergessene Gruppe, so Franziska Kühne, Psychologin in der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Hamburg. Nur wenige Studien erforschen die psychosozialen Belastungen von Kindern bei Palliativerkrankung von Eltern, die meisten konzentrieren sich auf Interventionen bei Kindern mit an Krebs erkrankten Eltern, berichtete sie beim 33. Kongress der DGKJP in Rostock und präsentierte eine Übersicht der wenigen Daten zu diesem Thema.

Wie viel Kinder betroffen sind, sei nicht genau untersucht und die auftretenden Auffälligkeiten können sehr unterschiedlich sein. Zwar gäbe es als Reaktion auf die veränderten Umstände bei manchen Kindern aggressive Tendenzen, die meisten zeigen jedoch eher internalisierende Symptome wie Angst, Rückzug und Trauer.

Altersabhängige Reaktionen

Dabei würden sich altersspezifische Unterschiede zeigen: Vor-und Grundschulkinder fühlen sich manchmal für die Erkrankung verantwortlich, sorgen sich um den gesunden Elternteil, haben Angst vor Symptomen, die sie sich nicht erklären können, und davor, dass der Erkrankte stirbt. Jugendliche dagegen wollen sich mehr einbringen, z.B. Schmerzen lindern, häufig leiden sie unter der eigenen Hilflosigkeit und befinden sich nicht selten aufgrund der Problematik in einem Ablösungskonflikt. Inwieweit elterliche Erkrankungsvariablen eine Rolle für die Symptomatik bei Kindern spielen, werde laut Kühne nach wie vor in der Fachwelt diskutiert. Auch hierzu fehlen verlässliche Daten. Deutlich sei dabei, dass eine längere Krankheitsdauer, Rezidive, intensivere Therapien und zunehmende Funktionseinschränkungen des erkrankten Elternteils mit einer stärkeren kindlichen Belastung einhergehen.

Die meisten Untersuchungen beschäftigen sich allerdings mit Patienten und ihren Kindern in einer frühen Erkrankungsphase, sodass für die besonders belastende Periode der Palliativphase keine Aussagen möglich seien.

Muss man immer eingreifen?

Nicht alle Kinder brauchen Kühnes Ausführungen zufolge eine Intervention. Im Gegenteil: Der größte Teil der Kinder bewältige die elterliche Krebserkrankung gut. So gaben in einer Umfrage am Hamburger Klinikum nur 15 bis 36 Prozent der befragten Familien beeinträchtigte Funktionsfähigkeiten innerhalb der Familie an. Eine Erklärung für diese Ergebnisse könnte sein, dass das Kohäsionsgefühl in der Familie durch eine Krisensituation gestärkt werde, so Kühne. Oder aber, dass Belastungen in der Situation unterschätzt bzw. weniger Symptome angeben werden, als tatsächlich vorhanden sind.

Rechtzeitig intervenieren

Auch wenn nicht alle Kinder von krebskranken Eltern eine aktive Unterstützung brauchen, so gäbe es eine Subgruppe, die unter der Belastung dermaßen leide, dass sie psychisch auffällig werden kann, so Kühne. Als Risikofaktoren gelten frühere psychische Auffälligkeiten bei den Kindern oder auch den Eltern, sowie weitere Belastungsfaktoren außerhalb der Erkrankung, wie z.B. finanzielle Sorgen. Deshalb sei ein Screening empfehlenswert, um besonders belastete Kinder zu identifizieren und rechtzeitig Interventionen anzubieten.

Bei der Frage, welche Interventionen für Kinder von Palliativpatienten infrage kommen, stellten die Hamburger Forscher fest, dass wenige Konzepte evidenzbasiert sind. Oft entstünden sie aus klinischer Erfahrung und schwanken stark in der Qualität. Die meisten Interventionen zielen auf eine Unterstützung der Elternkompetenz. Es gehe meist darum, Eltern im Umgang mit ihren Kindern zu stärken sowie eine Kommunikationsform zu finden, die für alle Familienmitglieder praktikabel ist. Da die Qualität der Studien stark variiert, können auf der Basis bisheriger Forschungen keine allgemeingültigen Schlussfolgerungen bezüglich eines Erfolgs der Interventionen gezogen werden. Es scheint aber eine Tendenz zu geben, dass die Depressivität der Eltern zurückgeht und auch das Funktionsniveau innerhalb der Familien steigt.

springermedizin.de, Ärzte Woche 21/2013

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