zur Navigation zum Inhalt
© Christin Klose / picture alliance
 
Onkologie 16. Mai 2017

Püsel-Hormon hilft bei Krebs

Schlafstörung Bei Tumorpatienten gibt es oft verschiedene Faktoren, die sich negativ auf die Schlafhygiene auswirken. Das können Nebenwirkungen der Therapie sein, aber auch Sorgen und Ängste. Häufig äußern Betroffene ihre Schlafprobleme nicht direkt, Pfleger sollten aber nach ihnen fragen.

Eine wesentliche Voraussetzung für unser körperliches und seelisches Wohlbefinden ist ein erholsamer Nachtschlaf. Dies ist bekannt und spiegelt sich in etlichen Redewendungen wider, z. B. „das raubt mir den Schlaf“. Ein gestörter Nachtschlaf kann zahlreiche Ursachen haben, von somatischen Symptomen wie Schmerzen oder Atmungsstörungen über hormonelle Dysregulationen bis hin zum Einfluss von Medikamenten oder Genussmitteln. Auch psychische Krankheiten, vor allem depressive Syndrome, und psychosoziale Belastungsfaktoren können sich negativ auf den Schlaf auswirken.

Tumorpatienten sind oft durch mehrere der genannten Faktoren belastet. Dennoch wird Schlafstörungen durch die behandelnden Ärzte häufig nur relativ wenig Aufmerksamkeit gewidmet. In der Normalbevölkerung leidet etwa ein Drittel der Menschen unter gestörtem Schlaf. Bei aktiver Tumorerkrankung sind es hingegen etwa zwei Drittel der Betroffenen und 18 Monate nach Erkrankungsbeginn immer noch 38 Prozent. Betroffene berichten dieses Problem häufig nicht spontan ihrem behandelnden Arzt. Auf gezielte Nachfrage werden aber erstaunlich oft Schlafstörungen angegeben, die auch die Lebensqualität deutlich beeinträchtigen.

Vor der Therapie des gestörten Nachtschlafs muss eine sorgfältige Abklärung ihrer Art und Ursache erfolgen. Alle Tumorpatienten sollten auf einen gestörten Nachtschlaf und die wesentlichen anamnestisch erfassbaren Ursachen gescreent werden. Psychische Belastungsfaktoren müssen erfasst und falls notwendig eine psychoonkologische und ggf. auch medikamentöse Behandlung eingeleitet werden. Dazu gehört es auch, auf die häufig mit der Erkrankung einhergehende Sorge um die materielle Versorgung des Patienten und seiner Familie einzugehen.

Für eine spezifische Therapie von Schlafstörungen ist ein verhaltensmedizinischer bzw. kognitiv-verhaltenstherapeutischer Ansatz zu bevorzugen. Dabei werden die psychobiologischen Voraussetzungen für einen guten Schlaf optimiert. Wichtige Aspekte sind Schlafhygiene, Schlafrestriktion, Stimuluskontrolle, Entspannungsmethoden sowie kognitive Bewältigungsstrategien. Durch Informationen zur Schlafphysiologie können unrealistische Erwartungen an den eigenen Schlaf („acht Stunden Tiefschlaf ohne Erwachen“) korrigiert und die Entwicklung einer gelasseneren Einstellung gefördert werden. Darüber hinaus sollten Techniken zum Umgang mit kreisenden Gedanken und Grübeln (Imagination, Gedankenkreise) eingeübt werden.

In den vergangenen zehn Jahren konnte die Bedeutung der Lichtexposition für die Physiologie und Chronobiologie des Schlafs deutlich besser aufgeklärt werden. Empfehlungen zum Umgang damit haben Eingang in die verhaltensmedizinische Behandlung gefunden. Die Umgebungshelligkeit wird durch spezialisierte Sensoren, die nicht mit dem visuellen Kortex verbunden sind, an den suprachiasmatischen Nukleus gemeldet, der unserer „inneren Uhr“ entspricht. Ein Lichtmangel zwischen 8 und 16 Uhr und ein Lichtüberschuss zwischen 21 Uhr und dem Zubettgehen führen zu einem schlechteren Schlaf. Selbst ein wolkiger Wintertag bietet in der Mittagszeit noch Lichtstärken von über 10.000 Lux, unsere Aufenthaltsräume aber meist nur 100–500 Lux. Den späteren Abend verbringen wir meist mit Lichtstärken von deutlich mehr als den empfohlenen < 10 Lux, wobei die Abendtoilette häufig im hellsten Raum der Wohnung, dem Bad, bei oft > 300 Lux erfolgt.

Auch die zunehmende Tendenz vieler Menschen, bis in den späten Abend Licht-emittierende Geräte wie Fernseher oder Smartphones zu nutzen, muss Beachtung finden. Da sich zudem die Evidenz für nachteilige Effekte nächtlicher Lichtexposition beispielsweise für die Entstehung von Brustkrebs mehrt, sollte gerade bei Krebserkrankungen nicht nur zur Schlafförderung auf einen adäquaten Umgang mit Licht geachtet werden.

Pharmakologische Behandlung

Seit einigen Jahren stehen mit den Melatonin-enthaltenden Substanzen pharmakologische Chronotherapeutika zur Verfügung, die schlafunterstützend wirken und womöglich sogar bei einigen Tumorarten die Therapie der Grunderkrankung unterstützen können. Sie sind nur mit wenigen Nebenwirkungen behaftet, erhöhen nicht das Sturzrisiko beim nächtlichen Aufstehen und scheinen kaum Wirkverlust und Abhängigkeitspotenzial zu haben. Die sofortige Wirkung erfolgt über eine Erhöhung des nächtlichen Melatoninspiegels, langfristig über das abendliche „Anschieben“ des Pendels der inneren Uhr. Die Wirksamkeit dieser Präparate sollte deshalb erst nach einer Einnahmezeit von mehr als einer Woche beurteilt werden.

Werden Schlafstörungen durch Schmerzen verursacht, die nachts häufig belastender empfunden erden als tagsüber, so können sie relativ einfach durch eine adäquate analgetische Therapie verbessert werden. Entsprechend zeigte sich, dass Patienten unter Analgetika besser schlafen konnten als ohne Medikation. Schlafbezogene Atmungsstörungen werden durch eine Analyse im Schlaflabor abgeklärt und gezielt durch einen Schlafmediziner behandelt. Husten kann durch die zur Verfügung stehenden Antitussiva relativ gut behandelt werden, auch wenn ein symptomatischer Husten durch Tumorbefall der Lungen nur schwer beeinflusst werden kann.

Das Fatigue-Syndrom, das von vielen Tumorpatienten beklagt wird, ist nur schwer zu behandeln. Für keines der bislang getesteten Medikamente konnte ein Nutzen belegt werden. Hier kann am ehesten eine aktivierende Therapie eine Besserung erreichen.

Auch wenn die verhaltensmedizinische Behandlung der Insomnie sehr erfolgreich ist, gehört die pharmakologische Behandlung ebenfalls zum therapeutischen Spektrum. Neben den genannten Substanzgruppen können auch sedierende, niederpotente Neuroleptika wie Pipamperon oder Melperon eingesetzt werden.

 

Fragen an den Krebspatienten:

- Fühlen Sie sich morgens ausgeschlafen?

- Können Sie schlecht ein- und/oder durchschlafen?

- Seit wann bestehen Ihre Schlafstörungen?

- Bestehen Ihre Schlafstörungen erst seit Beginn der Tumorerkrankung, oder traten sie schon früher auf?

- Leiden Sie während des Schlafs unter Schmerzen, Luftnot oder Husten?

- Berichtet Ihr Lebenspartner über Atempausen oder ausgeprägtes Schnarchen?

- Leiden Sie unter „unruhigen Beinen“?

- Sind sie häufig traurig verstimmt, freudlos oder antriebslos?

 

Prof. Dr. Herwig Strick, der korrespondierende Autor, ist OA an der Klinik für Neurologie der Philipps Universität Marburg.

Der Originalbericht „Schlafstörungen bei Krebspatienten“ ist erschienen in „Pflegezeitschrift“ 70/2017, DOI: 10.1007/s41906-017-0015-2, © Springer Verlag

Herwig Strick et al.

, Ärzte Woche 20/2017

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben