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© Mary Evans Picture Library/dpa
Das Londoner Guy’s Hospital im Jahre 1852. Hier studierte Hodgkin ab 1819 Medizin, im ungewöhnlich hohen Alter von 21 Jahren, nach Auslandsaufenthalten arbeitete er u. a. als Arzt in der Notaufnahme.
© (2) dpa

Die goldene Stimme aus Prag, Karel Gott, leidet an Lymphdrüsenkrebs, der erst 2015 entdeckt wurde.

© AP Photo/Mark Humphrey

Darsteller Fred Thompson (vorne ist sein Bruder zu sehen), starb an Lymphdrüsenkrebs.

 
Onkologie 5. April 2016

Pathologischer Menschenfreund

Der viktorianische Universalgelehrte Thomas Hodgkin wurde zu Lebzeiten nur von wenigen geschätzt.

Vom Mediziner Hodgkin bleibt die Entdeckung der nach ihm benannten, gefürchteten Lymphdrüsenkrebserkrankung. Der Mensch Hodgkin, sozial engagiert und dennoch ein stolzer Brite wie er im Buche steht, war mindestens genauso spannend.

Thomas Hodgkin (1798 bis 1865) war ein herausragender Arzt und Wissenschaftler des 19. Jahrhunderts, überhaupt eine außergewöhnliche Persönlichkeit. Seine Arbeiten waren für verschiedene wissenschaftliche Fachgebiete wichtig, sowohl medizinische als auch nicht-medizinische, vor allem aber für die Epidemiologie und die Pathologie. Zu seinen vielfältigen Interessen zählten die Anthropologie, Geologie, Geografie und Ethnografie. Hodgkin gehört zu den Gründervätern der Universität London (1836).

Hodgkin war zwar Quäker und tief religiös, zugleich glaubte er aber an die Überlegenheit der britischen Zivilisation, verbunden mit einer Verpflichtung, sich für die Schwachen und Armen einzusetzen. Er prangerte die sozialen Missstände in London an, die schlechte Wasserversorgung, die Überbelegung, die Luftverschmutzung und Kinderarbeit waren ihm ein Dorn im Auge.

Er war ein früher Vertreter der Arbeitsmedizin. Um Lungenschäden gering zu halten, empfahl er für Fabriksarbeiter die Verwundung von Mundschutz. Dass er sich gegen die Sklaverei, damals ein heiß umfehdetes politisches Thema, das zum amerikanischen Bürgerkrieg führte, aussprach, und sich für die Rechte der Aborigines in Australien einsetzte kann nun nicht mehr überraschen.

Seine medizinische Ausbildung absolvierte, wie es damals üblich war, an mehreren Spitälern und Universitäten, in London, Edinburgh, und Paris. 1825 war er von seiner ersten Ausbildungsstätte, dem Guy‘s Hospital in London als Kurator für das Museum der pathologischen Anatomie (heute: Gordon Museum) angestellt. Er nahm viele Autopsien vor und gilt als erster hauptberuflicher Pathologe der Geschichte. Seine Entdeckungen protokollierte er feinsäuberlich in einem grünen Büchlein („green inspection books“), die das Museum bis heute aufbewahrt.

Für seine wichtigste medizinische Leistung, die Entdeckung des nach ihm benannten Lymphom, einer malignen lymphatischen Systemerkrankung, wurde er zu Lebzeiten nicht gebührend gewürdigt, ja, er selbst maß der Beschreibung der pathologisch veränderten Lymphknoten keine allzu große Bedeutung zu.

Im Jänner 1832 ließ Hodgkin den erst posthum in seiner Bedeutung erkannten Vortrag „On Some Morbid Appearances of the Absorbent Glands and Spleen“ vor der Chirurgical Society of London vortragen – als Quäker durfte er sie nicht selbst halten. Erschienen ist der Text im Journal Medico-Chirurgical Transactions, 17/1832.

1865 beschrieb ein anderer britischer Mediziner, Samuel Wilks, das gleiche Krankheitsbild unabhängig von Hodgkin und mit größerer Präzision. Als er später von Hodgkins Arbeit erführ, erkannte er dessen Vorrang und benannte das Leiden nach Hodgkin in einem Artikel mit dem Titel „Cases of enlargement of the lymphatic glands and spleen – or Hodgkin’s disease – with remarks.“

Vor Hodkin waren die anerkannten Ursachen für vergrößerte Lymphknoten Syphilis, Tuberkulose und Krebs. Hodgkin beschrieb sieben Fälle, sechs davon hatte er im Guy‘s Hospital behandelt und dokumentiert.

Dessen ungeachtet, blieb Hodgkin die medizinische Karriere versagt. Seine Bewerbung um eine Stelle als Assistenzarzt an seinem Stammspital wurde abgewiesen. Sein Engagement für Indigene, gegen die Sklavenhaltung und für eine Reform der medizinischen Ausbildung, werden dabei eine gewisse Rolle gespielt haben. Ein Krankenhausmanager sagte Jahre später, er würde niemanden aufnehmen, den man mit einem Indianer gesehen habe. Der umtriebige, glücklich verheiratete und viel gereiste Hodgkin war einer der Gründer der „British and Foreign Aborigines Protection Society“. Mit seinem Freund, dem Unternehmer Moses Montefiore, besuchte er Nord-Afrika und den Mittleren Osten. In den 1860ern veröffentlichte er ein Buch über Marokko.

Immerhin: Als Hodgkin vor 150 Jahren, am 4. April 1866, in Jaffa (damals Palästina) starb, war das der London Times eine Seite-1-Meldung wert. Die genaue Todesursache, Hodgkin litt vermutlich jahrelang an Divertikulitis, ist unbekannt. Eine Autopsie wurde bei dem großen Pathologe nicht durchgeführt.

Martin Burger, Ärzte Woche 14/2016

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