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© PHOTOPQR/L’ALSACE/Thierry Gachon/dpa
Die tragischen Helden des Reaktorunfalls: Für ihren Einsatz erhielten die Liquidatoren später Medaillen.
 
Onkologie 29. März 2016

Leben als Ex-Liquidator

660.000 Sowjet-Bürger räumten auf, zwei von ihnen: eine Ärztin und ein Rotarmist.

Sie alle leiden unter den psychischen und physischen Folgen eines Einsatzes, der nie hätte stattfinden dürfen. Nataliya Tereshchenko untersuchte 1986 die Arbeiter in Tschernobyl, Petro Wetsch patrouillierte durch die Straßen von Pripyat.

Nataliya Tereshchenko war 33 Tage lang der Strahlung ausgesetzt. Sie war nach der Explosion in Reaktor 4 vom Kriegskommissariat einberufen worden, um die jungen Männer zu behandeln, die die Folgen der Katastrophe zu „liquidieren“ hatten. „Dass ich selbst zwei Kinder hatte, war denen egal“, sagt sie bei einem Wien-Besuch. Tereshchenko nahm den Arbeitern Blut ab und kontrollierte den Verlust an weißen Blutkörperchen.

Nach ihrer Rückkehr aus der Todeszone bildete sich bei ihr ein Nerventumor auf der rechten Hand, „der so groß war, dass ich die Hand nicht mehr benutzen konnte“. Bis heute leidet sie unter Kopfschmerzen und Herzbeschwerden. Aber sie hat überlebt, als eine von nur drei Frauen ihrer Brigade.

Allein von den 6.000 Liquidatoren aus dem Lviver Gebiet sollen laut Angaben vom örtlichen Tschernobyl-Verband in den vergangenen Jahren mehr als 1.500 gestorben sein. Insgesamt, so schätzt die Organisation, waren 660.000 Helfer (aus der gesamten Sowjetunion) und 243.000 (aus der Ukraine) als Liquidatoren im Einsatz. Praktisch alle klagen laut dem Verband über gesundheitliche Problemen. Inwieweit ihr Leiden direkt auf die Nuklearkatastrophe zurückgeführt werden kann, ist in der Medizin umstritten. Auch die Zahl der Liquidatoren, die als Folge der starken Strahlenbelastung gestorben sind, ist bis heute nicht geklärt. Einer von ihnen ist Petro Wretsch, Lkw-Fahrer bei einer Kraftfahreinheit der Nationalgarde, die 1986 in Lemberg stationiert war. Der Spiegel hat ihn besucht: Seine Einheit sei in der 30-Kilometer-Zone rund um Tschernobyl geblieben, sagt er dem Magazin. „Es ging darum, in der Stadt nach Eindringlingen zu suchen.“ Petro Wretsch fällt es schwer, lange Sätze zu bilden, sich zu konzentrieren. Auch seine Augen haben gelitten– er ist fast blind.

Wretsch und Tereshchenko sind Überlebende, doch es gibt auch andere. Alte Menschen, die zurückgekommen sind. Das erzählt Gerd Ludwig. Der Fotograf und Buchautor (siehe Literaturempfehlung) war seit 1993 immer wieder in der gesperrten Zone. „Die Behörden haben das damals nicht verhindert. Die Begründung: Es handle sich um alte Menschen, bis bei diesen der Krebs einsetzt, seien sie ohnehin eines natürlichen Todes gestorben. Diese Menschen wollen natürlich auch ein Mindestmaß an ärztlicher Versorgung. Aber damit werden andere gefährdet. Unter den Rückkehrern gibt es solche, die die Radioaktivität leugnen. Zum Ärger der Zonenbewohner verschreiben die Ärzte aber keinen Wodka. Der Glaube, dass Wodka vor der radioaktiven Strahlung schützt, hält sich hartnäckig.“

Martin Burger, Ärzte Woche 13/2016

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