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Moshammer ist skeptisch, ob der Zusammenhang zwischen Tschernobyl und dem Anstieg bei Schilddrüsenkrebs beweisbar ist.
 
Onkologie 29. März 2016

„Mittlerweile müssten wir bei Schilddrüsenkrebs einen Peak erreicht haben, aber die Zahl steigt weiter“ 2 Zeilen

3 Fragen, 3 Antworten

Der Umwelthygieniker Dr. Hanns Moshammer kennt die „anderen“ Tschernobyl-Berichte von Ian Fairlie gut. Manche Schätzungen im Report des britischen Strahlenbiologen seien zwar mutig, zum Teil nicht leicht belegbar, aber in der berechneten Größenordnung durchaus plausibel.

Sie sagen, Fairlie setzt seine Folge-Abschätzungen hoch an, können Sie uns ein Beispiel geben?

Moshammer: Fairlie ist ein Strahlenbiologe, der die Gefahren der Strahlen sicher sehr ernst nimmt. Ich teile grundsätzlich seine Einschätzung. Seine Abschätzung der Fallzahlen, die eine Beurteilung der epidemiologischen Datenlage darstellt, da ist er nach meiner Meinung ein bisschen zu großzügig, eher auf der hohen Seite. Es ist nicht immer klar, ob er von Krebstodesfällen schreibt oder von Krebsinzidenz, es ist auch nicht klar, ob die 40.000 nur Krebs betreffen oder ob tödliche Erkrankungen insgesamt gemeint sind, denn er spricht auch von einer Zunahme von Herzkreislauferkrankungen.

Schilddrüsenkrebs nimmt zu, Dr. Fairlie führt das zum Teil auf Tschernobyl zurück. Zurecht?

Moshammer:Ich habe ihm geschrieben, dass ich seine Abschätzungen für sehr mutig halte, vielleicht hat er deshalb den Range so weit gemacht. Das halte ich wiederum für ehrlich, genauer kann man es nicht sagen. Es ist ein Faktum, dass Schilddrüsenkrebs weltweit zunimmt, auch in den Vereinigten Staaten, die kein Tschernobyl gehabt haben. Ein Raucher hat 20 Jahre später ein erhöhtes Lungenkrebsrisiko. Wenn er mit dem Rauchen aufhört, nimmt das Risiko wieder ab, auch wenn es lebenslang etwas erhöht bleibt. Die Latenz bei Schilddrüsenkrebs ist kürzer (10 und mehr Jahre, Anm.), einen Peak sollte es mittlerweile geben, aber die Fallzahlen steigen weiter. Fairlie meint, der Anstieg bei Frauen sei ein eindeutiger Hinweis, dass die Ursache strahlenbedingt ist, das kann ich nicht nachvollziehen. Eine geschlechtsdifferenzierende Wirkung könnte ich mir eher bei „endokrinen Disruptoren“ (Phthalate, Bisphenol A, Anm.) als Ursache erklären.

Ist eine Zunahme nach Tschernobyl überhaupt nachweisbar?

Moshammer:Es gibt einen Effekt, es sind, über ganz Europa gerechnet, viele zusätzliche Krebsfälle aufgetreten, in Anbetracht des hohen Hintergrundrauschens von 2 bis 4 Millisievert (Sievert: Maßeinheit für Strahlendosis) im Jahr ist die Belastung durch Tschernobyl (circa eine natürliche Jahresdosis, Anm.) bei uns statistisch wahrscheinlich schwer nachweisbar.

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