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© Waltraud Grubitzsch/picture alliance
In diesem Versuchslabor werden in der Laminar-Box kultivierte Killerzellen, die gegen Tumorzellen eingesetzt werden sollen, bearbeitet.

Die Expertinnen: Prof. Dr. Patrizia Stoitzner und Prof. Dr. Ruth Ladenstein beantworten Publikumsfragen.

© (2) Martin Burger

Die Organisatoren: Prof. Dr. Christine Mannhalter (FWF) und Till C. Jelitto, Gründer von PR&D.

 
Immunologie 1. März 2016

Smarter als der Tumor

Wie Forscher das Immunsystem aufrüsten, um mehr entartete Zellen eliminieren zu können.

Die Krebsimmuntherapie gilt als Wunderwaffe, mit der eines Tages der Kampf gegen den Krebs gewonnen werden soll. Ein Forscherteam um Patrizia Stoitzner von der MedUni Innsbruck untersucht dendritische Zellen und ihre Wechselwirkungen mit Kanzerogenen und Tumorzellen. Einige Ansätze sind vielversprechend, wie man bei einer Publikumsveranstaltung erfuhr.

Ein Rufer am Seiteneingang macht sich bemerkbar: „Ist hier noch frei?“ Es geht um den letzten Sitzplatz. Der Saal, in dem die 48. „Am Puls“-Veranstaltung stattfindet, ist bis auf das letzte Sauerstoffmolekül ausgebucht. Kein Wunder: Es gibt Wundersames aus der Welt der Krebsimmuntherapie zu berichten. Der Genetiker Josef Penninger hat den Boden bereitet. In Interviews in profil, Kurier und anderswo sprach er gar von einem „radikalen Durchbruch“. Und wie es scheint, ist das keine Übertreibung.

Durch den Vortragsabend führen nun zwei Wissenschaftlerinnen – Prof. Dr. Patrizia Stoitzner von der MedUni Innsbruck, Universitätsklinik für Dermatologie und Venerologie, und Prof. Dr. Ruth Ladenstein, Leiterin des Koordinierungszen-trums für klinische Studien der St. Anna Kinderkrebsforschung. Stoitzner erforscht seit zehn Jahren das Hautimmunsystem und die dort lokalisierten Wächter-Zellen („den-dritische Zellen“), jene Zellen also, die Krebszellen auslöschen können. Ladenstein zeigt, welche praktischen Anwendungen dieser Erkenntnisse es in der Medizin bereits gibt.

Die wichtigste Erkenntnis für die Krebsimmuntherapie sei die, dass das Immunsystem Krebs erkenne. „Wir wollen aber auch wissen, ob es möglich ist, Tumore zu kontrollieren oder gar zu besiegen“, sagt Stoitzner.

Die Leistungen des Immunsystems zahlenmäßig ausgedrückt: Pro Tag können 100.000 Zellen entarten, die meisten werden vom Immunsystem erkannt und eliminiert. Wenn diese Überwachungssysteme zusammenbrechen, entstehen Tumore.

Am Beginn jeder Immunantwort stehen die Wächter-Zellen, auch dendritische Zellen genannt. Sie kommen in fast allen Geweben und Organen vor. Stoitzners Hauptstudienobjekt ist ein Subtyp dieser Zellen, die Langerhans-Zellen, benannt nach dem deutschen Pathologen Paul Langerhans. Diese sitzen in der Epidermis der Haut. Ihre Funktionsweise: Sie nehmen Antigene von Krankheitserregern oder Tumorzellen auf und transportieren sie über die Lymphgefäße in die Lymphknoten. Dort treffen sie auf die Effektorzellen des Immunsystems, T-Zellen und natürliche Killer-Zellen (NK). Diese werden angeregt, sich zu vermehren, da sie in der Lage sind, Tumorzellen zu zerstören. T-Zellen und NK-Zellen repräsentieren die erworbene (binnen Tagen) und die schnelle (innerhalb von Stunden) Immunantwort des Körpers.

Stoitzner: „Wir möchten Möglichkeiten aufzeigen, wie wir das Immunsystem manipulieren können, um neue und verbesserte immuntherapeutische Ansätze zur Behandlung von Hautkrebs zu entwickeln.“

Was passiert nun aber mit Immunzellen in der Haut, wenn ein Tumor entsteht? Das Immunsystem ist trainiert auf Krankheitserreger, fremde Substanzen zu erkennen und zu bekämpfen, aber eben nicht auf körpereigene Zelle. Die zweite Hürde für die Forscher ist, dass Tumoren Mechanismen entwickelt haben, um der Immunerkennung zu entkommen.

Ein Therapieansatz ist, Immunzellen aus dem Patienten zu gewinnen, diese werden in Zellkultur vermehrt, aktiviert und zurück in den Patienten injiziert. Die andere Variante sei die direkte Aktivierung – bzw. Reaktivierung, wenn sie vom Tumor zuvor abgeschaltet wurden. Die Folgen seien „recht vielversprechend“: 20 bis 40 Prozent der Patienten sprechen auf die Therapien an. „Sehr interessant an der Immuntherapie ist, dass es zu langfristiger Wirkung kommt. Es gibt viele Patienten, die mit teilweise Resttumoren gute Lebensqualität haben, teilweise verschwindet der Tumor völlig. Aber wir müssen sicher noch die nächsten paar Jahre abwarten, um den langfristigen Effekt richtig einschätzen zu können.“

Immuntherapie mit T-Zellen

T-Zellen werden in Kulturschalen vermehrt, aktiviert und in großer Zahl zurück in den Krebspatienten gespritzt. Diese haben dann eine größere Chance, den Tumor zu bekämpfen, als mit der kleinen Armee, die vorher im Einsatz war. Die Probleme derzeit: Diese Therapie hat Nebenwirkungen, normales Körpergewebe wird angegriffen (Autoimmunität); es gibt keine FDA-Zulassung; die Therapie ist sehr aufwendig und wird nur in einigen US-Kliniken angeboten (siehe Bericht auf S. 21).

„checkpoint blockade“-Therapie

Das Prinzip: Ein Antikörper blockiert negative Signale auf T-Zellen und es kommt zu einer Reaktivierung der Immunantwort. Erklärung: Die Tumorzellen können über Oberflächenproteine mit T-Zellen reagieren. Diese Interaktion führt dazu, dass T-Zellen abgeschaltet werden, „ein sehr smarter Mechanismus“. Nun werden Antikörper gegen diese Moleküle in die Patienten gespritzt, die diese Interaktionen unterbricht, „wir nehmen die Bremse aus dem Immunsystem“. Auch bei dieser Therapie gibt es Nebenwirkungen (Darm- und Hautentzündungen). Die Therapie sei für Melanom und Lungenkrebs getestet und zugelassen.

Forschung braucht einen langen Atem, doch dass sich dieser oft bezahlt macht, illustriert Ruth Ladenstein vom St. Anna Kinderspital am Beispiel der Entwicklung einer spezifischen Krebsimmuntherapie (Antikörpertherapie) für an einem Neuroblastom erkrankte Kinder. „Die Überlebensrate bei Leukämie liegt bei 80 Prozent. Wir möchten beim Neuroblastom auf 70 Prozent kommen.“ Nach internationalen Studien mit mehr als 2.000 Patienten konnten die klinischen Forscher Erfolge einer Immuntherapie in der Erstbehandlung erzielen.

Martin Burger, Ärzte Woche 9/2016

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