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Dermatologie 11. April 2014

Wundbehandlung aktuell

Erster Dreiländerkongress Wund-D.A.CH

Interessen und Kompetenzen der Wundtherapeuten der drei deutschsprachigen Länder zusammenzuführen, um Synergien zu nutzen. Das ist ein zentrales Anliegen von Wund-D.A.CH, der gemeinsamen Plattform in Sachen Wundmanagement der deutschen, österreichischen und Schweizerischen Wundgesellschaften. Aktuelle Konzepte und Maßnahmen zur Behandlung von Wunden standen im Herbst vergangenen Jahres auf dem Programm des ersten gemeinsamen Kongress Wund-D.A.CH in Friedrichshafen am Bodensee. Wundtherapeuten aller Professionen bilden sich in hohem Maße weiter und nehmen am Wissenschaftsprozess teil.

Schulungs- und Weiterbildungskonzepte im Wund-DACH

Die verschiedenen Fortbildungskonzepte Deutschlands, Österreichs und der Schweiz im Bereich Chronische Wunden weisen sowohl Gemeinsamkeiten als auch erhebliche Unterschiede auf. Gemeinsam ist den drei Ländern, dass bisher vorwiegend pflegerisches Fachpersonal Zielgruppe der Bildungsmaßnahme ist. Alle anderen, am Versorgungsprozess Beteiligten (MTA, Podologen, Ärzte, usw.) sind als Teilnehmer in den Fort- und Weiterbildung eher unterrepräsentiert. Die Unterschiede ergeben sich primär aus den verschiedenen Trägern bzw. Anbietern von Bildungsangeboten.

Die wundspezifischen Angebote werden in allen D.A.CH-Ländern von privaten Trägern angeboten und nach einem zertifizierten Prüfverfahrungen durch Fachgesellschaften und z. B. den TÜV anerkannt. Beispielsweise bietet die Schweizerische Gesellschaft für Wundbehandlung (SAfW) den „Diplomierten Wundexperten SAfW“ in 176 Stunden theoretischer Weiterbildung plus Praxis und Prüfung an (www. hplus-bildung.ch). In Österreich und der Schweiz kann der „Wundmanager (WM®)“ oder der „Zertifizierte Wundmanager (ZWM®)“ in Anwesenheits- sowie Selbststudiumsphasen über die Akademie-ZWM® AG, G. Kammerlander absolviert werden (www.wfi.ch). In Deutschland sind die Qualifizierungen der beiden wissenschaftlichen Fachgesellschaften Initiative Chronische Wunden e. V. (ICW) und der Deutschen Gesellschaft für Wundheilung (DGfW) vergleichbare Angebote. Die DGfW offeriert mit dem „Zertifizierten Wund Assistenten (WACert®)“ in 84 Stunden und dem „Zertifizierten Wund Therapeuten (WTCert®)“ in 236 Stunden berufsübergreifende Angebote, die jeweils mit einer Prüfung abschließen (www.dgfw-akademie.de). Die ICW e. V. hat sowohl berufsübergreifende, als auch berufsspezifische Qualifizierungen entwickelt, die ein durchgängiges Bildungskonzept darstellen. Der „Wundexperte ICW®“ sowie der „Ärztliche Wundexperte ICW®, vermitteln in 48 Stunden, der „Pflegetherapeut Wunde ICW®“ in 168 Stunden sowie künftig der „Fachtherapeut Wunde ICW®“ in 120 Stunden die erforderliche Fachkompetenz. Alle Bildungsmaßnahmen schließen mit mindestens zwei Leistungsnachweisen ab und integrieren eine Praxisphase, um einen adäquaten Theorie-PraxisTransfer zu ermöglichen (www.icwunden.de).

Alle Qualifizierungen der Länder haben gemeinsame Themeninhalte, die jedoch in teils unterschiedlichen Anteilen berücksichtigt werden. Alle Fortbildungen schließen mit unterschiedlichen Prüfungsverfahren (Colloquium, Fallarbeit usw.) ab. In der Schweiz und in Österreich werden außerdem Studiengänge zum Thema chronische Wunden angeboten.

Im Rahmen der Diskussion schätzten die Referentinnen die bisherige Anerkennung und damit Legitimation der Absolventen als verbesserungswürdig ein. Darüber hinaus wurde eine angemessene Vergütung der erworbenen Kompetenzen eingefordert. Diese soll den gestiegenen Verantwortlichkeiten im Tätigkeitsbereich Wundmanagement Rechnung tragen.

Fazit: Was den Sektor Pflege betrifft, sind viele gemeinsame Inhalte zu erkennen. Die Tätigkeitsschwerpunkte variieren je nach Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten des jeweiligen Landes- oder Bundeslandes. Die gesetzlichen Vorgaben und Regelungen können sogar innerhalb eines Landes deutlich voneinander abweichen. Eine intensivere Zusammenarbeit zur Entwicklung gemeinsamer Konzepte ist mittelfristig erstrebenswert und auch machbar. Handlungslegitimationen und Kompetenzbereiche abzustecken ist Aufgabe jedes jeweiligen D.A.CH-Landes. Im Sinne einer gemeinsamen Ausrichtung ist eine Angleichung wünschenswert.

Pflegewissenschaft (ÖGVP)

Scores zur Beurteilung der Lebensqualität, Differentialdiagnosen und Patientenedukation standen im Mittelpunkt der Sitzung der Österreichischen Gesellschaft für Vaskuläre Pflege (ÖGVP).

So ist es mittlerweile gelungen, Scores und mehrsprachige Arbeitsrichtlinen zu erstellen, berichtete DGKS WDM® Gabriela Hösl MSc unter dem Titel „Lebensqualität — was können wir überhaupt objektivieren“, wobei besonders der Homecarebereich beleuchtet wurde. Verwendung finden diese Scores im Bereich Ambient Assisted Living (AAL ) in Kombination mit Advanced Nursing Practice (ANP) als EDV Anwendung im Healthcare Bereich. Outsourcing von Gesundheitsleistungen in den Homecarebereich unter Berücksichtigung des Risk- und Qualitätsmanagement ist nunmehr möglich.

Die Expertenstandards des DNQP unterstreichen die Bedeutung der Patientenedukation — Beratung und Schulung von Menschen mit Wunden und zeigen, so Prof. Dr. Vlastimil Kozon PhD, wie diese Herausforderungen umgesetzt werden können. Die Ziele der Patientenedukation sind Selbstpflegemanagement und Infektionsprophylaxemanagement. Als Zugang dazu soll die Patientenorientierung dienen, Edukation durch kompetente Experten des Wundmanagements i. S. der didaktischen Prinzipien aus der Erwachsenenbildung durchgeführt werden.

Ernährung und Malnutrition

Die Ernährung spielt neben den vielen anderen Maßnahmen in der Behandlung von Wundheilungsstörungen eine wesentliche Rolle. Eine Mangel- oder Fehlernährung kann den Wundheilungsprozess verzögern bzw. verhindern, da wichtige Baumaterialien für den Wundverschluss fehlen. So ist beispielsweise der Proteinbedarf bei Wundheilungsstörungen deutlich erhöht, stellte Edburg Edlinger aus Graz fest. Besonders bei Patienten mit Adipositas und Tumoren im Kopf-Halsbereich, die eine angemessene Nahrungsaufnahme erschweren, wird dies oft nicht berücksichtigt. Die Verwendung von standardisierten Screenings und Assessments, die Erhöhung des Anteils der Proteine auf 1,25–1,5 g / KG Körpergewicht, die Abdeckung von Mikronährstoffen möglichst über orale Kost und der Zusatz von Arginin von 17–24,8 g/Tag können einer Malnutrition entgegenwirken, empfahl Edlinger. Generell gilt für junge und alte Menschen, dass z. B. nach Operationen oder Verletzungen nur dann eine Wunde gut und schnell verheilt, wenn keine Fehl- oder Mangelernährung vorliegt.

Neues aus der Forschung

Spannende neue wissenschaftliche Entwicklungen, die in Ludwigshafen präsentiert wurden, reichten von der aurikulären Vagusstimulation und deren Auswirkungen auf die periphere Durchblutung über PRF mit Antibiotika als lokale Wundtherapie bis zur zentralen Bedeutung der Proteasen in der physiologischen Wundheilung und insbesondere deren gestörte Regulation in chronischen Wunden.

Über eine hoffnungsvolle Therapieoption insbesondere bei antibiotikaresistenten Bakterien wie MRSA und Co. Berichtete Prof. Lars Steinsträßer, Facharzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie, Universitätskliniken Bergmannsheil Bochum, der auf der Grundlage seiner wegweisenden Forschung aufzeigen konnte, dass antimikrobielle Peptide, teilweise auch durch Patienten selbst generiert werden können. In seinem Labor werden auch schon Seidenraupen gezüchtet, die durch genetische Veränderungen diese körpereigenen Antibiotikaersatzstoffe produzieren und deren Fäden somit für die Wundbehandlung eine sehr interessante Alternative sein könnten.

Alternative Therapiekonzepte

Neben den konventionellen Behandlungsmethoden gibt es andere Therapiekonzepte, die in einer speziellen Situation zur Anwendung kommen oder kaum bekannt sind. In Schwellenländern mit schwacher bzw. fehlender Infrastruktur kann etwa nicht auf moderne Produkte zur Wundversorgung zurückgegriffen werden und die Notwendigkeit zum Improvisieren ist häufig gegeben. Ein Beispiel dafür stellte Prof. Matthias Möhrle vor, dessen Arbeitsgruppe in Tübingen in einer dermatologischen Klinik in Moshi, Tansania, dampfsterilisierte Bananenblätter als Wundabdeckungen einsetzte. Mit diesem billigen, dort in großer Menge vorhandenen Material konnten gute Erfolge in der Wundheilung erzielt werden, ohne eine nennenswerte Rate an Infektionen oder anderen Komplikationen.

Ein alternatives Therapiekonzept, das zwar in der Bevölkerung breit bekannt ist, unter Wundtherapeuten aber wenig genutzt wird, stellt die Phytotherapie in der Wundheilung dar: Spitzwegerich, Schafgarbe, Ringelblume, Johanneskraut haben Eigenschaften, die Wundheilungsvorgänge fördern können. Insbesondere bei den Korbblütlern muss jedoch das Potential für Kontaktallergien beachtet werden, das allerdings durch die Verwendung von geeigneten Extrakten minimiert werden kann.

Psyche und Wundheilung: Alles Plazebo?

Der Einfluss der Psyche auf die Wundheilung ist Gegenstand von Untersuchungen. Auch wenn der genaue Wirkmechanismus noch nicht erforscht ist, wurde die positive Wirkung von Placebo in einigen Studien bereits gezeigt. Diskutiert werden insbesondere neuroendokrinologische Faktoren, die in Teilaspekten bereits nachgewiesen wurden, erklärte Dr. Elvir Cesko, Klinik für Dermatologie am Universitätsklinkum Essen. Ein zentraler Aspekt ist dabei die Erwartung der Patienten, die durch Therapeuten wesentlich beeinflusst werden kann. Für die Wundheilung sind bislang aber nur unzureichend klinische Studien verfügbar.

Für manche Patienten ist die chronische Wunde auch die Grundlage für ihren einzigen sozialen Kontakt zum Therapeuten/Pflegedienst. Ist die Wunde geheilt, bricht auch dieser Kontakt ab, der Betroffenen hat also gar kein Interesse an der Wundheilung, da der sekundäre Krankheitsgewinn für ihn wichtiger ist, so Dr. Alexander Risse vom Diabeteszentrum am Klinikum Dortmund. Diese Aspekte können Patienten sogar dazu bewegen, bewusst oder unbewusst selbst dafür zu sorgen, dass die Wunde nicht abheilt. Hier gilt es neben der reinen therapeutischen Behandlung auch auf das funktionierende soziale Umfeld zu achten und gegebenenfalls psychologische Unterstützung anzufordern.

Wund-D.A.CH.

In den deutschsprachigen Ländern Europas wird die medizinische Versorgung der Patienten mit akuten und chronischen Wunden auf sehr hohem Niveau betrieben und ist breit in den verschiedenen Disziplinen verankert. Dennoch gab es lange Zeit keine wissenschaftliche Gesellschaft, die verschiedene Aktivitäten in den deutschsprachigen Ländern aufnimmt, zusammenführt und transnational umsetzt. Im Dezember 2011 haben sich daher initial Vertreter der Schweizerischen Gesellschaft für Wundheilung (SAfW), der deutschen Initiative Chronische Wunde e. V. (ICW) und der österreichischen Gesellschaft für Wundheilung (AWA) unter Zustimmung der nationalen Gesellschaften zusammengefunden, um das selbstständig agierende Wund-D.A.CH zu gründen (www.wunddach.org).

Quelle: 10.–12. Oktober 2013, 1. gemeinsamer Kongress Wund-D.A.CH, Friedrichshafen (D).

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