zur Navigation zum Inhalt
 
Neurologie 4. November 2013

WCN 2013: Ein Stück Lebensqualität geben

Palliativ-Neurologie: Mehr Engagement für adäquate Versorgung Schwerstkranker notwendig.

Palliativmedizin geht weit über Schmerztherapie im Endstadium hinaus, unterstrichen Experten beim 21. Weltkongress für Neurologie in Wien. Sie bekämpft auch neurologische Symptome und verhilft Langzeitpatienten ohne Heilungsaussichten zu mehr Lebensqualität.

„Palliativmedizin wird oft fälschlicherweise mit Schmerztherapie im Endstadium einer Erkrankung gleichgesetzt. Das ist viel zu kurz gegriffen. Schwerkranken ohne Heilungsaussicht kann auch ein Stück Lebensqualität zurückgegeben werden, wenn ihnen bei neurologischen Krankheitssymptomen kompetent geholfen wird, etwa bei Schwindel, Übelkeit, Kognitionsstörungen oder epileptischen Anfällen im Rahmen von Hirntumoren“, sagte Prof. Dr. Wolfgang Grisold vom Kaiser-Franz-Josef-Spital in Wien. Erstmals wurde bei diesem wissenschaftlichen Großereignis auch die Rolle der Neurologie in der Palliativmedizin ausführlich thematisiert.

Die vergleichsweise junge Disziplin entwickelte sich zwar Ende der 1990er Jahr aus der Hospizbewegung, beschränkt sich aber keineswegs auf die Betreuung von Patienten in der letzten Phase vor dem Tod. „Palliativmedizin kann über unterschiedlich lange Zeiträume die neurologischen Auswirkungen eines unheilbaren Krankheitszustands abfedern. Bei Patienten mit schweren Hirnblutungen mögen das nur wenige Wochen sein. Bei Hirntumor-Patienten kann man dagegen bis zu einem Jahr Symptome lindern, die sich beispielsweise in Übelkeit, Erbrechen oder epileptischen Anfällen zeigen.

In einer älter werdenden Gesellschaft brauchen auch immer mehr Menschen langfristig Hilfe durch die neurologisch orientierte Palliativmedizin. Degenerativ-demenzielle Erkrankungen können zum Beispiel ein Bündel an neuropathischen Beschwerden nach sich ziehen, vom Schwindel über Muskelkrämpfe bis zur Epilepsie“, erläuterte Grisold.

Palliativmedizin als verpflichtender Ausbildungsinhalt

Obwohl sich der Zweig der neurologischen Palliativmedizin allmählich zu etablieren beginne, bedürfe es noch massiver Anstrengungen, um die spezifische Forschung voranzutreiben und die gewonnenen Erkenntnisse in der klinischen Praxis umzusetzen, so der Experte.

„Umso wichtiger ist es, dass der WCN dieses Thema prominent auf die Agenda setzt und so den breiten Austausch auf globaler Ebene fördert. Einer von vielen Schritten, damit der Gedanken der Palliativmedizin international in der Neurologie Fuß fasst.“

Einen vorbildlichen Ansatz verfolge Deutschland, weil dort das Fach Palliativmedizin verpflichtend ins Curriculum für alle angehenden Mediziner aufgenommen wurde. „Je früher vermittelt wird, dass Ärztinnen und Ärzte auch dann erfolgreich sind, wenn sie zwar Menschen nicht heilen, ihren aber noch gute Stunden und Tage schenken können, desto besser. Ich hoffe, dass dieser richtungsweisende Ansatz bald von vielen Ländern übernommen wird.“

Richtungsweisende Pilotprojekte

Inzwischen entwickeln sich immer mehr Pilotprojekte, die in der Fachwelt als Good Practice geschätzt werden, etwa ein beim WCN präsentierter Modellversuch: Prof. Andrea Pace hat in Rom eine mobile Palliativversorgung aufgebaut, um dem Wunsch vieler Menschen zu entsprechen und diese weitestgehend in den eigenen vier Wänden zu betreuen. „Auch in diesem Bereich bedarf es noch weiterer Forschung, damit die nötige Medikation möglichst einfach und gegebenenfalls auch durch die Angehörigen verabreicht werden kann. Darüber hinaus müssend die nötigen Strukturen geschaffen werden. Die Palliativmedizin kann nur in multidisziplinären und interinstitutionellen Teams erfolgreich agieren. Sie kommt ohne das Zusammenspiel aus Neurologie, Psychologie, Sozialarbeit und anderen Fachrichtungen nicht aus und muss auch die Bedürfnisse der pflegenden Angehörigen groß schreiben“, so Grisold.

Quellen: 21. Weltkongress für Neurologie, 21. – 26. September 2013,

WCN Teaching Course 17 und 17b: Palliative Care in Neurology; How to deal with wishes for hastened death; WCN Topical Seminar 14: Palliative care: A presentation of the World Federation of Neurology’s Applied Research Group on Palliative Care

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben