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Neue monoklonale Antikörper führen bei MS zu Schubreduktionen um 80 bis 90 Prozent.
 
Neurologie 4. November 2013

WCN 2013: Trend zur personalisierten Therapie bei Multipler Sklerose

Bei unterschiedlichen Patienten können mit ein- und derselben Behandlung höchst unterschiedliche Therapieerfolge erzielt werden.

Durch die rasche und exakte Diagnostik der Multiplen Sklerose kann durch frühzeitige gezielte Therapie mit modernen Medikamenten der weitere Verlauf der Erkrankung wesentlich beeinflusst und Behinderung verzögert werden, berichteten Experten beim Weltkongress für Neurologie in Wien. Besondere Anstrengungen gehen dahin, Therapien patientenfreundlicher und verträglicher zu machen, durch individualisierte Therapieansätze die verfügbaren Medikamente gezielter einzusetzen und die zum Teil erheblichen Nebenwirkungen besser zu vermeiden.

„In der Behandlung der Multiplen Sklerose (MS) geht der Trend immer mehr in Richtung verträglicherer, einfacher einzunehmender Medikationen und vor allem hin zu einer personalisierten, für die Patienten maßgeschneiderten Therapie“, betonte Prof. Dr. Eduard Auff vom AKH/Meduni Wien. „Derzeit etablieren sich viele neue Behandlungsmöglichkeiten und es gibt berechtigte Hoffnung, dass wir künftig Betroffenen besser und schneller helfen können“, so der Kongresspräsident.

Die Zahl der an Multiple Sklerose Erkrankten ist mit rund 2,5 Millionen Betroffenen weltweit zwar geringer als die der geradezu epidemischen neurologischen Erkrankungen wie Schlaganfall oder Demenz, unter jungen Erwachsenen zählt sie aber neben der Epilepsie zu den häufigsten neurologischen Erkrankungen. „MS zeichnet sich durch besondere Heterogenität aus“, erklärte Auff. „Klinischer Verlauf oder Schweregrad kann von Person zu Person stark variieren, und bei unterschiedlichen Patienten können bei ein- und derselben Behandlung höchst unterschiedliche Therapieerfolge erzielt werden. Schon deshalb sind Bemühungen um eine zunehmende Personalisierung der Therapie von besonderer Bedeutung.“

Verbesserte Therapieoptionen

Hinsichtlich der Therapie haben sich die Optionen deutlich verbessert. Heute stehen neben den Interferonen und Glatirameracetat auch monoklonale Antikörper zur Verfügung, die den zugrunde liegenden neuroimmunologischen Prozess an unterschiedlichen Stellen beeinflussen können und beispielsweise das Eindringen der aktivierten Lymphozyten, also aggressiver Immunzellen, in das Gehirn verhindern. Neben Medikamenten, die injiziert werden müssen, stehen auch oral einzunehmende Medikamente zur Verfügung bzw. werden derzeit in großen klinischen Studien erprobt.

Die neuen Medikamente können aber auch eine Reihe nicht unerheblichen Nebenwirkungen haben – vom Haarausfall über Bradykardie bis zur Progressiven Multifokalen Leukenzephalopathie (PML), einer gefährlichen Virusinfektion aufgrund der immunsuppressiven Wirkung mancher Medikamente. „Daher sollten sie gezielt dort eingesetzt werden, wo sie wirklich Nutzen bringen“, so Auff. „Zunehmend kristallisieren sich genetische Ursachen für die unterschiedliche Wirksamkeit von Medikamenten bei unterschiedlichen Patienten heraus, und es gibt große Anstrengungen, Biomarker zu identifizieren, die verlässlich den zu erwartenden Behandlungserfolg oder zu erwartende Nebenwirkungen anzeigen, damit Risiko und Nutzen individuell abgewogen werden können.“

Viele Sitzungen und Präsentationen zum Thema MS auf dem WCN 2013 beschäftigen sich nicht nur mit neuen, noch in Erprobung befindlichen Substanzen, sondern auch mit neuen Erkenntnissen zu den bereits verfügbaren Therapien und ihrem individualisierten Einsatz.

Dazu gehört etwa die Gestaltung des Umstieges von einer Therapie auf eine andere oder der Abbruch einer Therapie. Auff: „Eine auf dem WCN vorgestellte österreichische Studie (Salhofer-Polanyi et al) zeigt etwa, dass auch nach dem Abbruch der Therapie mit dem krankheitsmodifizierenden Natalizumab aufgrund von anhaltender Krankheitsaktivität oder aufgrund eines PML-Risikos kein Rebound-Phänomen, also kein Rückfall in eine verstärkte Krankheitsaktivität, auftrat.“ Eine italienische Untersuchung zeigt, dass Fingolimod nach dem Absetzen einer Natalizumab Therapie eine zweckmäßige Behandlungsalternative sein könnte (Melis et al). Eine deutsche Forschergruppe präsentiert die Ergebnisse von TYSTART, einem Register, in dem Patienten unter Natalizumab-Therapie erfasst werden, sowie neue Wirksamkeits- und Sicherheitsdaten zu Natalizumab aus der TYSABRI-24-PLUS-Studie.

Daten zu neuen MS-Medikamenten

„Auch Ergebnisse zu neuen Substanzen werden vorgestellt“, sagte Auff. Eine Reihe von Präsentation stellen Daten zur Sicherheit, Wirksamkeit und Auswirkungen auf die Lebensqualität einer neuen oralen Therapie mit Dimethylfumarat mit zweimal oder dreimal täglicher Dosierung vor (Abstracts Selmaj et al, Fox et al, Kait et al). Auch zum neuen, gerade eben von der europäischen Arzneimittelbehörde EMA für die Behandlung der MS zugelassenen, monoklonalen Antikörper Alemtuzumab werden Sicherheitsdaten sowie Ergebnisse zu Spezialfragen, wie der Auswirkung auf die Spermaqualität von MS-Patienten, präsentiert (Abstracts Lycke et al).

21. Weltkongress für Neurologie, 21. – 26. September 2013, Wien,Abstract: Salhofer-Polanyi et al, Discontinuation of natalizumab – reasons and implications; Abstract: Selmaj et al, Safety and tolerability of BG-12 in relapsing-remitting multiple sclerosis: interim results from the ENDORSE Extension Study; Abstract: Fox et al, Neuroradiological efficacy of oral BG-12 for relapsing-remitting multiple sclerosis: integrated analysis of the phase 3 DEFINE and CONFIRM studies; Abstract: Kita et al, BG-12 effects on quality of life in relapsing-remitting MS patients: integrated analysis of the phase 3 DEFINE and CONFIRM studies; Abstract Lycke et al: Adverse event profile of alemtuzumab over time in treatment-naive patients with early, active relapsing-remitting multiple sclerosis (CARE MS I study); Alemtuzumab has no adverse impact on sperm quality, quantity or motility: a CARE-MS sub-study; Abstract: Melis et al, Switching from natalizumab to fingolimod

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