zur Navigation zum Inhalt
© Sebastian Schreiter / Springer V erlag
 
Neurologie 4. November 2013

WCN 2013: Entzündliche Neuropathien

Therapiesuche für Patienten mit CIPD.

Entzündliche Neuropathien, immunmediierte Erkrankungen der peripheren Nerven, dürften häufiger sein als bisher angenommen, und ihre angemessene Behandlung ist wichtig, betonten Experten auf dem Weltkongress für Neurologie in Wien. Forscher diskutieren die mögliche Rolle von neuen krankheitsmodifizierenden Medikamenten, die sich schon in der Behandlung der Multiplen Sklerose oder von rheumatischen Erkrankungen bewährt haben, in der Therapie entzündlicher Neuropathien.

„Das wissenschaftliche Programm dieses Kongresses umfasste auch seltenere Krankheiten, die mit erheblichen Belastungen und Behinderungen einhergehen können“, betonte Prof. Richard Hughes aus London, Präsident der European Federation of Neurological Societies (EFNS). Dazu gehören entzündliche Neuropathien wie das Guillain-Barré Syndrom (GBS), die chronisch inflammatorische demyelinisierende Polyradikuloneuropathie (CIDP) oder die multifokale motorische Neuropathie (MMN), immunmediierte Erkrankungen der peripheren Nerven.

„Die jährliche Inzidenz von GBS bleibt mit etwa 1/ 100.000 stabil, doch neuere Studien zeigen, dass die Häufigkeit von CIDP und ähnlichen Erkrankungen mit 10/100.000 weit häufiger sein dürften als bisher vermutet” so Hughes. „Zusammengenommen sind diese entzündlichen Neuropathien durchaus verbreitet, und eine angemessene Diagnose und Therapie ist von größter Bedeutung.“

Rolle von neueren krankheitsmodifizierenden Medikamenten

Die vergangenen Jahre haben wichtige Fortschritte im Management dieser Erkrankungen gebracht. „Obwohl es jetzt etablierte Therapien mit nachgewiesener Wirksamkeit bei entzündlichen Neuropathien gibt, wie intravenöse Immunglobuline (IVIg), Kortikosteroide oder Plasmapherese, spricht ein Teil an Patienten auf keine Behandlung an. Und nicht alle Menschen, die behandelt werden, erhalten notwendigerweise die für sie optimale Therapie“, sagte Hughes. „Derzeit wird verstärkt die mögliche Rolle von neueren krankheitsmodifizierenden Medikamenten in der Behandlung von entzündlichen Neuropathien untersucht, die sich bereits in der Therapie der MS oder von rheumatischen Erkrankungen bewährt habe.“ Dazu wurden auf dem Kongress eine Reihe von Studien, beispielsweise zur CIDP, präsentiert. Diese chronisch sensomotorische Neuropathie führt zu erheblichen Behinderungen.

Fingolimod bei CIPD

Hughes ist führendes Mitglied einer internationalen Studiengruppe, an der acht europäische Zentren beteiligt sind und die auf dem Kongress Aktuelles zur FOR CIDP Studie berichtet. Diese Studie soll evaluieren, ob Fingolimod, das als orale MS-Therapie eingesetzt wird, bei CIDP Behinderungen verzögern kann (Hughes et al). „Diese immunmodulierende Substanz konnte bei experimenteller Autoimmun-Neuritis beidseitige Lähmungen vollständig verhindern, die Infiltration von T-/B-Zellen in Immunzellen und den Myelinverlust des Ischiasnervs verringern“, so Hughes. “Wir wollen jetzt herausfinden, ob die Substanz bei CIDP-Patienten die Behinderungsprogression verzögern kann, wie sicher sie ist und wie gut sie vertragen wird.”

FORCIDP ist eine doppelblinde, randomisierte, plazebokontrollierte Multicenterstudie mit erwachsenen CIDP-Patienten, die nach Absetzen einer CIDP Therapie wieder Krankheitsaktivität aufwiesen. „Der primäre Endpunkt ist die Zeit bis zum ersten Behinderungsschub“, erklärte Hughes.

Weitere Therapieansätze

Die Substanz ist nicht der einzige neue Behandlungsansatz bei CIDP. Andere Ansätze sind aber weniger vielversprechend. Eine kanadische Gruppe (Garneau et al) präsentiert Daten zur Behandlung von Patienten mit Myasthenia gravis, Dermatomyositis, Neuromyelitis optica, NMDA, Enzephalitis, Vaskulitis und CIDP mit dem monoklonalen Antikörper Rituximab, der in der Onkologie und Rheumatologie etabliert ist. Die Studie zeigt, dass Rituximab zwar für die Behandlung von entzündlichen Myopathien und Myasthenia gravis empfohlen werden kann, nicht aber bei CIDP.

Eine japanische Studie (Tanaka et al) zeigt, wie wichtig eine rasche Behandlung von CIDP nach dem Auftreten erster Symptome ist, unabhängig von der konkreten Therapiewahl. 75 Prozent der Patienten, die acht Wochen und weniger nach Krankheitsbeginn behandelt wurden, und 42 Prozent der Patienten, die zwischen acht Wochen und einem Jahr nach Krankheitsbeginn erstmals therapiert wurden, hatten eine gute Prognose, aber kein Patient, der erst später erstmals behandelt wurde.

Andere präsentierte Studien untersuchen die Wirksamkeit bei bestimmten Subtypen von CIDP. Eine moldawische Forschergruppe (Marcoci et al) zeigt in einer bevölkerungsbasierten Studie, dass intravenöse Immunglobuline sich bei allen Phänotypen von CIDP als wirksam erweisen. Kortikosteroide sind bei kurzfristiger Behandlung von CIDP wirksam, nicht aber bei motorischen Formen der Erkrankung. Die Behandlung mit Kortikosteroiden in Kombination mit Azathioprin ist eine kosteneffiziente Behandlung motor-sensitiver und sensitiver Neuropathien.

Quelle: 21. Weltkongress für Neurologie, Wien, 21.-26. September 2013, Abstract Hughes et al, Fingolimod (FTY720) oral for the treatment of chronic inflammatory demyelinating polyradiculoneuropathy (CIDP): study design of the phase 3 FORCIDP trial; Abstract Marcocci et al, Immunosuppressive treatment in relation to different phenotypes of clinical presentation of chronic inflammatory demyelinating polyneuropathy (CIDP); Abstract Tanaka et al, Time from onset to treatment and prognosis in patients with CIDP: a 3-year follow-up of 29 cases; Abstract Garneau et al, Use of Rituxan in neurological disease and outcomes in key disease groups.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben