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© Getty Images/iStockphoto
Jeder fünfte Endoprothesenempfänger ist unter 60 Jahre alt. Die Erwartungen der Patienten an künstliche Gelenke sind sehr hoch.

 

 
Orthopädie 4. November 2013

Anspruch an künstliche Gelenke wächst

Immer mehr junge Patienten mit Endoprothesen.

Mittlerweile ist jeder fünfte Patient, dem ein künstliches Gelenk eingesetzt wird, unter 65 Jahre alt. Denn immer mehr Patienten leiden früh unter Gelenkerkrankungen wie Arthrose. Um Schmerzen und weitere Gelenkschäden zu umgehen, entscheiden sie sich für einen Gelenkersatz. Doch je jünger der Patient, desto höher der Anspruch an die Lebenszeit und Stabilität des Implantats. Welchen Herausforderungen die Endoprothesenversorgung heute begegnen muss und welche Implantate besonders für junge Patienten geeignet sind, erklärten Experten beim Deutschen Kongresses für Orthopädie und Unfallchirurgie (DKOU) in Berlin.

Noch vor wenigen Jahren setzten Orthopäden meist nur älteren Menschen mit massiven Gelenkschäden Endoprothesen ein „Heute versorgen wir immer jüngere Patienten, die von Arthrose betroffen sind, mit künstlichen Gelenken“, verdeutlicht Prof. Dr. Karl-Dieter Heller, Kongresspräsident des DKOU 2013 den Trend. Das sei aber nicht auf die viel zitierte „Operationswut“ von Ärzten zurückzuführen: „Gerade bei den jüngeren Patienten liegen meist schwere Vorerkrankungen des Hüftgelenkes mit schweren Verformungen und somit komplexen Situationen vor.“

Hüftgelenke im Trend

Während man früher den Zeitpunkt für den Einsatz eines künstlichen Hüftgelenks, nicht zuletzt durch die nach wie vor begrenzte Haltbarkeit desselben, möglichst weit hinaus gezögert hat, wird mittlerweile ein Trend zu Operationen auch bei Jüngeren beobachtet. „Die gestiegene Qualität und die Größe der Prothesen ermöglicht es, Operationen bereits in jüngeren Jahren zu realisieren, um verschleißbedingte Beschwerden zugunsten von mehr Lebensqualität zu reduzieren. Außerdem sind die Betroffenen heute nicht mehr gewillt, dauerhaft mit Behinderung und Schmerzen zu leben“, so Heller.

Künstliche Gelenke bei jüngeren Patienten sollten neben der hohen Lebenszeit jedoch noch weitere Kriterien erfüllen: Das Implantat muss etwa einen geringen Grad an Abrieb aufweisen und es muss ohne große Schäden am Knochen zu hinterlassen auch nach einigen Jahren ersetzbar sein. „Hier spielt die Materialkombination des künstlichen Gelenks eine entscheidende Rolle“, erklärt Heller. Zum einen sei der Abrieb durch die Bewegung höher als bei älteren Patienten, insbesondere wenn der Patient Sport treibt. Zum anderen spiele der die Prothese umgebene Knochen eine große Rolle. „Wir bevorzugen knochenschonende Prothesen, insbesondere Kurzschaftprothesen“, so Heller. So stehe bei dem nach rund 15 Jahren notwendigen Prothesenwechsel noch genug Knochenmaterial zur Verfügung, um eine Standardprothese einzubauen.

Die Technik der Verankerung im Knochen, die früher oft zementiert durchgeführt wurde, hat sich nun zugunsten einer zementfreien Verankerung, sowohl im Pfannen- als auch im Schaftbereich verändert. Es werden vornehmlich Prothesen aus Titan mit besonderen Oberflächen gewählt, da sie zügig und nachhaltig in das Knochengewebe einwachsen.

Neben den Materialien haben sich in den vergangenen Jahren auch die Techniken deutlich geändert: Man geht mehr und mehr zu einem minimal-invasiven, das heißt muskelschonenden Einbau der Prothese über, wie Heller erklärt: „Die modernen Techniken erlauben, ohne jegliche Ablösung von Muskulatur die Prothese sicher und gut zu verankern, so dass kein Muskel zerstört wird.“ So kann der Patienten sich wieder schnell in den Alltag einfinden und eine kontinuierliche Bewegung aufnehmen.

„Die junge Altersgruppe, das heißt Patienten unter 60 Jahren, die annähernd 20 Prozent aller Menschen mit Hüftprothesen ausmachen, stellen also aufgrund ihrer höheren Beanspruchung der Prothese und aufgrund der höheren Lebenserwartung eine besondere Herausforderung dar, der durch die zu wählenden Materialien, den Prothesentyp und den Zugangsweg entsprochen wird“, fasst Heller zusammen. „Diese Aussagen sind aber nur zum Teil auf die Knieendoprothetik zu übertragen.“

Unzufriedene Kniepatienten

Trotz der großen Fortschritte in der Endoprothetik des Kniegelenks stößt diese an ihre Grenzen: Rund 15 Prozent der Patienten mit künstlichen Kniegelenken sind trotz optimaler Operation und der Verwendung von hochwertigen Materialien mit dem Ergebnis unzufrieden. „Das liegt nicht daran, dass hier operativ irgendetwas fehlerhaft durchgeführt wurde, sondern daran, dass die Erwartungen der Patienten deutlich über dem liegen, was ein künstliches Kniegelenk zu leisten vermag,“ bedauert Heller. „Schmerzfreiheit und gute Beweglichkeit werden als selbstverständlich betrachtet und auch meist erreicht. Die komplette Wiedererlangung der Sportfähigkeit und damit der Erfüllung aller Erwartungen, ebenso wie ein komplett normales Bewegungsverhalten des Kniegelenkes wie vor der Erkrankung, sind jedoch nicht in allen Fällen erreichbar.“ Dies müsse der behandelnde Arzt bei der Patientenaufklärung unbedingt erwähnen.

Insbesondere junge Patienten neigen zu solch hohen Erwartungshaltungen, was dann zu einer gewissen Unzufriedenheit führt. „Umso wichtiger ist die mit größter Sorgfalt zu stellende OP-Indikation“, betont Heller. Wie auch bei der Hüfte ist die Wahl eines guten Operateurs ebenfalls von hoher Bedeutung. Heller: „Die Komplexität der Knieendoprothetik ist höher als die an der Hüfte, da hier ein komplexer Bewegungsablauf unter adäquater Bandführung wieder hergestellt werden muss.“

 

Pressestelle DKOU, Ärzte Woche 45/2013

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